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Un couteau dans le coeur

Un couteau dans le coeur

[…] Yann Gonzalez’ zweiter Langspielfilm reiht sich nahtlos in den angesprochenen filmischen Diskurs ein, ist Hommage und Reverenz an «Peeping Tom», Mulvey, Giallo und Slasher, aber auch an Hitchcock und De Palma und deren Obsessionen. Das klingt ziemlich nach Pastiche, was es auch ist, doch Gonzalez spielt so meisterhaft mit diesen Zeichen und ordnet sie zudem auf eine Weise um, die neu, aufregend und vor allem höchst unterhaltsam ist.

[…] Zuallererst ist «Un couteau dans le coeur» aber eine Hommage an den französischen Schwulenporno der 1970er-Jahre, wobei die von Vanessa Paradis gespielte Regisseurin Anne von einer realen Regisseurin namens Anne-Marie Tensi inspiriert ist.

In Michael Powells Peeping Tom (1960) war das Messer direkt an der Kamera angebracht, mit der der von Carl Boehm gespielte Psychopath seinen weiblichen Opfern erst nachstellte, um sie dann vor und mit der laufenden Kamera zu ermorden. Der Film, der die Karrieren sowohl seines Hauptdarstellers als auch seines Regisseurs beinahe ruinierte, war auch ein nicht allzu subtiler Kommentar auf die inhärente Gewalttätigkeit des (männlichen) Blickes im Kino, der mittels Kameraeinstellung und Schnitt den Frauenkörper in Raster zwängt, Blickhierarchien unterordnet und schliesslich – durch den Schnitt – symbolisch zerschneidet. So war Peeping Tom eine Vorwegnahme nicht nur von Laura Mulveys berühmten Essay zum male gaze («Visual Pleasure and Narrative Cinema»), sondern auch des Giallo- und des Slasherfilms – jener beiden Filmgenres, denen die Verbindung zwischen Sex und Gewalt am explizitesten in die DNA eingeschrieben ist und die beide erst seit kurzer Zeit langsam ihren verfemten Ruf ablegen und von der Kritik wie von der Akademie etwas ernster genommen werden. Etwas länger dauern wird dies wohl noch beim Porno, wobei auch hier bereits zaghafte Fortschritte erkennbar werden und womit wir langsam auch bei Un couteau dans le coeur angelangt sind. Yann Gonzalez’ zweiter Langspielfilm reiht sich nahtlos in den angesprochenen filmischen Diskurs ein, ist Hommage und Reverenz an Peeping Tom, Mulvey, Giallo und Slasher, aber auch an Hitchcock und De Palma und deren Obsessionen. Das klingt ziemlich nach Pastiche, was es auch ist, doch Gonzalez spielt so meisterhaft mit diesen Zeichen und ordnet sie zudem auf eine Weise um, die neu, aufregend und vor allem höchst unterhaltsam ist.

Da ist der Blick – jeder, der beobachtet, begehrt und schliesslich zerstört, kein (rein) männlicher mehr, sondern ein auf mehreren Ebenen queerer. Die Metaebenen geben sich die Klinke in die Hand, der Regisseur des Films (Gonzalez) spiegelt sich in seiner Hauptfigur, einer Frau, die Schwulenpornos dreht. Zudem schaut man der Cutterin bei der Arbeit an diesen Filmen zu, während der Film jene Arbeit über den Schnitt wiederum doppelt und kommentiert. Die Blickhierarchien und andere figurative und symbolische Machtverhältnisse sind also schon um einiges komplexer als einem schlüssigen und nachvollziehbaren Plot zuträglich sein kann, der hier in der Gestalt eines Serienmörders auch noch auf seine Kosten kommen will. In Un couteau dans le coeur passiert aber wie gesagt auf formaler und repräsentativer Ebene bereits so viel, dass man sich jegliche Verschwendung von Aufmerksamkeitsressourcen für die Auflösung des Slasher-whodunits getrost sparen kann, zumal sich auch Gonzalez selbst hier keine allzu grosse Mühe zu geben scheint. Der reine Plot hat dann auch einiges mehr von der Beliebigkeit des Giallo als von der psychologischen Meisterschaft Hitchcocks. Doch erfreulicherweise gilt dasselbe auch für die grelle Farbgebung (rot, blau und dann lange erst mal nichts) und für die musikalische Untermalung (analog klingender Electro von M83).

