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Polder - Become a Game

[…] Während der Einleitung des Films schreit ein Mann im Saal lautstark und pöbelt die Moderatorin auf der Bühne an… Ein theatralisches, politisch-geladenes Duett folgt, während die Leute sich fragen, ob es sich nun um einen spontanen Protest oder einer vorprogrammierten Inszenierung handelt.

[…] «Polder» ist ein eindeutiges Symptom von einem Kino, das ausserhalb der Beschränkungen der black box experimentieren möchte. Es ist gleichzeitig ein gutes Beispiel für eine junge, enthusiastische Generation, die im Theater neue Motivationen und Energien findet, um eine Erneuerung der Kinoform vorzuschlagen.

Nach seiner Premiere am NIFFF in Neuchâtel wagt das Schweiz-Österreichische Team von Polder an den Solothurner Filmtagen eine performative Inszenierung des Filmes. Mit unserem Smartphone und einem eigens für die Aktion realisierten APP begeben wir (Publikum) uns in Solothurn auf eine Promenade und tauchen über Kopfhörer und mittels Erzählstimme in eine subjektive Führung der Regisseure ein, die eine Sciencefiction Komplott-Geschichte inszenieren. Der Parcours endet in einer Bar direkt neben dem Kino Canva. Wir werden von eingekleideten Fantasie-Figuren – die SchauspielerInnen des Films – freundlich empfangen und an kleine Salontischchen gesetzt. Hier geht die reale Fiktion weiter… Durch ein Rollenspiel werden wir in eine Welt eingeführt, wie diese von vorprogrammierten und manipulierenden Videogames bekannt ist. Wir bekommen Informationen, müssen Entscheidungen treffen und spielen mit. Eine reelle Welt verbindet sich mit fiktionalen Vorgaben und konkreten Handlungsanweisungen, dadurch werden wir TeilnehmerInnen in Vorstellungen katapultiert. Das Ganze ähnelt einem zuweilen hypnotischen Trip mit psychoanalytischen Inputs in einem realen Raum mit realen Figuren, zudem treffen wir auf bekannte Gesichter weiterer Festivalgäste.

Das ist auch der thematische Stoff des nachfolgenden Films, der sich in einem crescendo von Verwirrung zwischen dem Reellen und dem Virtuellen entwickelt. Das Tempo ist sehr schnell und die coups de scène geben den Rhythmus an. So kommt glaubwürdig ein solcher coup de scène ganz zu Beginn, vor der eigentlichen Filmprojektion: Während der Einleitung des Films schreit ein Mann im Saal lautstark und pöbelt die Moderatorin auf der Bühne an… Ein theatralisches, politisch-geladenes Duett folgt, während die Leute sich fragen, ob es sich nun um einen spontanen Protest oder einer vorprogrammierten Inszenierung handelt.

Polder ist ein eindeutiges Symptom von einem Kino, das ausserhalb der Beschränkungen der black box experimentieren möchte. Es ist gleichzeitig ein gutes Beispiel für eine junge, enthusiastische Generation, die im Theater neue Motivationen und Energien findet, um eine Erneuerung der Kinoform vorzuschlagen. Diese Generation hat ein grosses Verlangen nach neuen Erfahrungen und hat einen engagierten, politischen Diskurs, der näher ans Publikum gehen will.

Der Film selbst zeugt von einer reifen, erzählerischen Fähigkeit, auch wenn das Technologie-Thema etwas allzu sehr auf die Faszination und Angst vor Logarithmen reduziert wird. Zur alten Frage der Grenzen zwischen dem Reellen und dem Virtuellen bildet Polder eine epische und atemberaubende Reise, die vielleicht nur im letzten Teil ein bisschen Kohärenz verliert. Es bleiben gute filmische Ideen, auf der Erzähl- wie auf Bildebene. Was vor allem überzeugt und spürbar wird, ist ein positiver, kollektiver Geist mit Lust und Kraft aufs Ausprobieren. Polder könnte ein wichtiger Wendepunkt für weiteres Filmschaffen werden. À suivre…

Text: Giuseppe Di Salvatore
First published: April 25, 2016

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