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Shoplifters

Shoplifters

[…] «Shoplifters», der neue Film von Hirokazu Kore’eda, ist so ein schlicht ergreifender Film, einer, der seine Kraft nicht aus dem Einsatz äusserer Spezialeffekte und Energien gewinnt, sondern vielmehr aus einer inneren Passion und Problemstellung heraus agiert.

[…] Dabei geht es um Besitzansprüche und Zugehörigkeiten ebenso wie um Elternpflichten und Fremdenliebe – grosse Themen also, über die Kore’eda stets mit grösster Sorgfalt und der Raffinesse eines feinsinnigen Poeten reflektiert.

Manche Filme hauen einen einfach um. Schlagartig, intensiv und mit einem Ruck fallen sie über ihr Publikum her, dass man meist gar nicht anders kann, als sich betroffen, begeistert oder amüsiert ihrer enormen Wucht hinzugeben. Andere Werke dagegen treten leise, beinahe schleichend und vollkommen unaufdringlich an den Zuschauer heran und dennoch gelingt es ihnen am Ende ebenfalls, vielleicht sogar umso nachhaltiger, alle Erwartungen zu übertreffen. Shoplifters, der neue Film von Hirokazu Kore’eda, ist so ein schlicht ergreifender Film, einer, der seine Kraft nicht aus dem Einsatz äusserer Spezialeffekte und Energien gewinnt, sondern vielmehr aus einer inneren Passion und Problemstellung heraus agiert. Die Frage, um die der japanische Regisseur seine Handlung auch diesmal strickt, ist eine altbekannte: Was ist Familie? Und doch ist es immer wieder erstaunlich, mit welcher Hingabe, Klugheit und Behutsamkeit er sich daran macht, die Komplexität der Antwort zu untersuchen und ihre verschiedenen Facetten aufzuzeigen.

Konkret geht es in Shoplifters um die falsche Familie, die der Bauarbeiter Osamu (Lily Franky) und seine Frau Nobuyo (Sakura Andô) um sich versammelt haben. Gemeinsam mit „ihrer“ Grossmutter Hatsue (Kirin Kiki) und deren vermeintlicher Enkelin Aki (Mayu Matsuoka), dem kleinen Jungen Shota (Kairi Jyo) und der noch kleineren Yuri (Miyu Sasaki) leben sie in ihrem so bescheidenen wie maroden Heim irgendwo im sozialen Randgebiet von Tokio. Verbunden durch etwas, das stärker ist als Blut und alle Gesetze auf Erden, umspielt zunächst eine zarte Harmonie ihr Beisammensein, zu dem tägliche Ladendiebstähle, die das unzureichende Einkommen ergänzen, ebenso gehören wie ein unbedingtes Gefühl der Zuneigung und Zusammengehörigkeit, das sich nur umso stärker manifestiert, je grösser die Gefahr wird, ihr prekäres Konstrukt von Familie könne entlarvt und für immer in seine dürftigen Einzelteile aufgebrochen werden.

In seiner Karriere, die ihm unzählige Vergleiche mit anderen Meisterregisseuren von Yasujirō Ozu bis zu den Dardenne-Brüdern einbrachte, hat sich Kore’eda immer wieder mit dem Phänomen der Familie auseinandergesetzt und dabei eindringliche und nicht selten unvertraute Blicke auf die komplexe Gesellschaft geworfen, in der wir leben. Und auch die Thematik, ob und wann es sich um eine „echte“ oder „erfundene“ Familie handelt, ist keineswegs neu. Drehte sich I Wish (2011) noch um zwei Brüder, deren inniger Bund durch die Scheidung der Eltern zerrissen wurde, liess er in Like Father Like Son (2013) etwa zwei Familien aufeinanderstossen, deren Kinder angeblich bei der Geburt vertauscht worden waren. Und jenes Motiv vom Richtigen im Falschen ist es auch, das ihn hier erneut beschäftigt. Dabei geht es um Besitzansprüche und Zugehörigkeiten ebenso wie um Elternpflichten und Fremdenliebe – grosse Themen also, über die Kore’eda stets mit grösster Sorgfalt und der Raffinesse eines feinsinnigen Poeten reflektiert. Sein Metier ist das der leisen Beobachtung, in die sich bei aller sich zuspitzenden Dramatik auch immer ein sanfter, beinahe harmloser Humor gesellt, ohne dass der Regisseur jemals die Schattierungen und Grauzonen aus dem Blick verlieren würde, die sich einer düsteren Vorahnung gleich zunehmend um die liebenswürdige Patchworkfamilie abzeichnen.

Und noch etwas macht Shoplifters zu einem besonderen Kinoereignis: Nicht selten hat man beim Schauen das Gefühl, eher einem Märchen als einem harschen Sozialdrama beizuwohnen, was neben Kore’edas eigenwilliger Erzählweise vor allem dem Instinkt sowie der dezent leuchtenden Farbgebung von Ryûto Kondôs Kamera geschuldet ist, die dem zunehmend aufgewühlten Geschehen auf der Leinwand stets einen Hauch von Melancholie und Hoffnung verleiht. Was bleibt, ist ein Film, der an einem Ort jenseits von Gut und Böse, Richtig und Falsch oder Mein und Dein existiert, einem Ort, der zwischen verschiedenen Genres wie zwischen diversen Stimmungen changiert – so leise bestürzend und gekonnt, dass er noch in den schmerzlichsten Augenblicken von der Zärtlichkeit ungebundener, bedingungsloser Liebe zu erzählen weiss.

First published: December 16, 2018

Shoplifters | Film | Hirokazu Kore’eda | JAP 2018 | 121’ | Zurich Film Festival 2018

Best Film at Festival de Cannes 2018

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