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Gyrischachen

[…] Zusammenleben ist sicher immer eine Herausforderung für die Menschen, doch versucht diese Dokumentation ein fast beispielhaftes Modell zu zeichnen.

Sonja Mühlemann liefert eine klare, interessante Dokumentation über ein Viertel, Gyrischachen, das normalerweise nur als Ghetto gesehen wird. Mit dieser Wohnsiedlung in Burgdorf entdeckt man vielleicht das wahrste Gesicht der heutigen Schweiz, wo die Bezeichnungen “Ausländer” und “Einwohner” eigentlich obsolet geworden sind. Die porträtierten Figuren haben fast immer etwas Positives auszudrücken und man lernt auch die Vorteile und die Schönheit weit ab vom Einfamilienhaustraum zu wohnen, zu verstehen. Zusammenleben ist sicher immer eine Herausforderung für die Menschen, doch versucht diese Dokumentation ein fast beispielhaftes Modell zu zeichnen. Probleme, Misstrauen und Vorurteile werden zwar erwähnt, jedoch nie wirklich gezeigt oder gar hervorgehoben. Die schöne Photographie, das wunderbare Editing (Katharina Behnd) und eine manchmal etwas allzu folkloristische Musikbegleitung lässt die Schwierigkeiten schlussendlich im Hintergrund, hinter einem beruhigenden Lächeln zurück. Der irakische Lädeliführer betont, dass man nur über das Gute sprechen soll, es tue nicht gut, sich an Schlechtes zu erinnern. Ein gutes Rezept für traumatisierte Flüchtlinge, doch sollten wir ZuschauerInnen doch vielleicht mehr über die kulturellen Differenzen erfahren, die sich notwendigerweise nicht immer nur nach Integration orientieren. Auf jeden Fall muss man erwähnen, dass die Dokumentation mindestens in Bezug auf die religiösen Aspekte dieser Gyrischachen-Gemeinschaft sehr einseitig bleibt. Viel Raum ist einem christlichen Verein gegeben, der sich zusammen mit einer guten Sozialisierung von Kindern für eine starke, christliche Indoktrinierung engagiert, welche ich von einem laizistischen Standpunkt her sehr fragwürdig (oder gar fanatisch) finde. Und trotz einer massiven Anwesenheit von Muslimen aus der Türkei und dem Balkan, fragt man sich, warum haben nur christliche Migranten das Wort bekommen? Auch wenn wir solche Fragen an den Film stellen können, bleibt Gyrischachen eine sehenswerte Dokumentation, die gut gefilmt ist und die wichtige Fragen zur Integration und der multikulturellen Gesellschaft stellt, gerade auch, weil die Schweiz effektiv eine solche Gesellschaft ist – auch wenn die obsessive Wiederholung der Berge-Kühe-Uhren-Schokoladen-Mythologie immer versucht, es uns vergessen zu lassen.

Text: Giuseppe Di Salvatore
First published: May 19, 2016

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