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Ostrov - Lost Island

Ostrov - Lost Island

Svetlana Rodina und Laurent Stoop inszenieren den alten Flachbildschirm der Familie Belov nicht nur als Fenster in die moderne Lebenswelt, die längst an Ostrov vorbeigezogen ist, sondern auch als die letzte sinnstiftende Kommunikationsebene zwischen der einsamen Insel und der Gesellschaft, von der sie abgekoppelt ist.

«Ostrov – Lost Island» ist damit weniger das Porträt eines Fischerdorfes, das in brutaler Armut ausharrt, als vielmehr ein Film über die Bewältigungsmechanismen einer Gesellschaft, die sich selbst von ihren absterbenden Rändern noch an die Propaganda ihres autoritären Zentrums klammert.

Ivan schreibt einen Brief. Er beschreibt das Elend seiner Heimatinsel, den langsamen, unaufhaltsamen Niedergang der kleinen Fischergemeinde, die heute keine Störe mehr fängt und keinen Kaviar mehr verkauft. Die Fischer von Ostrov besitzen keine Fanglizenz mehr. Durch die Küstenwache abgeschnitten, ist das Kaspische Meer zur verbotenen Lebensgrundlage der Inselgemeinde geworden, die am äussersten Rand Russlands langsam ausstirbt.

Nicht einmal die Natur scheint noch Halt zu finden in der Ödnis von Ostrov. Der Wind sucht den Boden nach Leben ab, findet dabei kaum mehr als einige Grasinseln; dazwischen alte, mit Wellblech und Plastikfolien geflickte Häuser und eine rostige Dose, die er über den verwaisten Strand treibt. Ein Heuschreckenschwarm überquert das trostlose Land, ohne die Restvegetation auch nur anzurühren. Es ist, als bliebe dieser Insel selbst das biblische Ausmass einer Plage verweigert, als tauge sie nicht einmal mehr für eine apokalyptische Vision des Niedergangs. Die Katastrophe, die Ostrov seit Jahren heimsucht, ist nicht erhaben, nicht poetisch, nicht medientauglich. Ostrovs Untergang findet in der Vergessenheit statt, in der unsichtbaren Peripherie des grössten Staates der Erde.

Allein der Fernseher trägt noch ein Signal aus der lebendigen und vernetzten Welt dieses Staats auf die Insel. Svetlana Rodina und Laurent Stoop inszenieren den alten Flachbildschirm der Familie Belov nicht nur als Fenster in die moderne Lebenswelt, die längst an Ostrov vorbeigezogen ist, sondern auch als die letzte sinnstiftende Kommunikationsebene zwischen der einsamen Insel und der Gesellschaft, von der sie abgekoppelt ist. Die Antwort, die Wladimir Putin als Brieffreund schuldig bleibt, sendet er über den Fernseher. Die Auftritte des Präsidenten und die Zeremonien zum Tag des Sieges sind das Fundament der ideologischen Brücke, die das kleine Fischerdorf noch an den Präsidenten und sein Reich bindet.

Für die Filmemacher sind Ivan, seine Frau Anna und die anderen Dorfbewohner in erster Linie politische Nicht-Akteure eines Staates, dessen einzige Fürsorgeleistung darin besteht, das eigene Propagandasignal bis an den äussersten Rand seines Territoriums zu senden. Rodina und Stoop sind weniger am privaten Schicksal der Menschen als an ihrem Platz in diesem Gefüge interessiert. Es geht viel um die Sprache, mit der ein Mann wie Wladimir Putin noch die Teile des Landes erreicht, die seine Politik schon längst nicht mehr erreicht oder erreichen kann. Im Fernsehen erzählt Putin, den Tränen nahe, von den Anliegen der einfachen Menschen Russlands und weist in der anschliessenden Live-Schalte einen Gouverneur zurecht, der für die Infrastruktur einer verarmten Region zuständig ist.

Ivan glaubt an diesen Mann, der, soweit er entfernt ist und sowenig er sich für ihn interessiert, letztlich doch eine gemeinsame, über alle Hindernisse hinweg identitätsbindende Sprache spricht. Eine Sprache, die so sehr beeindruckt, dass Ivan einen Brief an diesen Mann schreibt, der «das Land stark gemacht und das Militär wieder aufgebaut hat». Was Ivan sich in seiner Verzweiflung als Austausch auf Augenhöhe vorstellt, bleibt eine missbräuchliche Fernbeziehung, die ihn so ohnmächtig gemacht hat, dass er sie im Angesicht seines eigenen Niedergangs weiter verteidigen und weiter leben muss.

Ostrov – Lost Island ist damit weniger das Porträt eines Fischerdorfes, das in brutaler Armut ausharrt, als vielmehr ein Film über die Bewältigungsmechanismen einer Gesellschaft, die sich selbst von ihren absterbenden Rändern noch an die Propaganda ihres autoritären Zentrums klammert. Der Teil Ostrovs, der dieses Zentrum symbolisiert, ist auch der einzige Teil der Insel, der gepflegt, restauriert und instand gehalten wird. Jedes Jahr wird das Veteranen-Denkmal zum Tag des Sieges neu gestrichen, mit der Flagge Russlands und dem Georgsband behängt und zum Zentrum der Feierlichkeiten erklärt. Der von der Geschichte unvergessene und unanfechtbare Sieg der Sowjetunion über die Nationalsozialisten ist die letzte Idee einer glorreichen russischen Nation, die, der westlichen Geschichtsschreibung und der eigenen Hoffnungslosigkeit widerstehend, bis in diesen vergessenen Winkel des Landes strahlt. Das eingängigste Bild dieser Wechselwirkung sind jedoch nicht die Tränen, die den versammelten Dorfbewohnern vor ihrem Denkmal die Wangen runterlaufen, sondern die Bilder vom Roten Platz, die Ivan und seine Freunde gebannt vor dem Fernseher verfolgen. Hier wird der Sieg über den Faschismus im Stechschritt gefeiert. Das Fundament, auf dem die ideologische Brücke zwischen Moskau und Ostrov steht, erscheint für einen kurzen Moment völlig deckungsgleich mit dem Fundament des Autoritarismus. Die marschierende Parade gibt die einzige Antwort, die Ivan je auf seinen Brief erwarten kann. Er verfolgt sie im Fernsehen – mit Stolz.

First published: April 26, 2021

Ostrov – Lost Island | Film | Svetlana Rodina, Laurent Stoop | CH 2021 | 92‘ | Visions du Réel 2021

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