print-img
Ohne diese Welt

Ohne diese Welt

Wir leben in einer Welt, der westlichen, die aus der verzweifelten Rückkehr zu Natur und Schlichtheit besteht, bei Bio-Produkten über Yoga-Praktiken bis hin zu Detox-Camps. Deshalb ist es besonders einladend, wenn Nora Fingscheidt uns anbietet, mit bewusstem Voyeurismus in die buchstäblich exklusive Welt einer Mennoniten-Gemeinschaft in Patagonien einzutreten. In der Tat lebt man hier mit der veralteten Technologie des 19. Jahrhunderts, mit einer anarchischen und paranoiden Abspaltung von der ganzen Welt, mit der bewussten Bewahrung von Traditionen, die von einer eher fantasievollen Lektüre der Bibel genährt sind. Unser Bedürfnis nach Natur und Schlichtheit könnte uns dazu bringen, diese Welt mit Sehnsucht nach den mythischen "guten alten Zeiten" zu betrachten. Aber der Wurm der Bigotterie und – sagen wir es mit einem sehr aktuellen Begriff – des Faschismus sollte uns sicherlich zwischen Anziehung und Abstossung zögern lassen.

Und dies ist ein produktives Zögern, welches es uns erlaubt, diese eher unwahrscheinliche Realität nicht sofort zu verurteilen. Der neugierige, aber neutrale und respektvolle Blick der deutschen Regisseurin, der ständig zwischen dem subjektiven und objektiven Gebrauch der Kamera oszilliert, arbeitet an diesem produktiven Zögern mit. Den Informationen über die Geschichte und die Regeln der Gemeinschaft, die in einer Reihe von Frontalinterviews gesammelt wurden, stehen Sequenzen gegenüber, in denen Fingscheidt mit grosser Sensibilität und einer präzisen Verwertung der Sinneswahrnehmung versucht, die Atmosphäre auszudrücken, die sich aus unermüdlicher Arbeit, Verbundenheit mit der Erde, unerbittlicher Strenge und dem Gemeinschaftsgefühl in seinem aktuellen, historischen und überirdischen Sinn zusammensetzt.

Tradition ist immer das Ergebnis von Erfindungen, und Ultratraditionalismus ist eine Ressource, die manchmal visionär und daher oft interessant ist. Aber die Montage von Ohne diese Welt lässt schlussendlich den modernen – und (traditionell) filmischen – Topos der Befreiung des Einzelnen von den Verpflichtungen einer überregulierten Gesellschaft sichtbar werden. Die fast völlige Abwesenheit der "normalen Welt" in diesem Film beraubt uns einer richtig vergleichenden Bewertung und ermöglicht eine immersive Erfahrung in der Welt der Mennoniten, die wir trotz der von der schönen Bilder unterstrichenen Anziehungskraft gerne wieder verlassen.

First published: December 14, 2018

Ohne diese Welt | Film | Nora Fingsheidt | DE 2017 | 115’

More Info and Trailer 

Screenings in Swiss cinema theatres 

Explore more

Newsletter Subscription

Subscribe to our newsletter and stay in touch