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Fire of Love

Fire of Love

[…] Mit einem ausgeprägten Gespür insbesondere für den Gegensatz zwischen menschlicher Figur und gewaltigen Felsformationen, Lavaströmen und -explosionen vermögen die Bilder auch Jahrzehnte nach ihrer Entstehung noch zu beeindrucken, gerade weil in ihnen auch die fast absurd risikoreiche Entstehungsweise, ohne Drohnen oder Helikopteraufnahmen, eingebrannt ist.

[…] Solches Material neu anzuordnen, zu einer schlüssigen Erzählung zu formen, ist eine Kunst für sich, was auch daran ersichtlich ist, dass der durchschnittliche Archivfilm genauso gut oder schlecht ist wie das aufgestöberte Material.

Gibt es eine bessere Metapher als Vulkane? Sei es – allen Theorien des Anthropozäns zum Trotz – für die Bedeutungslosigkeit des Menschen, für die Liebe oder für die ungezählten Stunden an Filmmaterial, das in irgendwelchen Archiven darauf harrt, sich in einer Explosion aus Licht und Ton über die brache Erde zu ergiessen. Das sind grosse Worte, und sie wirken als Einstieg in die Besprechung eines blossen Dokumentarfilms vielleicht etwas grossspurig, aber bei der Fülle der dargestellten Naturgewalten in Fire of Love wirkt sprachliche Bescheidenheit hier fehl am Platz.

Die überwältigende Natur von Sara Dosas Found-Footage-Dokumentation liegt zuallererst in den Bildern. Das Material stammt vom Elsässer Vulkanologen-Ehepaar Katia und Maurice Krafft, und wenn es jemals einen grösseren Kontrast zwischen äusserem Erscheinungsbild und dem Berufsumfeld gab, kenne ich ihn nicht. Die vom Auftreten her relativ unscheinbaren Eheleute trafen sich 1970 an der Universität von Strassburg und verliebten sich ineinander –, grösstenteils aufgrund der gemeinsamen, wohl noch grösseren Liebe zu allem Vulkanischen. Bis zu ihrem Tod 1991 reisten die beiden durch die ganze Welt, von Vulkanausbruch zu Vulkanausbruch, bei denen sie oft die Ersten waren, erforschten die Eigenheiten der jeweiligen Berge und brachten Bildmaterial nach Hause, das seinerzeit von einer spektakulären Einzigartigkeit war. Mit einem ausgeprägten Gespür insbesondere für den Gegensatz zwischen menschlicher Figur und gewaltigen Felsformationen, Lavaströmen und -explosionen vermögen die Bilder auch Jahrzehnte nach ihrer Entstehung noch zu beeindrucken, gerade weil in ihnen auch die fast absurd risikoreiche Entstehungsweise, ohne Drohnen oder Helikopteraufnahmen, eingebrannt ist. Die Kraffts lebten grösstenteils von ihren Vorträgen und Büchern, mit denen sie zwischen zwei Eruptionen ihren Lebensunterhalt verdienten, sowie von der Veröffentlichung diverser Filme, wobei der Grossteil des Filmmaterials ungesehen, einem ruhenden Vulkan gleich, im Archiv verschwand.

Solches Material neu anzuordnen, zu einer schlüssigen Erzählung zu formen, ist eine Kunst für sich, was auch daran ersichtlich ist, dass der durchschnittliche Archivfilm genauso gut oder schlecht ist wie das aufgestöberte Material. Über das politische Potenzial eines guten Archivfilms können hingegen die jüngeren Arbeiten von Sergei Loznitsa Auskunft geben, über das emotionale etwa jene von Brett Morgen, an dessen Jane – ein Archivfilm über das Leben und Werk von Jane Goodall – Fire of Love nicht nur thematisch erinnert. Mittels Schnitt, Musik und Kommentarstimme wird das Überwältigende wahrnehmbar gemacht, während das Persönliche, das im Angesicht der Lavamassen unterzugehen droht, hervorgehoben wird. Zuweilen lässt sich Dosa selbst von der Metaphorik ein wenig verführen, reisst in kurzen Sequenzen neue Felder an, die einzulösen in der gegebenen Filmdauer nicht möglich ist. Doch dann findet sie aber bald wieder die zwei kleinen Figuren irgendwo zwischen Fels und hochgespienen Lavapartikeln, wobei ihr und uns da entweder die silbrig-ritterliche Schutzkleidung der Kraffts oder deren an Jacques Cousteau erinnernden roten Mützen von nicht zu vernachlässigender Hilfe sind.

