print-img
Elsa Kremser & Levin Peter | Space Dogs

Elsa Kremser & Levin Peter | Space Dogs

[…] Der nötige epistemologische Schritt zur anderen Wahrnehmung ist also nicht unüberwindbar gross, bietet aber, wie man im Laufe von «Space Dogs» bald bemerkt, durchaus das eine oder andere Erschütterungsmoment.

[…] «Space Dogs» schliesst in gewisser Weise an Bulgakows Satire an, indem er die realen Auswirkungen eines autoritären Machtapparats auf sämtliche unter ihm lebenden Kreaturen ausweitet».

[…] Der Schock ist notwendig, um von dem Zuschauer jegliche anthropomorphen Vorstellungen von Hunden gleichsam narkosefrei zu entfernen. Und dadurch einen Blick auf die Gewalt zu ermöglichen, die immer schon relativistisch war und es auch immer sein wird. Für Laika und ihre kosmonautischen Artgenossen mag das nur ein schwacher Trost sein.

Podcast

Interview: Giuseppe Di Salvatore                            Concept & Editing: Ruth Baettig

loading player ...

Find a list of all our Podcasts here.

*

Space Dogs ist eine Art Ungeheuer von einem Film. Diese Aussage bezieht sich nicht nur auf jene Szene, auf welche die endlos faszinierende Dokumentation von Elsa Kremser und Levin Peter in den Gesprächen in Locarno notgedrungen reduziert wurde, sondern auf seine gesamte Herangehensweise. Wie Peter Mettler mit Becoming Animal versuchen Kremser und Peter zu einer Perspektive auf die Wirklichkeit zu gelangen, die keine rein menschliche mehr ist. Die verwendeten Methoden könnten sich allerdings nicht drastischer unterscheiden. Während bei Mettler das Ausloten nicht menschlicher Wahrnehmungsmuster stark von den Texten David Abrams getragen ist, wird in Space Dogs versucht, die tierische Wahrnehmung alleine mittels der Kameraposition, einer entrückten zeitlichen Wahrnehmung sowie mit poetisch eingesetztem Archivmaterial heraufzubeschwören. Kein Film hat mich dieses Jahr in Locarno mehr beeindruckt. Und keine Szene hat sich mir tiefer ins Bewusstsein hineingefressen als eben jene, von der nach dem Film alle sprachen. Die mit der Katze.

Der Film beginnt im Weltall, und zwar ohne orientierenden Kontext. Den hatten auch die Hunde nicht, die vom sowjetischen Weltraumprogramm in den späten 50er-Jahren von Moskaus Strassen wegrekrutiert und in kleinen Kapseln jenseits der Erdatmosphäre geschossen wurden. Der Hündin Laika, das erste Lebewesen, welches unsere Erde verlassen durfte, war es nach abgeschlossener Mission nicht vergönnt, auf diese zurückzukehren und als Heldin des Sowjetstaates gefeiert zu werden. Stattdessen verglühte sie unzeremoniell beim Wiedereintritt in die Erdatmosphäre in ihrer Weltraumkapsel, als die Erdgravitation diese «zurückforderte», wie es der Sprecher im Voice-over recht unwissenschaftlich formuliert. Das Einzige, was von ihr übrig blieb, waren die Aufzeichnungen ihres schliesslich abrupt verstummenden Herzschlags. Den anderen, ihr nachfolgenden tierischen Weltraumpionieren – «the right stuff» noch vor Chuck Yeager (The Right Stuff, 1983), Juri Gagarin und Neil Armstrong – erging es nur wenig besser. Ein Schimpanse, den die Amerikaner Laika hinterherschickten, hielt seinem Weltraumausflug trotz erfolgreicher Rückkehr psychologisch nicht stand. Nach seiner Rückkehr erlitt er Panikattacken beim Anblick von Weltraumkapseln, wurde depressiv und erlag wenige Jahre später einem Nierenversagen. Laikas Geist aber, heisst es im Film, und man kann es sich nicht anders vorstellen, soll auf die Erde zurückgekehrt sein und noch immer noch in ihren Nachkommen auf den nächtlichen Strassen Moskaus leben. Durch diese beobachte sie immer noch seltsam desinteressiert (oder vielmehr mit gänzlich eigenen Interessen), was aus ihrer einst glorreichen Heimat geworden ist.

