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Cold War

[…] Es geht, man ahnt es schnell, in Cold War weniger um den Kalten Krieg als um die leidenschaftliche Romanze, die der Regisseur über dessen Zeitraum erstreckt und dabei sowohl geografische als auch musikalische, politische und nicht zuletzt existenzielle Grenzen überschreitet.

[…] Die polarisierende Energie, die zwischen Wiktor und Zula herrscht, ist es auch, die Pawlikowskis Film von der ersten bis zur letzten Minute vorantreibt. Getragen wird er jedoch in erster Linie von der sanften Poesie, die der Regisseur gekonnt seinen Bildern, Dialogen und der Musik einschreibt.

Kaum hat dieser Film seine Lider aufgeschlagen, sticht einem das strahlende Schwarz-Weiss ins Auge. Kristallklar und so präzise schneiden sich die monochromen Bilder in die Leinwand, als liesse sich mit zunehmender Schärfe der Einstellungen der Wahrheitsgehalt des Gesehenen noch bekräftigen. Doch kaum stimmt auch der Ton in Paweł Pawlikowskis jüngstem Meisterwerk filmischer Poesie ein, wird eines klar: Erst im sorgfältig arrangierten Zusammenspiel von Kamera und Musik entfaltet dieser Film seine eigentliche leise Wucht und einen unwiderstehlichen Sog, dem man sich, ist man erst einmal im Dunkel des Kinosaals gefangen, nur schwer entziehen kann.

Es geht, man ahnt es schnell, in Cold War weniger um den Kalten Krieg als um die leidenschaftliche Romanze, die der Regisseur über dessen Zeitraum erstreckt und dabei sowohl geografische als auch musikalische, politische und nicht zuletzt existenzielle Grenzen überschreitet. Erzählt wird die Geschichte von Wiktor (Tomasz Kot) und Zula (Joanna Kulig), deren Wege sich erstmals kreuzen, als Wiktor mit seiner Kollegin Irena (Agata Kulesza) im staatlichen Auftrag durchs polnische Hinterland zieht, um aus Volksleuten eine Tanz- und Gesangsgruppe zusammenzustellen, die das einheimische Herz höherschlagen lassen und die musikalischen Schätze des Landes in bester Tradition in die Welt hinaus tragen soll. Zula schafft es mit ihrer ungeschliffenen, geheimnisvoll-unbändigen Art sofort, Eindruck zu machen, indem sie beim Vorsingen auf zu viel Folklore verzichtet und stattdessen ein Lied zum Besten gibt, das sie angeblich in einem russischen Film gehört hat. Und auch sonst fällt Zula eher aus dem Rahmen, wenn es darum geht, sich systemkonform und unauffällig zu verhalten: Der Charakter ungestüm, die Vergangenheit eine Aneinanderreihung von Gerüchten und eine Stimme, die unter die Haut geht, damit erobert sie Wiktors Herz im Handumdrehen. Doch es dauert nicht lang, bis ihre leidenschaftliche Zuneigung zueinander auf den ersten Prüfstein gestellt wird: Bei einem Konzert der Truppe im Ostberlin Anfang der fünfziger Jahre versucht der nach Freiheit strebende Musiker seine Geliebte davon zu überzeugen, mit ihm in den Westen zu fliehen. Zula aber ist skeptisch gegenüber der unbekannten, schönen neuen Welt, zögert und lässt die Chance schliesslich im Rausch an sich vorüberziehen. Von diesem Punkt an trennen sich nicht nur ihre Lebenswege, sondern auch ihre Weltanschauungen, um im Laufe der Handlung immer wieder zueinanderzufinden.

Die polarisierende Energie, die zwischen Wiktor und Zula herrscht, ist es auch, die Pawlikowskis Film von der ersten bis zur letzten Minute vorantreibt. Getragen wird er jedoch in erster Linie von der sanften Poesie, die der Regisseur gekonnt seinen Bildern, Dialogen und der Musik einschreibt. Wie Ida, mit dem der polnische Regisseur vor vier Jahren erstmals die Nachkriegsgeschichte seiner Heimat beleuchtete, nimmt auch Cold War erneut im klassischen quadratischen Academy-Format und ohne Farben gedreht seinen unaufhaltsamen, melodramatischen Lauf, den die beiden Hauptdarsteller nachhaltig beleben. Łukasz Żals atemberaubende Kamera bewegt sich dabei elegant zwischen statischen Nahaufnahmen und freien, ausgelassenen Schwenks, die sich nahtlos den Stimmungs- und Genreschwankungen der Musik anpassen, die immer wieder das gebrechliche Verhältnis zwischen Wiktor und Zula bestimmt.

Pawlikowskis Anliegen und Ausgangspunkt für Cold War war es nach eigenen Aussagen, einen Film über seine Eltern zu machen, die beide 1989 verstarben, kurz bevor der Fall der Berliner Mauer die politischen Machtverhältnisse des gesamten Ostblocks ins Wanken brachte. Die Beziehung seines Vaters zu seiner Mutter stellte in ihrer Unmöglichkeit für den Regisseur ein derart unendliches grosses Unglück dar, dass er dieses, wenn auch in fiktionaler Form, auf diese Weise für die Ewigkeit festzuhalten hoffte. Sein Film gibt ihrer Liebe eine Heimat, einen Rhythmus und nicht zuletzt die Möglichkeit, ihre Gefühle in eine Komposition unvergänglicher Momente zu fassen, die sich wie eine innere Glut für immer ins Gedächtnis brennen. 

First published: November 30, 2018

Cold War | Film | Paweł Pawlikowski | PL-FR-UK 2018 | 84‘

Best Direction at Festival de Cannes 2018

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