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Purple Sea

Purple Sea

[…] Die Montage ist schwarze Magie und der ganze Film ein Fluch. Gegen Europa und seine Grenzen gerichtet. «Fuck you all.»

[…] Die Bilder- und Biopolitik der Gegenwart: blaues Meer und abstrakte, entmenschlichte Körper, der Horizont im Lot. Die Menschen kaum mehr als Zahlen.

[…] Die Stimme, das Denken, kämpft gegen diesen an, ist nicht weniger wichtig als die Schwimmwesten. Sie bewahrt die Subjektivität.

Podcast

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Text: Dominic Schmid | Reading: Denise Hasler | Editing: Lena von Tscharner

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Purple Sea ist eine Zumutung, im besten und im schlechtesten Sinne. Als Filmerlebnis befindet sich das Werk der syrischen Künstlerin Amel Alzakout (Co-Regie: Khaled Abdulwahed) nur knapp diesseits der Grenze des Erträglichen; als Dokument eines Ereignisses, das am 28. Oktober 2015 stattgefunden und sich seither unzählige Male wiederholt hat, überschreitet es diese. Notwendigerweise. Das hätte in einem Galerie-/Museums-/Ausstellungskontext besser funktioniert, hört man manchmal als Reaktion auf formal etwas schwierigere Filme, was in der Regel nichts anderes heisst, als dass man von dort besser flüchten kann, wenn es unangenehm wird. Auch wenn Purple Sea nur wenig mehr als eine Stunde dauert, kommt einem diese unendlich länger vor. Die Montage ist schwarze Magie und der ganze Film ein Fluch. Gegen Europa und seine Grenzen gerichtet. «Fuck you all.»

Die Fähre hätte eineinhalb Stunden benötigt. Nach vier Stunden im Wasser kreist ein Helikopter über der Unglücksstelle, ein rotes Licht lässt die im Wasser treibende Regisseurin eine Kamera vermuten, auf die Ertrinkenden gerichtet. Die Bilder- und Biopolitik der Gegenwart: blaues Meer und abstrakte, entmenschlichte Körper, der Horizont im Lot. Die Menschen kaum mehr als Zahlen. 316 Passagiere, 274 Überlebende. In der Tagesschau hört dich keiner schreien.

Purple Sea kehrt diesen Blick nicht um, vermenschlicht ihn auch nicht. Die Kamera ist an die Hand gebunden, die mit Überleben beschäftigt ist. Sie sieht andere Hände, strampelnde Beine und Füsse, aber keine ganzen Körper oder Gesichter, an denen man sich festhalten kann. An deren Stelle treten blaue und schwarze Farbflächen, Kleidermarkenlogos, Getränkebüchsen und immer wieder die orangenen Rettungswesten. Letztere scheinen auch für einen Grossteil der Geräusche verantwortlich zu sein. Plastik, das auf Plastik reibt, verzerrt durch das Wasser. Und das ist immer noch angenehmer, als wenn die Kamera für einen Augenblick über die Wasseroberfläche steigt, wo eine Kakofonie aus Schreien und Trillerpfeifen herrscht. Die Stimme der Regisseurin im Off versucht sich zu einem anderen Ort hin zu retten, in eine andere Zeit. In die Vergangenheit in den Bergen: «Ich hasse das Meer.» In die ungewisse Zukunft nach Berlin, zu einem Spaziergang im Park. Überallhin, nur weg vom Jetzt, das den Tod bedeutet.

Die Stimme, das Denken, kämpft gegen diesen an, ist nicht weniger wichtig als die Schwimmwesten. Sie bewahrt die Subjektivität. Gleichzeitig ist sie das absolute Gegenstück des Kamerablicks, den zu charakterisieren fast unmöglich ist. Er erinnert paradoxerweise sowohl an jenen von Philip Scheffners Havarie als auch an Leviathan von Lucien Castaing-Taylor und Véréna Paravel aus dem Sensory Ethnography Lab – zwei Filme, die in ihrer affektiven Wirkung kaum unterschiedlicher sein könnten. Scheffner, der auch diesen Film hier geschnitten hat, dehnte in Havarie eine etwas mehr als dreiminütige Aufnahme (ein Blick von einem Kreuzfahrtschiff auf ein gekentertes Flüchtlingsboot) auf über 90 Minuten, die trotzdem relativ rasch vorbei sind, während hier sich die vier zusammengerafften Stunden wie eine Ewigkeit anfühlen. Es braucht keine Lichtgeschwindigkeit, um die Zeit relativ werden zu lassen. Mit Leviathan teilt er das Element Wasser, in dem sich die Kamera nicht nur bewegt, sondern das auch alle Bilder bestimmt. Das Ergebnis ist – in beiden Filmen – die fast vollständige Entkörperlichung des Blicks. Diese hat eine extreme Unmittelbarkeit zur Folge, mit schwierig beschreibbaren Auswirkungen auf die affektive Wirkung. Man identifiziert sich in Purple Sea genauso wenig mit den im Wasser treibenden Körpern, wie man sich in Leviathan mit den Fischen oder den Fischern identifiziert, auch wenn man beiden audiovisuell näher kommt als sonst irgendwo. Doch man ist da. Und dann. Purple Sea ist ein Film, vor dem man nicht wirklich weglaufen kann. Weder im Kino noch im Ausstellungskontext. Weil die Bilder ein Teil von uns sind.

Das konsequent Paradoxe ist die grösste Zumutung von Purple Sea. Weil Subjektivität durch Entkörperlichung erarbeitet wird, entwirft der Film eine Art allgemeingültige Individualität, die schmerzt. Die Übelkeit erweckenden Bilder sind gleichzeitig von einer Art entrückten, perversen, konvulsiven Schönheit. Das Zeitempfinden, sonst eine Art Schutzmauer, wird buchstäblich im Meer ertränkt. Und schliesslich die erschütternde Tatsache, dass, obwohl es seine Bilder und Töne nicht geben sollte, kaum ein Film unsere Gegenwart treffender erfasst.

Text: Dominic Schmid | Audio/Video: Lena von Tscharner

First published: April 24, 2020

Purple Sea | Film | Amel Alzakout | DE 2020 | Visions du Réel 2020, International Feature Film Competition

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