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Der klingende Amateurfilm

„Der klingende Amateurfilm“, ein internationales Symposium in der Kinemathek Lichtspiel, Bern: drei Tage mit und über Menschen, die Bilder und Töne aufsaugen wie ein Schwamm.

«Wo gefilmt wird, wird auch gesprochen!»

DING - DANG - DONG!

Das Licht im Saal unter dem Dach der ehemaligen Ryff-Fabrik, diesen Dachschrägen voller Filmplakate, erlischt.

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Ein Sechzehnmillimeterprojektor wirft seinen Bildausschnitt auf das linke untere Viertel der Leinwand. Eine Autofahrt, in den 30er Jahren vielleicht, schwarz-weiss, stumm. Halt, nein, es ist Musik zu hören, und Stimmen! Die Erwachsenen und das Mädchen im Cabriolet unterhalten sich. Nicht in ihren eigenen Stimmen jedoch, und auch nicht sehr synchron... die Tonspur muss jünger sein, viel jünger. Genauer gesagt: sie ist einen Tag alt, eine Magnettonspur, aufgenommen während des Workshops, mit der Lichtspiel-Direktor David Landolf die Tagung „Der klingende Amateurfilm“ in der Kinemathek Lichtspiel eröffnet hat. Diesen ersten Tag habe ich verpasst, ausgerechnet. Die Gelegenheit, selbst Hand anzulegen und auszuprobieren, wie das geht, auf einen schmalen Filmstreifen einen noch schmaleren Magnettonstreifen zu kleben, um ihn zum Klingen zu bringen. Einen Projektor an ein Tonbandgerät anzuschliessen, an einen Plattenspieler oder auch ein Mikrofon. Da kamen Geräte in Gang, von denen selbst erfahrene Filmvorführer oder Filmemacherinnen nicht wussten, dass und wie sie tönen...

Am Tag nach dem Workshop fühlt sich der Kinosaal vom Lichtspiel noch mehr als sonst nach einem Labor an. Auf Tischen zwischen den Sitzreihen und der Leinwand stehen die Geräte, die gestern noch in Betrieb waren: der Projektor 18-5 von Bolex Paillard, ein Bauer T12s, an dessen Stirnseite das Tonband direkt durchläuft, oder der Noris Norimat S, in den man eine Audiokassette einlegen kann, damit „endlich Leben, endlich Stimmung in den Streifen kommt“. So einfach und selbstverständlich, wie die Werbebroschüre es behauptet, war es jedoch nicht, den Amateurfilm zum Klingen zu bringen, schon wegen der zusätzlichen Kosten für die Ausrüstung. «There are no financial limits to your passion, right?» – David Pfluger, wie sein Vater ein leidenschaftlicher Amateurfilmer, sagt es nicht ohne Ironie. Er ist der erste Redner an diesem Tag und weiss aus eigener Erfahrung, welche Probleme der Ton mit sich bringen kann. Dass es schwieriger wird, alleine zu arbeiten. Dass man sich plötzlich mit Kamerageräuschen herumschlagen muss. Und wie kniffelig die Herausforderung sein kann, Bild und Ton synchron zu bekommen, selbst wenn eine CD im Spiel ist. Da ist es manchmal einfacher, einen stummen Film erst später mit Hintergrundmusik zu unterlegen, wie sein Vater es für die Dokumentationen der Basler Fasnacht machte. «Jazz goes with everything». Oder Marschmusik.

Doch erst einmal hinterfragt Pfluger das scheinbar Selbstverständliche: was heisst das eigentlich, ein Amateurfilmer zu sein? Ist ein Amateur wirklich, frei nach Duden, ein Liebhaber ohne das nötige Fachwissen? Jemand, der das Filmemachen als Hobby betreibt,  also weniger professionell als andere? Oder mit schmaleren Filmformaten, 8mm und 16mm? Ich fühle mich ertappt, merke, dass ich all das irgendwie angenommen habe, ohne mir genauer Gedanken darüber zu machen. Für David Pfluger steht die Leidenschaft im Mittelpunkt, mit der Amateure sich dem Filmemachen verschreiben. Und obwohl er lange ohne Direktton gearbeitet hat, hat er den Amateurfilm nie als stumm empfunden: der Soundtrack entstehe spätestens bei der Vorführung im privaten Kreis, wenn Filmemacher und Publikum die vertrauten Bilder kommentieren... Günter Zehetner, selbst ein experimenteller Filmemacher und Künstler, findet dagegen spannend, dass Amateurfilmer sich oft mehr auf das Bild als den Ton konzentrierten. Dass sie lange noch eine Art Stummfilm in Zeiten des Tonfilms machten.

Während der Tagung dürfen wir die verschiedensten Mischformen aus „stummen“ und „tönenden“ Bildern erleben. Friedrich Kuplents Prater (1929) wird in Stummfilmmanier lebendig, wenn der Geiger Vincent Millioud vor die Leinwand tritt und eine Tonspur dazu improvisiert. Mit unglaublicher Präzision sind die Bildausschnitte und Tonspuren in Sidney Laverents schon klassischer Multiple Sidosis (1970) synchronisiert, in jahrelanger Arbeit vermutlich. Und Stefanie Zingl vom österreichischen Filmmuseum liest zu den stummen Ferienbildern von Marianigg (1965) das Tonskript, das Regisseurin Margareta Veit verfasst, aber nie umgesetzt hat, spielt die geplanten Lieder live ein...