Was gibt es gegenüber einem Mann wie Maurice Krafft zu sagen, dessen grösster Traum es ist, in einem mit Titan verstärkten Kanu einen Lavastrom herunterzugleiten, und der angesichts der wahrscheinlichen Unerfüllbarkeit dieses Traums immerhin mit einem einfachen Schlauchboot auf dem Kratersee des Ijen auf der indonesischen Insel Java herumpaddelt – dem grössten säurehaltigen See der Welt, in dem kein Mensch auch nur eine sekundenlanges Bad überleben würde? In letzterem Fall zumindest, bei dem es sogar Katia die Sprache verschlägt, wahrscheinlich nicht viel. Das Wort Todessehnsucht bietet sich an, doch das Material, das immer wieder den unerschütterlichen Zusammenhalt des Paares herausstellt, wagt zu widersprechen. Ansonsten ist Fire of Love auf eine sehr zugängliche Weise informativ, ohne das Publikum allzu sehr mit obskuren Fakten aus der Vulkanologie zu überschwemmen. Auch verfügt der Film auf der Tonebene mit der träumerischen Stimme von Miranda July, die weder das Poetische noch das Politische scheut, über eine Begleitung, die dem Thema auf seltsame Weise angemessen ist.

Von Vulkanen gibt es, wie wir lernen, zwei Haupttypen: rote und graue. Die roten Vulkane sind die photogenen, eindrücklichen, mit Lavaströmen, die äusserlich bedrohlich wirken, dabei aber in der Regel berechenbar sind. Wer da wie die Kraffts die notwendigen Mühen auf sich nimmt, kann sehr nah an Krater und Lavaseen herankommen, ohne sein Leben über Gebühr riskieren zu müssen. Anders verhält es sich mit den grauen: Sie haben keinen offenen Krater, weshalb in ihnen der Druck langsam (was in diesem Fall Jahrzehnte oder Jahrhunderte bedeuten kann), aber stetig anwächst, um irgendwann zu explodieren. Es sind die Vulkane, die töten, und in der zweiten Hälfte ihrer Karriere widmeten sich Katia und Maurice vor allem diesen. Ihr Hauptziel dabei, nämlich konkret Leben zu retten, erreichten sie allerdings nur in jenen Fällen, in denen die Regierungen der entsprechenden Orte die Warnungen der Vulkanologen auch ernst nahmen. Ein grauer japanischer Vulkan namens Unzen war es schliesslich auch, der von den Kraffts den Preis dafür einforderte, das sie das ganze Leben in der Nähe von Vulkanen verbrachten. Zusammen mit 41 anderen Menschen starben sie in der Gegenwart von dem, was sie auf der Welt am meisten liebten: einander und die Vulkane.

Letzte Bilder, Feuer, Metaphern. Es ist der Vesuv, dem die Menschheit das bestkonservierte Zeugnis aus der römisch-antiken Welt verdankt, und es sind Bilder wie jene der Kraffts, anhand deren Sara Dosa in Fire of Love das grösste Paradox, den grössten Kontrast von allen sichtbar machen kann: jenen zwischen der absoluten Bedeutungslosigkeit des menschlichen Körpers im Angesicht der Naturgewalten, die ihn umgeben, und seinem gleichzeitigen Potenzial, die Welt nach seinen Vorlieben umzuformen. Dazu braucht es keine Bilder von der verlorenen Erde in den Weiten des Universums, sondern es genügt alleine das Bild einer etwas seltsam angezogenen Gestalt, die es wagt, direkt ins Innere der Erde zu blicken, um dann davon zu erzählen, was sie gesehen hat.

First published: May 04, 2022

Fire of Love | Film | Sara Dosa | USA-CAN 2022 | 93’ | Visions du Réel Nyon 2022

Audience Award at Visions du Réel Nyon 2022

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