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Systemsprenger

Systemsprenger

[…] Fingscheidt hat ein Drama inszeniert, dem eine Körperlichkeit eingeschrieben ist, wie man sie sonst vielleicht nur in den Filmen von Kathryn Bigelow erlebt, in Kriegsdramen und brutalen Rassenkonflikten also, und auf der ganz grossen Bühne, nicht wie hier in einem kleinen, sparsam produzierten Werk, das unter die Haut geht, ohne auch nur in geringster Weise von aussen dick aufzutragen.

[…] Man merkt Fingscheidt die Erfahrung im Dokumentarischen an, wenn sie ihrer widerborstigen Heldin mit der Kamera auf Schritt und Tritt folgt, wenn sie die Besprechungen der Ärzte, Pfleger und Betreuer filmt, die über das Schicksal von Benni entscheiden.

Irgendwann ist Schluss. Auch für Benni. Nein: gerade für Benni. Denn die Neunjährige ist das, was man ims Fachjargon einen „Systemsprenger“ nennt. Ein Kind also, das sich allen zugänglichen sozialpädagogischen und therapeutischen Mitteln zum Trotz partout nicht dieser Welt anpassen will. Das eine Wut im Bauch und eine Liebe im Herzen trägt, die so echt und so roh und so unkontrollierbar sind, dass ihr Umfeld damit irgendwann einfach nicht länger umzugehen weiss – und am wenigsten Benni selbst.

Damit ist, will man Nora Fingscheidts gleichnamigen Film inhaltlich auf den Punkt bringen, eigentlich das Wesentliche gesagt. Denn Systemsprenger konzentriert sich mit geradezu brachialer Entschiedenheit auf seine junge und doch schon so gebrochene Hauptfigur, weicht ihr keinen Schritt von der Seite, schert nicht aus, um den anderen Figuren in ihrem Umfeld Raum zu geben, sondern dreht und windet sich um das kleine blonde Mädchen mit dem Engelsgesicht und dem Kraftpotenzial eines Elefanten, um eine Sache klarzustellen: Wirklich Hoffnung gibt es für Benni nicht. In immer wiederkehrenden Mustern und Ellipsen navigiert diese Benni – und damit die Handlung – sich ihren Weg durch ein zartes, geschundenes Leben, das nie viel mehr war, geschweige denn sein durfte als ein Problemfall, zunächst in einer Familie und schliesslich in einer Gesellschaft, die mit dem Anderssein schon immer ihre Schwierigkeiten hatte.

Tatsächlich ist genau das vielleicht das Spannendste und Bestürzendste an diesem Film: dass er der Festgefahrenheit der Situation nicht ausweicht, dass er zwar Zuversicht schafft, jedoch nur, um jeden noch so kleinen Lichtblick mit dem nächsten Aggressionsausbruch des Mädchens kurzum und mit aller Wucht sogleich wieder zunichtezumachen. Und diese Wucht ist es, die einen beim Blick auf die Leinwand direkt in die Magengrube trifft. Denn Fingscheidt hat ein Drama inszeniert, dem eine Körperlichkeit eingeschrieben ist, wie man sie sonst vielleicht nur in den Filmen von Kathryn Bigelow erlebt, in Kriegsdramen und brutalen Rassenkonflikten also, und auf der ganz grossen Bühne, nicht wie hier in einem kleinen, sparsam produzierten Werk, das unter die Haut geht, ohne auch nur in geringster Weise von aussen dick aufzutragen.

Man merkt Fingscheidt die Erfahrung im Dokumentarischen an, wenn sie ihrer widerborstigen Heldin mit der Kamera auf Schritt und Tritt folgt, wenn sie die Besprechungen der Ärzte, Pfleger und Betreuer filmt, die über das Schicksal von Benni entscheiden. Vor allem aber, wenn sie so nah rangeht, jeden Mal in dem Moment, in dem Benni hilflos alles Dingliche und Menschliche um sich zerstört, dass es schon wehtut, lange bevor sie mit Bobbycars um sich wirft oder sich den eigenen Kopf an der Autoscheibe blutig schlägt. Die präzise Analyse der Regisseurin wirkt nie didaktisch unterkühlt, sondern spürbar mitgerissen, fasziniert von dem Phänomen, das Benni auf ihre radikale Weise darstellt. Dass sie sich dabei mitunter im Kreis dreht wie ihre Protagonistin selbst, die immer wieder im Krankenhaus an Elektroden angeschlossen und mit Beruhigungsmitteln vollgepumpt auf der Pritsche endet, ist in diesem Fall ebenso Teil des Konzepts wie die Gratwanderung zwischen authentischer Intensität und beobachtender Distanz, die eine objektive und zugleich emotionale Bindung zum Geschehen überhaupt erst möglich macht. Hintergrundinformationen, wie beispielsweise das Gewalttrauma, in dem sich Bennis unkontrollierte Impulsivität begründet, werden lediglich angedeutet, auch das Verhältnis zu ihrer unfähigen Mutter lediglich skizziert, um unnötige Wertungen und Schuldzuweisungen zu vermeiden. Vielmehr wird über die zunehmend immer schwerer ertragbare, mitunter redundante Kumulation des immer Gleichen nach und nach der Blick frei auf den eigentlichen Kern des Problems, nämlich dass nicht Benni, nicht die Systemsprenger in ihrer Anpassungsfähigkeit versagen, sondern hier ein System am Ende seiner Kräfte angelangt ist, wo es darum ginge, angemessene Perspektiven zu schaffen, die über Abschiebung und Kapitulation hinausgehen.

Wer in Fingscheidts Film jedoch nach Antworten sucht, wird diese nicht finden. Was bleibt, ist ein Gefühl des Aufgewühltseins, des Kontrollverlusts, der Beklemmung und der Ratlosigkeit. Konsequent spielt die famose Helena Zengel in ihrer Rolle als Benni ihr physisch wie psychisch herausforderndes Spiel bis zum Schluss mit – was für sie selbst und für das Publikum eine ebenso körperliche wie emotionale Tour de force bedeutet. Am Ende ist man erschlagen, betäubt, am Boden zerstört und doch auf seltsame Weise dankbar, Teil dieser enormen Kraftanstrengung gewesen zu sein. Systemsprenger ist dichtes, intensives Kino, ohne Kompromisse und Effekthascherei, dafür mit umso mehr Herz und Verstand.

 

First published: October 07, 2019

Systemsprenger | Film | Nora Fingscheidt | DE 2019 | 118’ | Zurich Film Festival 2019

Silver Bear at the Berlinale 2019 | Best Film Section "Fokus: Schweiz, Deutschland, Österreich" at the Zurich Film Festival 2019

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