Krkrkrkrkrkrkrkrkrkrkrkrkrkrkrkrkrkr…

Kein Projektor diesmal, die Kaffeemaschine. Wir brauchen eine Pause, ein wenig Tageslicht, etwas Wind um die Nase auf dem Balkon oberhalb vom Marzili-Bad. Oder einen Kaffee eben, an der Lichtspiel-Bar, um die herum sich jetzt Gespräche entspinnen... «aber das mit dem Perforieren, das isch es Züg gsi!» ... «Und der hat ganz unten im Keller ein Labor eingerichtet...». In Momenten könnte man denken, von lauter aktiven Amateurfilmern umgeben zu sein. Und wirklich haben viele von uns früher oder später eine Kamera zur Hand genommen, mit Bildern und Tönen experimentiert. Karola Gramann zum Beispiel, die zusammen mit Heide Schlüpmann die Frankfurter Kinemathek Asta Nielsen vertritt. David Pfluger natürlich oder Günter Zehetner, der bei Peter Kubelka studiert hat. Alexandre Favre, der an einem Dokumentarfilm über das Familienunternehmen Paillard arbeitet, mit einer Bolex dreht und überhaupt unabhängig wie ein Amateur zu bleiben versucht. Aber auch viele studierte Fachleute mischen sich darunter. Filmrestauratorin Brigitte Paulowitz, Leiterin der Filmsammlung des Lichtspiels, die die Tagung organisiert hat. Der Filmhistoriker Roland Cosandey, der Medienwissenschaftler Alexander Stark von der Uni Marburg, Studenten der Berner Hochschule der Künste... Es scheint, dass die Teilnehmer der Tagung ähnlich verschieden und vielfältig sind wie die Vertreter der Amateurfilmszene, mit der sie sich beschäftigen. Bestimmt liegt es auch an dieser wunderbar bunten Mischung spannender Menschen, dass es nie langweilig wird, auch wenn ein Vortrag den nächsten jagt. Höchstens erschöpfend, weil so viel Neues auf mich einstürmt. Weil ich merke, wie wenig ich eigentlich über den Amateurfilm weiss. 

DING - DANG - DONG!

«I will try to get used to the microphone». Günter Zehetner ist es nicht so wohl mit dem künstlich verstärkten Ton. Er sucht seine eigene Definition von dem, was ein Amateur sein könnte. Oder vielmehr, was ihn an Amateurfilmen interessiert. «Everything goes in this „not-right-direction“... it has it’s own beauty». Die Abweichung von den Normen, wie der professionelle Film sie definiert. Die überraschende Schönheit des (scheinbar) Unvollkommenen, des Alltäglichen, des Groben auch. In Amateurfilmen sei die Kamera wie ein Schwamm, «a sponge which sucks up life... inhaling and breathing all those realities».

Tatsächlich sehe und höre ich in zwei Tagen viele Wirklichkeiten, die ich unglaublich schön und spannend finde, lustig und berührend. Von einem verlorenen Ferienfilm des Paares Rosa und Karl Louis sind nur die einleitenden Worte geblieben, aufgezeichnet auf einem Voicograf. Im dämmrigen Kinosaal erzeugen sie Bilder in unseren Köpfen, die Bilder einer Reise vom Genfer See zum Atlantik. Roka-Heimlichtspiele. Bei einem anderen Paar hingegen ist alles mitten im Bild, auch das Mikrophon, das die Stimmklänge ihres Babys aufnimmt. Anders als so oft geht es ihnen weniger um das Aussehen des Kindes als um die besondere Art, in der es atmet und tönt. Vom Bodensee kommen die Beobachtungen eines Familienvaters, bei denen man zuhören kann, wie Bilder die Sprache verändern. Im Kommentar, den er später zu den Bildern aufnimmt, bekommt sein Sprechen etwas Zeigendes, eine ganz eigene Schlichtheit. Vielleicht auch etwas Kontrollierendes. Manchmal wird er bewusst witzig. «Schöne Rücken können auch entzücken». Und manchmal unfreiwillig komisch. «Und die Mutter bei unserem üblichen Spaziergang entlang der B31... und nochmals Mutti und der Kirchturm». Eine Rolle Super8-Film zeigt zwei Paare beim Picknick, die offenbar zum ersten Mal die Kamera samt Mikrophon aufgestellt haben. Ohne es zu beabsichtigen, sprechen sie in den drei Minuten alles an, was sie beim Filmen in diesem Format beschäftigt. Auch die Widersprüche. «Wo gefilmt wird, wird auch gesprochen», sagt einer der beiden Männer. Doch schon kurz darauf, als es ihnen schwer fällt, ein passendes Gesprächsthema zu finden: «Die besten Filme sind die, in denen niemand spricht».

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Das letzte Surren des Projektors verklingt, die Tagung ist vorbei, aber nicht die Bilder und Töne, die sich mir eingeprägt haben. Die Begegnungen mit den Menschen im Lichtspiel und mit Filmemacherinnen, von denen ich sonst wohl nie gehört hätte. Elisabeth Wilms zum Beispiel, Tochter einer religiösen Metzgerfamilie und Frau eines Bäckers, die 1941 von einer Amateurfilmvorführung bei Freunden so inspiriert wurde, dass sie sich von da an ganz dem Filmemachen verschrieb. Beinahe 100 Filme drehte sie, manchmal assistiert von ihrem Ehemann, darunter zahlreiche Image- und Werbefilme für Firmen, mit denen sie ihr Geld verdiente. Ein weiteres Beispiel für eine leidenschaftliche Filmautorin, die sich den Kategorien entzieht, wie so viele Amateurinnen und Amateure...


© Photos: Raff Fluri



Text: Stephan Schoenholtz

First published: May 26, 2017

Der Klingende Amateurfilm | Films & Talk | Lichtspiel Bern | 18-20/5/2017

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