Der ganze Teil von Space Dogs, der sich mit der Geschichte der kosmonautischen Hunde befasst, gehörte nicht zum Ursprungskonzept von Kremser und Peter. Das ist umso überraschender, als gerade diese Archivszenen und deren poetische Eingliederung in die Beobachtungen in den Randbezirken Moskaus die Space Dogs buchstäblich abheben lassen. Das soll nicht heissen, dass der andere, längere, zeitgenössische Teil schwerfällig wäre. Durch das Wegfallen von fast jeglichem Interesse für menschliche Belange gelingt es Space Dogs, jene urbanen Räume «wo die menschliche Kontrolle schwindet, die Stadt zerfällt und dadurch neue Räume entstehen» auf eine Weise zu beleuchten, wie es sie vorher noch nicht gegeben hat: durch die Sichtweise eines anderen Lebewesens. Dem Zugang zu dieser dezidiert anderen Perspektive kommt zugute, dass es sich um jene des Hundes handelt – jenes Lebewesens, mit dem sich der Mensch seit jeher am meisten verbunden zu sein glaubt (und jenes Gefühl als auf Gegenseitigkeit beruhend annimmt). Der nötige epistemologische Schritt zur anderen Wahrnehmung ist also nicht unüberwindbar gross, bietet aber, wie man im Laufe von Space Dogs bald bemerkt, durchaus das eine oder andere Erschütterungsmoment. Das ist insbesondere der bewusst gewählten Herangehensweise der Filmemacher zu verdanken, die sich selbst gänzlich aus der Handlung des Filmes herausnehmen und dem Hunderudel so unvoreingenommen und urteilsfrei in die nächtlichen und frühmorgendlichen Strassen Moskaus folgen, wie es nur möglich ist. Denn – und das zeigt der Film schon bald und ziemlich deutlich mit seinem Katzenopfer – man gelangt mit menschlichen moralischen Massstäben in der Welt der Hunde schnell an die Grenzen. Das gilt auch, wenn diese Massstäbe in der zweiten Hälfte des Filmes auf eindringlichste Art in Zweifel gezogen oder zumindest als schwer deformiert dargelegt werden.

Die Tiere, die man naturgemäss ohne deren Einverständnis in die Erdumlaufbahn schoss, wurden ausgewählt, weil es sich bei den Moskauer Strassenhunden aufgrund der erbarmungslosen Lebensumstände um die tapfersten und zähsten Lebewesen nebst dem Menschen handeln solle. Das Kompliment sollte sich eher als Fluch denn als Segen für die Hunde erweisen, die im Vorfeld der Expeditionen und im Namen des Fortschritts grausamen Experimenten und chirurgischen Vorbereitungsmassnahmen unterzogen wurden. Sollten in den Nachfahren heute tatsächlich noch die Geister ihrer auserwählten Vorfahren schlummern, dürfen sich die Einwohner Moskaus glücklich schätzen, wenn deren Rache bloss ihre Autos, an denen die Hunde gerne und unerklärlicherweise herumbeissen, und die eine oder andere Katze zu spüren bekommen. Der Alltag der Hunde mag zwar äusserlich relativ ereignislos wirken, lässt aber durch die Zeit, welche die Filmemacher ihren Beobachtungen auch von ruhigen Momenten zugestehen, auf ein reiches Sozialwesen und Innenleben sowie auf eine Intelligenz schliessen, die mit anderen Massstäben gemessen werden muss. Wir folgen den Hunden buchstäblich auf Augenhöhe, was einerseits dazu beiträgt, dass die Perspektive auf das Geschehen tatsächlich eine neue ist, was für einen Naturdokumentarfilm nun wirklich nie die Regel ist. Andererseits stellt diese Perspektive eine beeindruckende technische Leistung dar. Die Steadycam-artige Vorrichtung, die nötig war, um ein auf dieser Höhe sich sanft, aber doch organisch bewegendes Bild herzustellen, wurde eigens für den Film entwickelt. Grosse Sorgfalt wurde auch bei der Entwicklung der Tonspur angewandt, die tatsächlich die Wahrnehmung der Hunde wiederzugeben scheint und nicht etwa den Standpunkt eines menschlichen Beobachters. Dabei versteht sich von selbst, dass so etwas wie eine tatsächliche tierische Wahrnehmung in einem Film wiederzugeben nicht möglich ist. Aber das ist ein Problem für die Philosophie, nicht für die Filmkritik.

