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CINEMA #61 - Slam-Abend

Am 5. Februar 2016 präsentiert die Redaktion von CINEMA das neue Buch Nummer 61. Dieses ist ganz dem Thema «Verwandlung» im Film gewidmet. Die drei Poetry Slamer Laurin Buser, Phibi Reichling und Michael Frei wurden beauftragt, Texte zu diesem Thema zu verfassen. Filmexplorer hat die Veranstaltung in der Zürcher Bar-Buch-Bühne «Sphères» besucht. Die Co-Redaktorin von CINEMA, Bettina Spoerri, hat für Filmexplorer einen Artikel über das Thema «Verwandlung» und seine Verbindung mit dem Slam-Abend geschrieben.

Was Slam und Kino miteinander zu tun haben können

CINEMA, das bekannte, charakteristisch schwarze Film-Jahrbuch, und insbesondere sein Online-Auftritt haben sich letztes Jahr stark verwandelt – und befinden sich noch immer weiter in Verwandlung. Die CINEMA-Website wurde neu lanciert mit einem eleganten neuen Outfit und mehr Inhalten – denn CINEMA gibt es zwar schon mehrere Jahrzehnte vor allem als Printprodukt, aber der Grossteil der Beiträge ist deshalb nicht digital verfügbar. Dies ändert sich nun und der erste Schritt ist getan, indem auf www.cinemabuch.ch über 250 Essays und andere Textbeiträge rund um Kino und Film und bald 500 Kritiken zu Schweizer Spiel- und Dokumentarfilmen der letzten zwölf Jahre digital aufbereitet und online zugänglich gemacht worden sind. In den nächsten Jahren werden auch ältere CINEMA-Jahrgänge aufgearbeitet. Ein riesiger Fundus an Beiträgen über Film und Kino kann jetzt schon auf der CINEMA-Webseite entdeckt werden; Trouvaillen von bekannten Autor/innen, Filmschaffenden, Künstler/innen.

Angesichts dieser Veränderungen lag auch das neue CINEMA-Heftthema nahe: Der vielgestaltige Begriff der „Verwandlung“. Film steht im Zeichen der Um- und Ver-Wandlung. Von Bild zu Bild entfaltet sich eine Geschichte, transformieren sich Figuren, Orte, Stimmungen, wechseln Ton oder Erzählweise. Jede Generation kämpft um die eigene Form, sucht sich von den Vorgängern zu unterscheiden, geht neue Wege in der Produktion, im Vertrieb. Gerade im Moment stehen wir wieder mitten in grossen Umwandlungsprozessen, es findet ein erneuter Quantensprung statt, der die ganze Kette, von der Produktion bis zur Rezeption, umfasst. Neue Wege ist die CINEMA-Redaktion auch in der Form der Buch-Vernissage Anfang Jahr gegangen, als das neueste CINEMA-Jahrbuch Nr. 61 druckfrisch das Licht seiner Existenz erblickte. Ausgehend vom literarischen Beitrag des Schweizer Schriftstellers Christoph Simon (zuletzt: Viel Gutes zum kleinen Preis, Bilger), der auch u.a. zweifacher Schweizer Meister (2014 und 2015) im Poetry Slam ist, entwickelte die Redaktion die Idee, statt z.B. einer Thema-bezogenen Podiumsdiskussion drei junge Autoren zu einem Slam-Abend einzuladen. Phibi Reichling, Laurin Buser (www.laurinbuser.ch) und Martin Frei liessen ihren Gedanken freien Lauf und luden das Publikum ein, ihnen in skurrile, absurde oder auch beklemmende Geschehnissen, Überlegungen und Bildern zu folgen. In ihren Texten vollzogen sich auf inhaltlicher und sprachlicher Ebene verschiedenste Verwandlungen. Auch unser tägliches Leben kann ein Film sein, zeigte sich, wenn wir es so aus unseren Augen betrachten – und auf diese Weise neu entdecken.

In der so gefeierten Nummer, dem CINEMA-Jahrbuch Nr. 61 (das in integraler Form ein Jahr lang nur als Print-Produkt existiert, bevor es auch digitalisiert wird), reflektieren Autorinnen und Autoren u.a. die Bedeutung des Übergangs vom Stumm- zum Tonfilm, vom analogen zum digitalen Kino und 3D-Film, Transformationen auf narrativer und figurenbezogener Ebene, verschiedene Charakteristika von Wandlungsvorgängen in Filmen (in der Chronologie oder durch Ersetzung), Genre-Wandlungen anhand der US-TV-Serie (bezüglich des Beispiels The Americans) oder die Auswirkungen der Archivierung und Digitalisierung von Filmen in einer Zeit, in der längst nicht mehr alle Filme im Kino präsentiert werden (können). Das Phänomen der Meerjungfrau im Film, so wird u.a. auch erläutert, kann als Allegorie für das metamorphe Nachleben der frühen Filmavantgarde gelesen werden. Ein besonderes Augenmerk richtet sich im CINEMA wie immer auf das Schweizer Filmschaffen. Matthias von Gunten nimmt die Leser/innen mit an die zahlreichen Festivals rund um den Globus, an denen sein Film gezeigt wurde, und lässt uns teilhaben an seinen Erfahrungen, wie „fremde“ Menschen und Kulturen auf seinen Dokumentarfilm ThuleTuvalu (2014) über die drastischen Veränderungen im Leben der Inuit und der Menschen auf Tuvalu im Pazifik reagierten. Ein ehemaligerund die beiden aktuellen Geschäftsführer der Praesens Film erzählen in einem Interview, wie es das älteste Filmunternehmen der Schweiz geschafft hat, bis heute zu existieren; auch da heisst die Losung „Verwandlung“, denn nur, wer sich auf die laufenden Veränderungen einstellt, vermag zu überleben. Ein historischer Überblick stellt den Wandel der Schweizer Filmmusik bis in die jüngste Gegenwart dar, die nationale Entwicklung in Relation zu internationalen Strömungen und Musikstilen stellend. Und ein Essay von Jean Perret diskutiert das Oeuvre des schweizerisch-kanadischen Filmemachers Peter Mettler mit seiner „Poesie des Dokumentarischen“, die unser Dasein in eine neue Ordnung und Perspektive hineinstellt, mittels der Verwandlung der Erzählzeit als filmischer Erfahrung. Und schliesslich zeigt die Langzeitbeobachtung in Béatrice Bakhtis Romans d’ados (2010), wie sich die Entwicklungsschritte vom Kind zum Erwachsenen in der Veränderung von Form und Ästhetik spiegeln. In Spannung gesetzt werden die Textbeiträge durch den Bildessay Changes des schweizerisch-britischen Filmemachers und Künstlers Dustin Rees. Für die Momentaufnahmen rund um das Buchthema konnten fünf Drehbuchautor/innen gewonnen werden, unter ihnen die kürzlich mit eigenen Filmen auf die Kinobühne getretenen Regisseur/innen Niklaus Hilber oder Eva Vitija. Und in der Rubrik Sélection wird eine Auswahl der 2014/2015 veröffentlichten Schweizer Filme besprochen.

Text: Bettina Spoerri
First published: May 02, 2016

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