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Island of the Hungry Ghosts

Island of the Hungry Ghosts

[…] Dieses Gefühl, diese vom gespenstgewordenen Trauma heimgesuchte Landschaft ist es, was Gabrielle Brady hier sichtbar zu machen gelingt – ohne jemals ein Bild zu verwenden, das nicht der Natur der Insel selbst entsprungen ist.

[…] Die Geister, die hier in Erscheinung treten, benötigen keine Special Effects, sondern zeigen sich in den Geräuschen des Waldes, im konkreten und metaphorischen Nebel, der die Insel überzieht, in der unaufhaltsamen Bewegung der Krabben und der Menschen, die dieser Vorhölle nicht entfliehen können.

Eine der Aufgaben des Kinos ist es, Geister sichtbar zu machen. Geister, das sind nicht nur im ostasiatischen Raum Manifestationen des Verdrängten, des Unbewussten, des ungesühnten oder unverarbeiteten Traumas – der Vergangenheit, aber auch der Gegenwart. Sichtbar werden sie in optisch nicht erklärbaren Variationen des wahrnehmbaren Lichtspektrums oder mittels Klängen, denen keine physikalische Quelle zugrunde liegt. Wohl weil beide diese Erscheinungsformen zur Grundausstattung der kinematografischen Manipulationsmaschinerie gehören, wurde und wird das Geistermotiv in keinem anderen Medium so oft eingesetzt und variiert wie im Kino. Vorzugsweise geschieht dies zwar im Horrorfilm – auch weil nur wenige Dinge einer Gesellschaft so gut Angst einjagen können wie die Wiedererscheinung eigener vergessen geglaubter Verbrechen – doch offenbar und glücklicherweise ist es auch im Dokumentarfilm nicht ausgeschlossen, Geistern zu begegnen, wie dies Island of the Hungry Ghosts eindrücklich vorführt. Weil dokumentarisch arbeitende FilmemacherInnen sie nicht einfach mittels Special Effects – sofern sie sich denn an gewisse Grundregeln jenes Filmschaffens halten –  herzaubern können, müssen sie diese in der Realität und deren Erscheinungen selbst suchen. Und weil Geister gar flüchtige und scheue Wesen sind, die sich nur ungerne freiwillig vor eine Kamera stellen, müssen die FilmemacherInnen diese Realität – Lichtspektrum, Ton, Emotion – auf eine Weise anordnen, die die Geister wenigstens an die Ränder dieser nunmehr filmischen Realität zu locken vermag.

Die Weihnachtsinsel – oder Christmas Island – 350 km südlich der indonesischen Insel Java gelegen und seit 60 Jahren Australien zugehörig, ist einer der am spätesten durch Menschen besiedelten Orte dieser Erde. Nichtsdestotrotz hat sich auf ihr mittels der oben aufgelisteten Entstehungsbedingungen bereits eine überraschend hohe Dichte an Geistern (im Sinne der oben dargelegten Metaphorik) ansiedeln können. Gabrielle Brady versucht in Island of the Hungry Ghosts nebst anderen Dingen ebendiese Geister sichtbar zu machen. Dabei muss man genau hinschauen und sich weder von der irritierenden Eingangsszene, die aus einem Horrorfilm stammen könnte, noch von den monströs anmutenden Riesenkrabben, die die Insel bevölkern, in die Irre führen lassen. Man sollte vielmehr den Chinesen zuhören, die mit einem Fünftel den grössten Anteil an der Gesamtbevölkerung der Inselbevölkerung einnehmen, die mittels Ritualen ihrer Vorfahren gedenken, von denen sie glauben, dass sie als „hungry ghosts“ die Insel heimsuchen. So werden im chinesischen Buddhismus die Geister jener Verstorbenen bezeichnet, die grossem ungesühnten Unrecht zum Opfer fielen, und denen nie eine korrekte buddhistische Abschiedszeremonie zuteil wurde – etwa weil sie zusammen mit ihrer ganzen Familie inklusive Nachkommenschaft den Tod fanden und so niemanden in der Gegenwart mehr haben, der ihrer gedenkt. So wie die chinesischen Zwangsarbeiter, die Anfang des 20. Jahrhunderts unter britischer und später japanischer Besatzung leiden und sterben mussten.

Heute, wie um mit Nachdruck zu verdeutlichen, dass paradiesisch anmutende Landschaften sehr wohl mit fegefeuerartigen Zuständen einhergehen können – diese vielleicht sogar begünstigen –, ist die Weihnachtsinsel international vor allem für ihr Internierungslager bekannt, in dem die australische Regierung asylsuchende Flüchtende ausserhalb einer Art legalen „Asylzone“ festhält. Mittels Booten haben diese auf der Flucht vor Krieg und Hunger nach Australien gelangen wollen (und zwar legal, wie einmal betont wird), werden hier aber teilweise über Jahre und ohne Angabe von Gründen festgehalten, in einem bürokratischen Limbus, in der Südsee und ausserhalb des Blickes der Öffentlichkeit. Das Trauma, importiert und im Internierungslager genährt und vervielfacht, dringt in ätherischer Form durch die Mauern und Maschendrahtzäune des Lagers und überzieht langsam, aber sicher die ganze Insel. Dieses Gefühl, diese vom gespenstgewordenen Trauma heimgesuchte Landschaft ist es, was Gabrielle Brady hier sichtbar zu machen gelingt – ohne jemals ein Bild zu verwenden, das nicht der Natur der Insel selbst entsprungen ist.