In Michail Bulgakows satirischem Roman Das hündische Herz beginnt der ehemalige Strassenhund Lumpi nach seiner Menschwerdung (nachdem ihm Hirnanhangsdrüse und Hoden eines Verbrechers eingepflanzt worden sind), die Strassen Moskaus von herumstreunenden Tieren zu säubern. Das Buch stellt eine Kritik an den sowjetischen Utopien des neuen Menschen dar, indem dessen nach wie vor vorhandenen Triebe mit jenen des Hundes gleichgesetzt werden, wobei auch ein Mensch mit der Intelligenz eines Hundes in einer real-kommunistischen Gesellschaft immer noch «funktioniert». Space Dogs schliesst in gewisser Weise an Bulgakows Satire an, indem er die realen Auswirkungen eines autoritären Machtapparats auf sämtliche unter ihm lebenden Kreaturen ausweitet. Dabei verkompliziert er aber auch das Verhältnis zwischen tierischer und menschlicher Moral, die bei Bulgakow zumindest metaphorisch noch vergleichbar oder gar austauschbar sind.

Space Dogs lässt solche einfachen Schlüsse kaum zu. Wenn das Hunderudel eines frühen Morgens in einer Wohnsiedlung plötzlich und blitzschnell eine friedlich dastehende Hauskatze erbeutet und in einer fast unerträglich langsamen Einstellung langsam zu Tode beisst, kann man diesem Ereignis eigentlich nur fassungslos beiwohnen (oder sich dazu entscheiden, das Kino zu verlassen). Die Szene ist dabei trotz ihrer scheinbaren Einfachheit und Gradlinigkeit relativ komplex. Kaum jemandem wird es einfallen, die Hunde für ihren Instinkt zu verurteilen. Selbst dann noch nicht, wenn die Katze ihr letztes erbärmliches Miauen von sich gegeben hat und die Hunde ihren Körper nunmehr desinteressiert im Vorgarten des Wohnblocks liegen lassen. Die Frage stellt sich eher an die Filmemacher: nicht wie sie über das Verhalten der Hunde urteilen (was sinnlos ist), sondern ob man die Szene in einem Film zeigen kann und worin der Nutzen einer solchen Darstellung besteht. Durch die absolut konsequente Übernahme der Perspektive der Strassenhunde sowie einer Haltung, die sich jedes moralische Urteil verbietet, ist die Antwort in Bezug auf Space Dogs aber eindeutig. Der Schock ist notwendig, um von dem Zuschauer jegliche anthropomorphen Vorstellungen von Hunden gleichsam narkosefrei zu entfernen. Und dadurch einen Blick auf die Gewalt zu ermöglichen, die immer schon relativistisch war und es auch immer sein wird. Für Laika und ihre kosmonautischen Artgenossen mag das nur ein schwacher Trost sein. Die Motivationen der Zweibeiner bleiben ihnen so fremd, wie sich uns auch ihre Motivationen auf den willkürlichen Streifzügen durch urbane Beinah-Ruinen, ihr Umgang untereinander und ihr Verhalten gegenüber weiteren, noch fremdartigeren Bewohnern Moskaus, die sich nicht immer schnell genug in Sicherheit bringen können, nie ganz erschliessen werden.

Text: Dominic Schmid | Audio/Video: Ruth Baettig

First published: August 22, 2019

Space Dogs | Film | Elsa Kremser, Levin Peter | AT-DE 2019 | 91’ | Locarno Film Festival 2019

More Info 

Explore more

Newsletter Subscription

Subscribe to our newsletter and stay in touch