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[…] Nicht umsonst gibt der Regisseur den Antagonisten eine Schere in die Hand. Eine Schere ist symmetrisch und braucht zwei identische Hälften, um funktionieren zu können. Tatsächlich kreist der ganze Film um die Motive der Symmetrie, der Dualität und des gleichwertigen Gegenübers.

[…] Peele nutzt das Mittel des Horrors, um sein Publikum mit einer Tatsache zu konfrontieren, die von der westlichen Welt gerne verdrängt wird, nämlich, dass für das Glück der einen andere bezahlen müssen und dass ein privilegierter Lebensstil Opfer fordert, die andere für uns bringen.

[…] Dass der Film als Kommentar zum American Way of Life gedeutet werden kann, suggeriert bereits der Filmtitel. «Us» bedeutet einerseits „Wir“, andererseits ist es die Abkürzung für „United States“.

Es ist ein ungewöhnlicher und doch alltäglicher Gegenstand, der in Jordan Peeles neuem Horrorthriller als Mordwaffe dient. Nicht umsonst gibt der Regisseur den Antagonisten eine Schere in die Hand. Eine Schere ist symmetrisch und braucht zwei identische Hälften, um funktionieren zu können. Tatsächlich kreist der ganze Film um die Motive der Symmetrie, der Dualität und des gleichwertigen Gegenübers. Schliesslich sind es Doppelgänger, die hier ihr Unwesen treiben.

Auffällige Übereinstimmungen sind es auch, die die anfängliche Idylle trüben. Als die Wilson-Familie nach Santa Cruz in den Urlaub fährt, sind es sonderbare Doppelungen, Zeichen der Wiederholung und unheimliche Zufälle, die bei der Mutter Adelaide (gespielt von Lupita Nyong’o) das Trauma in Erinnerung rufen, das sie als Kind an diesem Ort erlebt hat. Wenn wir die Wilsons aus der Vogelperspektive beobachten, wie sie über den Strand laufen und ihre vier Schatten im Sand wie bedrohliche Figuren neben ihnen hergehen, kündigt sich bereits das Böse an. Später an diesem Tag tauchen schliesslich vier Gestalten vor ihrem Haus auf, die genauso aussehen wie sie. Sie erweisen sich als fleischgewordene, seelenlose Schatten, die auf Rache an ihren Originalen aus sind.

Diese Szenerie erinnert an typische Horrorfilme wie Jaws, an Slasherfilme aus den 1980ern, und beinhaltet auch Motive von Hitchcock-Filmen. Doch wer Jordan Peele kennt, weiss, dass er sich hier nicht nur auf blosser Intertextualität ausruht. In seinem Regie-Debüt Get Out behandelt der auch als Comedian bekannte Regisseur mit brillantem Humor und auf innovative Weise den Rassismus in den Vereinigten Staaten. Er nutzte den Horrorfilm als Mittel, uns das Thema schmerzhaft spürbar zu machen, und bewies, was mit dem Genre möglich ist. Auch Us kann als weiteres Werk des „Polit-Horrors“ gesehen werden, der uns zwischen Lachen und Schrecken pendeln lässt.

Anfangs suchen wir auch in Peeles zweitem Film mit ausschliesslich afroamerikanischem Lead-Cast nach Anspielungen auf die Rassenfrage. So kann man die brutalen Doppelgänger-Figuren zunächst als eine Analogie schwarzer Politiker und Politikerinnen lesen, die sich gegen die eigene, afroamerikanische Community stellen. Doch spätestens wenn die Doubles der weissen Tyler-Familie auftauchen, wird klar: Die Hautfarbe ist hier nur sekundär. Es geht um andere Ungleichheiten.

