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Raw - Grave

[…] Ganz allgemein verzichtet der Film darauf, die schockierenden Ereignisse irgendwie zu verurteilen oder als abnormal darzustellen, was sie in ihrer Wirkkraft aber nur umso stärker macht.

[…] Justines graduelle Wandlung von der schüchternen jungfräulichen Musterschülerin zum von Fleischeslust getriebenen wilden Raubtier ist subtil und intensiv, und lässt sich sowohl an ihren Augen als auch in den Bewegungen ihres ganzen Körpers ablesen.

Die Idee ist vielleicht nicht die allerneuste. Das sexuelle Erwachen einer Teenagerin mit den allegorischen Möglichkeiten des Horrorfilms überhöht darzustellen gelang beinahe unübertrefflich schon in De Palmas Carrie, und auch die Gleichsetzung von Sexualität mit (kannibalistischer) Fleischeslust fand schon in Claire Denis' Trouble Every Day einprägsam statt. Doch die Art und Weise wie Julia Ducournau für die im Grunde gleichen Motive in der belgisch-französischen Produktion Raw neue, eindringliche Bilder findet, ist beeindruckend. Insbesondere für jene besondere Zwischenwelt, die nicht mehr Kindheit und noch nicht ganz Erwachsensein ist, hat Ducournau in jener Schule für angehende Tierärzte mit allzu bizarren Ritualen und grellen, von farbigem Licht durchfluteten Parties, die nicht so ganz von dieser Welt sind, einen auf seltsame Weise passenden Ort für diese Transition entworfen. Das Übergiessen mit Tierblut – in Carrie noch der Höhepunkt der Demütigungen und Auslöser der telekinetischen Gewalt des letzten Aktes – findet hier schon ganz zu Beginn statt und stellt nur die erste in einer Reihe von Initiationen dar, dem das Verspeisen von roher Hasenleber sowie explizit sexuelle Aufgaben folgen. Mit gelber Farbe übergossen, wird die Protagonistin etwa einmal mit einem ähnlich, jedoch blau behandelten Kommilitonen in eine Kammer gesperrt, mit der Anweisung, nicht wieder herauszukommen bevor beide grün sind. 

Zu Beginn Jungfrau und Vegetarierin, passt sich die schüchterne doch nicht naive Justine (der Name hier ganz treffend) an die neuen Umstände an, beziehungsweise verändern sich ihr Körper und ihr Begehren dementsprechend und darüber hinaus. Schnell entwickelt sie einen Heisshunger auf Fleisch, wobei ihr die tierische, gekochte Variante schon bald nicht mehr genügt. Als ihre ältere Schwester Alexia, die ebenfalls Studentin an der Schule ist, nach einem unglücklichen Unfall mit einer Schere Justine dabei beobachtet, wie diese genüsslich ihren Finger verspeist, ist ihr Blick nicht einer der Überraschung oder des Ekels, sondern der resignierten Traurigkeit, als ob die kannibalische Lust hier (an dieser Schule, in dieser Familie?) keinen Skandal darstellt, sondern bloss eine Frage der Zeit war. Ganz allgemein verzichtet der Film darauf, die schockierenden Ereignisse irgendwie zu verurteilen oder als abnormal darzustellen, was sie in ihrer Wirkkraft aber nur umso stärker macht. Das matter of fact-mässige der Erzählperspektive erinnert an den distanzierten, schon fast zynischen Blick des Tierforschers oder Tierarztes, der Blut, Tod, metaphorisches und buchstäbliches Fressen und Gefressenwerden als gegeben akzeptiert und versucht, das Beste aus der Situation zu machen: zu retten was zu retten ist, zu töten was krank oder gefährlich ist, ohne jemals ganz die Faszination vor den vielfältigen Grausamkeiten der Natur zu verlieren. Nur dass es hier eben um die Verhaltensweisen und Begehrlichkeiten jugendlicher Mädchen geht, die hier filmisch seziert werden.

Gleich wie Justine Grenze um Grenze überschreitet, wird auch der Film in seiner Darstellung intensiver und roher, kommt oft näher an die Figuren heran als es angenehm ist. Scheu, wenn es um die Darstellung offener Wunden oder sezierter Tier- und anderer Kadaver geht, spürt Raw schon gar keine. Dabei driftet er nie ins Geschmacklose ab – selbst dann nicht, als Justines und Alexias Neigungen für Mitstudenten wie auch für unbeteiligte Opfer immer gefährlicher werden. Und wenn der Film stets intensiver wird – in seinen Darstellungen, seiner Inszenierungen, seiner Farbgebung sowie seinem stets treffenden Musikeinsatz – vermögen es die Darstellerinnen, allen voran Garance Marillier als Justine und Ella Rumpf als Alexia, mit dieser Intensivierung Schritt zu halten. Justines graduelle Wandlung von der schüchternen jungfräulichen Musterschülerin zum von Fleischeslust getriebenen wilden Raubtier ist subtil und intensiv, und lässt sich sowohl an ihren Augen als auch in den Bewegungen ihres ganzen Körpers ablesen, wobei auch die Panik, die diese Transformation bei ihr selbst auslöst, immer sichtbar bleibt. Am Schluss bleibt Raw trotz seiner ganzen Blutigkeit ein berührendes Coming of Age-Drama – ein besonders intensives vielleicht, das dann überraschenderweise aber doch ein hoffnungsvolles Ende für seine Protagonistinnen findet, für die sein Herz ganz deutlich sichtbar schlägt. Nur dass jenes Herz in diesem Fall gleichsam in einer offenen Wunde roh vor sich hergetragen wird. 

Text: Dominic Schmid

First published: July 12, 2017

Raw (Grave) | Film | Julia Ducournau | FR-BE 2016 | 99’ | NIFFF 2017 | Kino Rex Bern

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