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The Demons

[…] Vom ersten Bild an entwirft Lesage eine barbarische Perspektivität. Der Horror faltet sich nicht langsam und schleichend aus, er ist immer schon da, immer schon manifest – er ist immer schon grausames Sexualdelikt.

[…] Dem Erschrecken geht das Verstecken voraus. Wir sind mit dem Täter in Erwartung auf das Opfer, nicht umgekehrt. Wir sind mit dem Horror im Bunde, nicht mit dem ihm Ausgelieferten.

[…] Lesages Horrorvision ist tatsächlich anderer Natur, als man sie aus der Tradition des Genres kennt. Es ist der Horror der Vision, der Skandal des Sehens selbst.

Das Verhältnis, das Philippe Lesages The Demons zum Genre des Horrorfilms eingeht, wird zweimal besonders explizit problematisiert. Beide Male sehen wir den zehnjährigen Félix (Édouard Tremblay-Grenier), wie er zusammen mit seinem Schulfreund einen Horrorfilm sieht – oder richtiger: sah. Denn tatsächlich setzen diese Szenen immer erst dann ein, wenn auf dem alten, roten Röhrenfernseher, in den die beiden Jungs von ihren Betten aus hineinschauen, bereits der Abspann läuft, wenn sich mit ihm eine häufig in Dissonanzen abrutschende, über das Ende des Films hinaus drohende Musik abspult, eine Musik, die den Horror weniger abschliesst und mit der Wirklichkeit befriedet, die auf einen Film folgt, sondern die ihn abermals öffnet und in die Realität hinein verlängert, in der er sich als Latenz am Leben hält. Lesage kennt – nichts anderes belegen diese beiden Szenen – die innere Baugrundlage des Horrorfilms, das Nachhaltigkeitsprinzip seiner Affektpoetik, das Angstpotenzial, das er ins Diesseits der Leinwand transportiert. Medium und Ausdruck dieses Potenzials ist beispielsweise die Musik. Und gerade aus dieser Perspektive lässt sich Lesages Interesse am Horror-Genre verstehen und beschreiben, ist doch die mehr als idiosynkratische Musikauswahl von The Demons nicht nur als regelbrecherische Devianz zum geläufigen Horrorfilmscore zu verstehen, sondern verwirklicht doch diese ihr ganz eigenes und durch und durch skandalöses dramaturgisches Gesetz: Zu Jean Sibelius spätromantischer symphonischer Dichtung "Finlandia" sehen wir im ersten Bild des Films Schulkinder beim Sportunterricht; sie tanzen eine Art Ausdruckschoreografie, rudern mit den Armen, schütteln ihre dünnen Körper oder lassen Hula-Hopp-Reifen um die Hüften kreisen. Bild und Musik fallen in dieser Exposition völlig auseinander; das brutal scheppernde Blech, mit dem Sibelius' Komposition ansetzt, penetriert das Bild regelrecht, reisst die Kinderkörper aus ihrem eigenen Rhythmus, drischt auf sie ein: eine rohe Unterordnungsgebärde, ein bestialischer, pädophiler Gewaltakt. Vom ersten Bild an entwirft Lesage eine barbarische Perspektivität. Der Horror faltet sich nicht langsam und schleichend aus, er ist immer schon da, immer schon manifest – er ist immer schon grausames Sexualdelikt.

