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Tomorrow - Demain

«Ich habe sieben Jahre lang eine NGO geführt. Ich wollte mit allen Mitteln beweisen, dass wir unsere Lebensweise ändern müssen. Aber niemand will mehr Schlimmes hören. Also haben wir etwas Neues versucht.» Regisseur Cyril Dion im Trailer zum Film

Es gibt ein einfaches Prinzip, das menschliches Handeln bestimmt: Je mehr Leute etwas Bestimmtes tun, desto eher wird es zur sozialen Handlungsanweisung. Kinofilme sind ein gutes Beispiel dafür. Ist ein Streifen in aller Munde, muss ihn gesehen haben, wer mitreden will. Am stärksten lösen diesen Effekt normalerweise Blockbusters aus Hollywood aus. Meistens geht es darin um Helden, die die Welt vor dem Untergang retten. Oder um Lebewesen, die sich bereits andere Galaxien untertan machen.

Dass ein Dokumentarfilm die Kinokassen klingeln lässt, kommt seltener vor. Geschweige denn, dass es einer ist, der sich ganz pragmatisch mit der Frage befasst, wie das Ökosystem vor der durchaus realen Gefahr eines Kollapses bewahrt werden kann. Tomorrow, gedreht von der Schauspielerin Mélanie Laurent und dem Aktivisten Cyril Dion, avancierte in Frankreich im vergangenen Jahr zum Publikumsliebling und räumte einen der renommierten Césars ab. In der Romandie hat er innert vier Monaten 100’000 Eintritte verzeichnet und ist damit der meistgesehene Dokumentarfilm der letzten zehn Jahre.

Am Anfang steht die Erkenntnis, dass wir zwischen 2040 und 2100 Zeugen eines ökologischen Zusammenbruchs werden, sollten wir unsere Gewohnheiten nicht schnell und drastisch ändern. Die Rede ist also nicht von einer unbestimmten Zukunft, sondern von unserer eigenen Lebensspanne – oder der unserer Kinder. In «Tomorrow» folgen darauf keine Monsterwellen, Hungersnöte oder Feuerbälle. Sondern eine heitere Reise um den Globus, die am Lebensgefühl und der Ästhetik einer Easy-Jet-Werbung anknüpft. Lachende Menschen, wundervolle Landschaften, fröhliche Songs und eine Umarmung, die die ganze Welt umschliesst. Dahinter steht nicht naives Gutmenschentum oder Ignoranz. Sondern eine klare Strategie.

Was uns die Umweltpsychologie lehrt

Wir wissen, dass sich eine positive Wende nur dann einstellt, wenn sehr viele Menschen, Konzerne und Staaten etwas unternehmen. Die Herausforderungen sind aber so komplex und miteinander verstrickt, dass es unmöglich scheint, überhaupt irgendwo einen Stein ins Rollen zu bringen. Was bleibt, ist ein Gefühl von Ohnmacht und Resignation – ein Fall für die Psychologie. Die hat ab Mitte des 20. Jahrhunderts einen Forschungsstrang ausgebildet, der sich spezifisch dem Umweltbewusstsein auseinandersetzt.

«Damit Personen ihr Verhalten freiwillig und bewusst ändern, bedarf es im Grundsatz drei Dinge», sagt Jürg Artho, Leiter der Sozialforschungsstelle der Universität Zürich. «Sie müssen es wollen, sie müssen es können, und sie müssen die Absicht tatsächlich umsetzen.» In allen drei Punkten spielt der Faktor Kollektivität eine entscheidende Rolle. Wenn ich etwas will, ist es hilfreich und motivierend, andere Personen bestärken mich darin. Damit ich es umsetzen kann, brauche ich ihre Unterstützung in Form von materiellen oder immateriellen Ressourcen. Und wenn andere mit mir am selben Strick ziehen, lasse ich nicht mehr so schnell los.

Tomorrow lebt vom Gefühl der Gemeinschaftlichkeit, das er transportiert. Seine Protagonisten sind beseelt von dem, was sie tun. Wenn im Städchen Todmorden (UK) eine bestens gelaunte ältere Dame mit dem Gemeindepolizisten über das am Strassenrand wachsende Gemüse fachsimpelt, dann denke ich: «So eine Szene möchte ich in meinem Quartier auch beobachten.» Wenn der CEO einer Couvert-Fabrik in Nord-Pas de Calais (FR) erläutert, weshalb Wirtschaftlichkeit in seinem Betrieb mit Bienenstöcken, einem begrünten Hausdach und Obstgärten einhergeht, dann denke ich: «Für dieses Unternehmen würde ich gerne arbeiten.» Und wenn der Direktor einer Gesamtschule in Finnland erklärt, dass seine Unterrichtsphilosophie auf Vertrauen statt Autorität basiert, dann weiss ich: «Bei ihm wäre ich gerne zur Schule gegangen.»

Geschickte Erzählweise

Tomorrow appelliert an die Sehnsucht nach dem Lokalen, Authentischen, Sinnstiftenden, die sich nach einer rauschhaften Phase der Digitalisierung und Globalisierung in vielen Trends manifestiert: in neuen Netzwerkformen, dem Konsum, der Art und Weise, wie wir Arbeit und Freizeit gestalten. Vielleicht ist es die schiere Vielzahl und Diversität der gezeigten Projekte, die so ermutigend wirkt. «Der Erfolg des Films», sagte Mélanie Laurent in einem Radiointerview, «bestätigt all diejenigen Personen, die bisher dachten, sie wären alleine mit ihrem Wunsch, etwas zu verändern.» Wie war das nochmal? Je mehr Leute etwas Bestimmtes tun, desto eher wird es zur sozialen Norm...

Die Botschaft: Wir entwerfen nicht den Masterplan, sondern legen den kleinen Massstab an. Wir brauchen nicht auf die Entscheide von Politikern und Firmenbossen zu warten, sondern erproben selbst die Macht. Das wirkt deshalb so überzeugend, weil selbst vermeintlich Unverrückbares plötzlich in neuem Licht erscheint. Da gibt sich eine Stadt wie Bristol (UK) eine alternative Währung, um das Geschäft der lokalen Anbieter anzukurbeln. Da baut ein indischer Bürgermeister Häuser für sozial Benachteiligte, und die «Unberührbaren» leben fortan Türe an Türe mit Familien, die sich im Kastensystem auf höherer Stufe befinden.

Kapitel für Kapitel zeigen die Autoren, welche Problemstellungen es in den Bereichen Landwirtschaft, Energie, Kreditwesen, Demokratie und Bildung gibt, und wie sie alle zusammenhängen. Erschlagend wirkt das nicht, weil die Antwort auf dem Fusse folgt. Tomorrow ist ein starkes Plädoyer für lösungsorientierten Journalismus. Wir brauchen keine erhobenen Zeigefinger. Wir brauchen Inspiration.

Text: Jacqueline Beck

First published: June 16, 2016

Tomorrow – Demain | Film | Melanie Laurent, Cyril Dion | FR 2015 | 118’

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