Die Doppelgänger, missglückte Klonexperimente, tauchen aus dem Untergrund auf. Unter Tränen erzählt Adelaides Double Red von ihrem elenden Leben unter der Erde, währenddem Adelaide ein glückliches, wohlbehütetes Leben an der Oberfläche führt. Das Oben und das Unten repräsentieren hier eine Zweiklassengesellschaft. Peele nutzt das Mittel des Horrors, um sein Publikum mit einer Tatsache zu konfrontieren, die von der westlichen Welt gerne verdrängt wird, nämlich, dass für das Glück der einen andere bezahlen müssen und dass ein privilegierter Lebensstil Opfer fordert, die andere für uns bringen.

Mit ihrem schauderhaften Spiel der Nachahmung dekonstruieren die Doppelgänger die Codes der Oberschicht und eignen sich diese damit auf eine skurrile Art an. Wenn sich das Double der prätentiösen und frustrierten Kitty Tyler (gespielt von Elisabeth Moss) vor dem Spiegel die Lippen schminkt und danach mit einer Schere in die Wangen schneidet, wird das Thema der Schönheitsoperationen, worüber Kitty zuvor am Strand geplaudert hat, schauderhaft wiederholt. Dass der Film als Kommentar zum American Way of Life gedeutet werden kann, suggeriert bereits der Filmtitel. Us bedeutet einerseits „Wir“ (so auch der deutsche Titel), andererseits ist es die Abkürzung für „United States“. Mit der Gegenüberstellung von Mittellosen und Wohlhabenden versinnbildlicht Peele also treffend die Spaltung Amerikas in Arm und Reich und deutet darauf hin, wie die Vereinigten Staaten eben nicht „vereinigt“ sind.

Das Sujet der Trennung suggeriert auch das Bild der Menschenkette, die die Doppelgänger am Ende des Films bilden. Ein Bild, das beklemmend an eine Mauer erinnert. Gleichzeitig kann die Kette auch als ein Symbol des Zusammenhalts gelesen werden. Meint Peele damit, dass sich Unterdrückte besser zu einem Aufstand organisieren können? Oder handelt es sich um eine Kritik der gescheiterten elitären Politik der Demokraten? Die Politik, die es verpasst hat, Menschen aus der weissen Unterschicht anzusprechen, was möglicherweise zur Wahl von Donald Trump geführt hat? Beide Interpretationen deuten schliesslich darauf hin, wie ambivalent die amerikanische Gesellschaft ist.

Mit Doppeldeutigkeit spielt der Film auf mehreren Ebenen. Peele spielt nämlich auch mit der Frage, wer hier eigentlich die Bösen sind. Eine Frage, die man sich spätestens dann stellt, wenn die Wilson-Familie ebenso blutrünstig zu morden beginnt. Die absurde Szene, in der sich die Wilsons auf der Flucht darüber streiten, wer mehr Doppelgänger getötet hat, zeigt zum einen den schwarzen Humor des Films und zum anderen die vielschichtigen Deutungsmöglichkeiten der Figuren – was konstant auch zur Selbstreflexion auffordert.

Dualität und Verdoppelung widerspiegeln sich buchstäblich auch in der raffinierten Mise en Scène. In mehreren Schlüsselszenen werden Spiegel und Spiegelungen verwendet. So verliert sich die kleine Adelaide in einem Spiegelkabinett, bevor sie mit der schauderhaften Parallelwelt in Berührung kommt und ihr Double zum ersten Mal sieht. Wenn sie später ihrem Mann Gabe von diesem Erlebnis erzählt, sehen wir sie durch Widerspiegelung im Fenster.

Der Spiegel ist ein aussagekräftiges Symbol der heutigen Zeit. In einer von Social Media geprägten Gesellschaft (hier repräsentiert von der Teenager-Tochter Zora, die im ersten Viertel des Films nur am iPhone klebt), in der das Aussehen und die Darstellung des eigenen Lebens immer mehr Platz einnimmt, steht der Spiegel für Eitelkeit und Egozentrismus. Nach dieser Logik stellt der Doppelgänger eine unserer grössten Ängste dar: den Verlust der Individualität und schliesslich der eigenen Identität.

 

Text: Ann Mayer

First published: April 02, 2019

Us | Film | Jordan Peele | USA 2019 | 120’

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