Während sich die eine Seite dieser Strategie nur schwierig beschreiben lässt, ist die andere ganz konkret und fassbar: Die Hauptprotagonistin des Filmes Poh Lin Lee ist Psychologin und arbeitet in regelmässigen Sitzungen mit verschiedenen Insassen des Internierungslagers deren traumatischen Erfahrungen auf – nicht nur jene des Krieges und der Flucht, sondern auch die ihrer aktuellen Situation der Gefangenschaft an einem Ort, von dem sie ohne Erklärung nicht weg können und an dem sie aus nicht nachvollziehbaren Gründen teils auch noch von ihren Familien getrennt werden. Einer der Patienten beschreibt unter Tränen genau diesen Zustand als die buchstäbliche Hölle, und wie Poh Lin haben wir keine andere Wahl, als ihn beim Wort zu nehmen. Die Therapeutin glaubt, gute Arbeit zu verrichten und diesen Menschen tatsächlich helfen zu können, wenn nicht der regelmässige Kontakt mit dieser Traurigkeit sowie die Einsicht, dass es den Menschen trotz Therapie immer schlechter zu gehen scheint, sie so schwer belasten würden, dass sie ohne Unterlass daran denkt, die Arbeit aufzugeben – vielleicht um nicht selber zu einem dieser traumatisierten Geister zu werden, von denen es auf der Insel schon viel zu viele gibt. Dazu kommt, dass sie den staatlichen Institutionen und deren Geheimhaltungsprotokollen gegenüber vollkommen machtlos ist, wenn zum Beispiel ihre Sitzungen immer wieder ohne Angaben von Gründen abgesagt werden, weil die Leute an andere Orte verlegt wurden, obwohl sie diese als nicht transportfähig diagnostiziert hatte. Bei Nachfragen am Telefon trifft sie immer wieder auf eine Wand des bürokratischen Schweigens, anderen stummen, unfassbaren Gespenstern gleich. Auf die Fragen ihrer kleinen Tochter, weshalb sie so traurig sei, kann dann auch sie keine zufriedenstellende Antwort geben, weil es im Grunde auch keine gibt.

Lieber erkundet sie mit ihr und ihrem Partner gemeinsam die Insel, um deren ursprüngliche Einwohner zu beobachten: die roten Weihnachtsinselkrabben. 50 Millionen dieser kleinen Kreaturen bevölkern die Insel, und jedes Jahr zu Beginn der Regenzeit wandern mehrere Millionen der kleinen roten Tiere gleichzeitig vom Innern der Insel zur Küste, um dort ihre Eier zu legen. Es gibt zwar auch für sie kein Fortkommen von der Insel, aber immerhin werden anlässlich dieser Migration die Strassen gesperrt und kleine Brücken über unzugängliche Stellen gebaut, auf dass dieser Kreislauf mit unerklärlichem Ursprung und unbekanntem Ende seinen natürlichen Gang gehen kann. Dies steht so deutlich im Gegensatz zu der bürokratisch und politisch gestörten und unterbrochenen menschlichen Migration, dass sich aus der filmisch erfahrbar gemachten Reibung dieser zwei Bewegungsprinzipien eine der Hauptwirkungen des Filmes ergibt. Etwas ist in dieser kleinen Welt ganz und gar aus dem Lot geraten – wobei die Insel natürlich eine Metapher für den ganzen Rest darstellt. Auch deshalb wirkt Island of the Hungry Ghosts zeitweise eher wie ein Horror- als wie ein Dokumentarfilm – wobei die zwei Modi sich offensichtlich nicht gegenseitig ausschliessen. Die Geister, die hier in Erscheinung treten, benötigen keine Special Effects, sondern zeigen sich in den Geräuschen des Waldes, im konkreten und metaphorischen Nebel, der die Insel überzieht, in der unaufhaltsamen Bewegung der Krabben und der Menschen, die dieser Vorhölle nicht entfliehen können; im Rauch der verbrannten Opfergaben der Chinesen sowie – zuallererst – im Gesicht von Poh Lin, während sie den unerträglich traurigen Geschichten der hier Festgehaltenen zuhört. Die Weise, auf die Gabrielle Brady alle diese Elemente anordnet und verknüpft, ist in ihrer Unheimlichkeit bewegender und auch schöner, als es sowohl ein Horrorfilm als auch ein geradeheraus argumentierter politischer Dokumentarfilm wohl je sein könnte.

First published: April 26, 2018

Island of the Hungry Ghosts | Film | Gabrielle Brady | DE-UK-AUS-USA 2018 | 94’ | Visions du réel 2018, Human Rights Film Festival Zurich 2018

Prix Buyens-Chagoll at Visions du réel 2018

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