Das Verhältnis von Potenzial und Aktualisierung, von drohender Gewalt und stattfindender Gewalt, von Angst und Erschrecken nimmt in The Demons irritierende und immer irritierender werdende Züge an. Tatsächlich konstruiert Lesage seinen Film mit geradezu methodischer Besessenheit abseits der Inszenierungsprinzipien, die im Horrorkino Schule machten. Über die mit blitzblankem Parkett ausgelegte Welt im betuchten Umland von Montreal bricht fast nie die Nacht herein. Fast immer scheint die Sonne, fast immer sehen wir weite Einstellungen, fast nie gibt es die toten Winkel, die eine horrende Bedrohung beheimaten könnten. Im Mittelpunkt steht der ängstliche Félix, der zu Beginn des Films einmal Zeuge eines schrecklichen und gewaltsamen Streits zwischen seinen Eltern werden muss, der im Sportunterricht als Vorletzter in die Mannschaft gewählt wird, der einen jüngeren Mitschüler in einem Spind in der Umkleidekabine des örtlichen Freibads einsperrt und der Liebesbriefe an seine Turnlehrerin Rébecca (Victoria Diamond) kritzelt. Zuhause teilt sich Félix mit seinem älteren Bruder François (Vassili Schneider) ein Zimmer. Einmal versteckt er sich hinter dem Bett des Bruders als dieser auf die Toilette geht, um ihn nach seiner Rückkehr zu erschrecken. Auch hier zeigt Lesage seinen eigenen Zugang zum Horror und zu dessen Wirkungsgeschehen. Dem Erschrecken geht das Verstecken voraus. Wir sind mit dem Täter in Erwartung auf das Opfer, nicht umgekehrt. Wir sind mit dem Horror im Bunde, nicht mit dem ihm Ausgelieferten.

Für Lesage ist der Horror nicht das, was die Welt heimsucht, sondern das, was sie hervorbringt. Die Perspektive, in der sich der Film entwirft, ist auf furchtbare, ja skandalöse Weise autonom und entgrenzt. Sie geht auf kein Gesetz zurück, sie ist an keine Subjektivität gekoppelt, sie verfügt über jede Position, innen wie aussen, über die des Täters und die des Opfers, des Menschen, des Monsters und des Gespensts. Es ist diese perspektivische Anarchie, in der sich der Horror dieses Films verwirklicht. Der Dämon lauert nirgends, er hat keinen Ort, er ist der, der sieht – und er sieht, was er will, wann immer er will und vor allem wie er will. Auf tote Winkel ist er nicht angewiesen; er ist immer und überall. Und so trifft es einen auch tatsächlich wie ein Schlag ins Gesicht, wenn aus einer Aufsicht auf den Schulhof einmal – gegen alle Konventionen – mit einer rasenden Bewegung auf Félix gezoomt wird, oder wenn sich das Liebesgeständnis, das dieser im Unterricht auf einen Zettel schmiert, zudem ins Filmbild eingeprägt wird, ganz so, als würde von unsichtbarer Hand auf die Kameralinse geschrieben werden. Auch in diesem Sinne sind wir mit dem Horror im Bunde, sind wir zurückgeworfen auf seine bodenlose Perspektivität, sind wir ihm restlos ausgeliefert.

The Demons ist im Grunde das, was man sinnvoller Weise einen Skandalfilm nennen könnte. Und das hat zunächst einmal nicht unbedingt damit zu tun, dass er auch tatsächlich – etwa in erzählerischer Hinsicht – auf den Missbrauch am kindlichen Körper hinausläuft, den seine erste Einstellung bereits antizipierte, sondern damit, dass sich die pädophile Aggression immer schon mit in die entgrenzte Perspektivität des Films hineingemischt hat, dass die Bilder, die der Film entstehen lässt, immer schon aus einem Gemenge aus kindlicher Angst und brutaler Triebtätlichkeit geboren wurden. Lesages Horrorvision ist tatsächlich anderer Natur, als man sie aus der Tradition des Genres kennt. Es ist der Horror der Vision, der Skandal des Sehens selbst. Eine erschütternde Mixtur aus Gewalt, Trauer und Angst – ununterscheidbar miteinander vermengt. Und auch dieses Entsetzen verlängert sich bahnbrechend in die Wirklichkeit, sogar dann noch, wenn im Abspann "Pata Pata" von Myriam Makeba zu hören ist, jener Song, durch den dem kleinen Félix eigentlich einmal die Angst genommen wurde.

Text: Lukas Stern

First published: April 07, 2017

The Demons | Film | Philippe Lesage | CAN 2015 | 118’ | FIFF 2017

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