Zuallererst ist Un couteau dans le coeur aber eine Hommage an den französischen Schwulenporno der 1970er-Jahre, wobei die von Vanessa Paradis gespielte Regisseurin Anne von einer realen Regisseurin namens Anne-Marie Tensi inspiriert ist. Diese realisierte während des «Golden Age of Porn» – oft unter Pseudonym – eine grosse Anzahl von Pornos, starb relativ jung und tragisch in den 90ern und ist heute weitgehend vergessen. Von ihrem Vorbild übernimmt Paradis’ Figur sowohl einen Hang zur Selbstzerstörung durch Alkohol, die Beziehung zu ihrer Cutterin Loïs als auch die Angewohnheit, persönliche Erfahrungen in den Filmen künstlerisch zu verarbeiten. Obwohl kaum ein Film von Tensi noch existiert, stellt Gonzalez diese als regelrechte auteure in ihrem Format dar. In einer Szene, in der sich Anne in eine Vorführung ihres neuen Films Le tueur homo schleicht, sitzt zwischen den ganzen Masturbatoren im Pornokino ein Kenner und aufrichtiger Verehrer ihres Œuvres, der ihr zu einem Meisterwerk gratuliert. Pornos waren in den 70ern, und das weiss man nicht erst seit Boogie Nights, noch ein ernst zu nehmendes und auch durchaus ernst genommenes Filmgenre; «Porno Chic» hiess das.

Ein anderes war eben der Giallo, der für Gonzalez’ Film nicht weniger wichtig ist. Bereits in der ersten Szene taucht der Mörder in schwarzer Ledermaske und mit im Dildo versteckten Messer auf und ermordet damit einen von Annes Darstellern, der, der sich das Ganze ein wenig anders vorgestellt hat, ans Bett gefesselt ist. In immer schneller werdender Parallelmontage schaut sich Anne zur selben Zeit eine Szene aus ihrem letzten Film an, in dem das Opfer mitspielt und gerade ungleich freundlicher penetriert wird. Der letzte Stich/Schnitt vor dem Tod gehört dem Messer einer Filmklebepresse in Nahaufnahme, um in aller Deutlichkeit noch einmal die These der inhärenten Brutalität des Filmschnittes zu bekräftigen. Die Cutterin hat gerade mit Anne Schluss gemacht.

Worum es dann «wirklich» geht in Un couteau dans le coeur, nebst eben jenen Ausformulierungen, Umkehrungen und queer readings des Giallo-Slashers, wird, wohl mit Absicht, nie ganz eindeutig. Dafür, den maskierten Killer als Metapher für die etwa zu dieser Zeit langsam ausbrechende AIDS-Epidemie zu lesen, gibt es etwas gar wenige konkrete Hinweise. Tatsächlich beendete das Virus das «Golden Age of Porn» ziemlich eigenhändig nicht nur in Frankreich – es gab wohl keine Industrie auf der Welt, die anfälliger auf eine sexuell übertragbare Krankheit war, als die hier dargestellte. Wenn also ein Darsteller nach dem anderen durch den Messerdildo des Killers den Tod findet, lassen sich diesbezüglich aber eigentlich keine anderen Schlüsse ziehen, auch wenn der Plot schliesslich in eine andere Richtung führt, nämlich aufs Land und zur Intoleranz. So ist eine der Hauptstimmungen des Filmes – nebst der grellen Hysterie des Slasher-Plots, der zitatfreudigen Ehrerbietung an die grossen Voyeure der Filmgeschichte und sogar einem kleinen Abstecher ins Mythologische – vor allem eine der Nostalgie für eine Zeit, in der der Sex im Kino noch etwas Gefährliches war.

First published: November 19, 2018

Un couteau dans le coeur | Film | Yann Gonzales | FR-CH 2018 | 102’ | GIFF Genève 2018

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Screenings at Kino Xenix Zürich, Cinéma CityClub Pully and Cinérama Empire Genève

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