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Men Don't Cry

Men Don't Cry

Zwanzig Jahre nach Ende der Balkankriege kommen Kriegsveteranen aus verfeindeten Lagern in einem abgelegenen Berghotel in Bosnien-Herzegowina zusammen. Unter Anleitung eines Psychologen und mithilfe eines finanziellen Anreizes für die Teilnehmer sollen sie sich ihren traumatischen Kriegserfahrungen stellen. Die Ausgangslage des Films Men Don’t Cry von Alen Drljević weist bereits auf ein schwieriges, wenn nicht sogar unmögliches Unterfangen hin, denn für viele in der Region liegen die Konflikte der 90er-Jahre auch heute noch keineswegs in der Vergangenheit. Aber Drljević weiss, worauf er sich einlässt. Er selbst zog damals in den Krieg und vermag es, den Zuschauer behutsam, aber zielstrebig an die Gefühlswelt der Männer heranzuführen. Er zeigt die Spannungen, die zwischen den Ethnien existieren, verweist aber auch auf die innerhalb der jeweiligen Gruppen. Serben, Kroaten und Muslime; sie alle kranken nach wie vor an dem, was sie sich gegenseitig und damit auch sich selbst angetan haben. Was die Männergruppe verbindet, ist ihre bittere Ernüchterung. Sie erinnern sich daran, wieso sie in den Krieg gezogen sind, nun sehen sie sich mit der Frage konfrontiert, wofür sie es getan haben.

Drljević hält den Finger in die Wunde, deckt die neuralgischen Punkte auf. Wie in einem Kammerspiel entwickelt sich, aus der Logik der einzelnen Kriegsbiografien, eine unheilvolle Eigendynamik, bis sich der Konflikt schliesslich in der Abgeschiedenheit der Berge ein weiteres Mal zu reproduzieren scheint. Men Don’t Cry gleicht einer Versuchsanordnung, hinter der die Hoffnung steht, durch ihre Umsetzung den Krieg ein für alle Mal überwinden zu können. Diesen Willen, der nicht einfach nur einem Drehbuch entspringt, sieht man den Schauspielern an. Vor allem Boris Isaković (Miki), Leon Lučev (Valentin) und Emir Hadžihafizbegović (Merim) – alle samt in der Region bekannte Schauspieler – verkörpern ihre Charaktere in jedem Moment mit jeder Faser ihres Körpers, ohne dabei pathetisch zu werden. Ihrem Schauspiel liegt eine Dringlichkeit inne, die einen über den Film hinaus berührt und begleitet.

Der einzige Wermutstropfen ist die Figur des Therapeuten. Er erscheint zu makellos, wie aus einer anderen Welt, der Gruppe gegenübergestellt, was die zu Therapierenden tendenziell noch mehr als defizitäre Menschen erscheinen lässt. Anstatt auch den slowenischen Therapeuten – als privilegierten, unversehrten und vermeintlich Aussenstehenden – in den Konflikt zu involvieren, verkommt seine Figur zur reibungsfreien Fläche. Er ist die fiktive, unnahbare und richtende Instanz, die den anderen den Spiegel vor Augen hält, ohne sich selbst in den Blick zu nehmen. Men Don’t Cry bietet keine einfachen Antworten, sondern hält fest, welche Fragen nach wie vor unausgesprochen bleiben. Damit begibt sich Alen Drljevićs Film an eine Front, die bereits Danis Tanović in seinem Film No Man’s Land (2001) thematisiert hat. Drljević will zeigen, dass die alten, immer gleichen Grabenkämpfe nach wie vor gefochten werden. Sie haben sich lediglich in die Körper und Seelen der Menschen verlagert.

 

First published: May 26, 2019

Men Don’t Cry | Film | Alen Drljević | BA-SI-HR-DE 2017 | 100’

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Screenings in May 2019 at Kino Xenix Zürich

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