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B-Movie: Lust & Sound in West-Berlin 1979-1989

[…] Ja, die Mauer war nicht nur eine politische und globale Schande für die Welt, sie war auch der Schutzzaun einer kleinen idyllischen Welt. Sie bildete absurderweise den Rahmen für eine grenzenlose Freiheit.

[…] Es ist selten, dass ein Dokumentarfilm für die Erfahrung des Zuschauers so wirksam ist, und dass ein Zusammenweben von einer fiktionalen Erzählung mit Originaldokumenten so bravurös umgesetzt wird.

Einmal – nach ein paar Gläsern Bier in einer Berliner Eckkneipe in Neukölln – hatte mir jemand gesagt: zurück zur Mauer! Er war begeistert vom Inselleben in den 80er Jahren in West-Berlin. Ja, die Mauer war nicht nur eine politische und globale Schande für die Welt, sie war auch der Schutzzaun einer kleinen idyllischen Welt. Sie bildete absurderweise den Rahmen für eine grenzenlose Freiheit. Wie sieht diese Freiheit aus? Diese Frage zog eine internationale Jugend nach Berlin. West-Berlin war das Mekka der Sub- und Popkultur für verschiedenste Künstler, Hausbesetzer und Hedonisten. Hier war alles eine Frage des Ausprobierens, der Veränderung, des Ausloten von Grenzen und des Aufbrechen zu neuen Möglichkeiten. Es war die Lust an einer Utopie aus dem Chaos.

B-Movie nähert sich diesem Geist aus dem Blickwinkel der Musik und vor allem der Szene, in der diese entstand. Grundsätzlich ist das alles eine Frage der Energie und diese lässt B-Movie durch die reiche Dokumentation mit vielfältigem Originalmaterial aufleben. Mit B-Movie können wir nicht nur eine chronologische Reise in die 80er Jahre in West-Berlin machen, sondern es ist vor allem eine direkte Erfahrung von dieser Zeit und ihres Geistes.

Das Besondere in B-Movie ist, dass Originalmaterial zusammen mit der subjektiven Erzählung des britischen Musikproduzent Mark Reeders verbunden wird. Reeder zog Ende der 70er Jahre nach Berlin. Er ist wie viele von dieser ummauerten Stadt der grenzenlosen Freiheit fasziniert und will diese in der Musikszene auskosten. Er ist das perfekte Beispiel einer sehr internationalen Generation, die hauptsächlich von deutschen und angelsächsischen Künstlern geprägt war – wie etwa David Bowie oder Nick Cave.

Die Filmemacher Hoppe, Maeck und Lange haben zusammen mit den Cuttern in der Inszenierungen des Lebens Reeders eine virtuose Arbeit geleistet. Sie kriegten eine perfekte Kontinuität mit dem ausgewählten Filmarchivmaterial hin. Es ist selten, dass ein Dokumentarfilm für die Erfahrung des Zuschauers so wirksam ist, und dass ein Zusammenweben von einer fiktionalen Erzählung mit Originaldokumenten so bravurös umgesetzt wird. Der Film schafft es, dass der Rhythmus der Musik dieser Jahre präzis widerspiegelt wird und somit den ZuschauerInnen eine echte Rauscherfahrung garantiert, die sicher bleiben wird.

Am Schluss bleibt nur eine grosse Frage zurück: Ist es möglich, die Essenz des damaligen Berlins in einem Film einzufangen? An dieser Stelle könnte man nur resigniert feststellen: Besser als B-Movie wäre nur, dabei gewesen zu sein…

Text: Ruth Baettig

First published: December 15, 2016

B-Movie: Sound & Lust in West-Berlin 1979-1989 | Film | Jörg A. Hoppe, Klaus Maeck, Heiko Lange | DE 2015 | 92’

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