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Félicité

[…] Besser noch: beim Film, der ihren Namen trägt, handelt es sich nicht um so etwas Gewöhnliches wie um ein Porträt dieser Naturgewalt, sondern um die filmische Verkörperung einer solchen: ungezähmt, unberechenbar und von rauer Schönheit.

[…] Aus dem Orkan ist ein Strom gegensätzlicher Gefühle geworden, begleitet von Arvo Pärt-Interpretationen eines afrikanischen Orchesters und mythischen Tierbegegnungen im nächtlichen Wald – surrealistischen Ausflügen, die diese Gefühle verdichten und auflösen. Ein Porträt des Lebens, des Überlebens, und schliesslich einer Art Wiedergeburt.

Félicité (Vero Tshanda Beye) ist eine Naturgewalt. Schon nach der ersten Nahaufnahme, die die Sängerin beim Auftritt in einer Bar in Kinshasa wie verzaubert anblickt, lässt sich diese Beschreibung kaum mehr als Klischee abtun. Besser noch: beim Film, der ihren Namen trägt, handelt es sich nicht um so etwas Gewöhnliches wie um ein Porträt dieser Naturgewalt, sondern um die filmische Verkörperung einer solchen: ungezähmt, unberechenbar und von rauer Schönheit. Als Zuschauer kann man kaum anders, als sich von diesem Sturm mitreissen zu lassen, seinem eigenartigen Rhythmus, seiner Hauptfigur.

Der Plot beginnt klassisch und intensiv. Er schickt Félicité auf eine verzweifelte doch rigorose Suche nach einer Million kongolesischer Franc, um ihrem Sohn das Bein zu retten, das sich dieser in einem Motorradunfall verletzt hat. Die Schwierigkeiten, das Geld für die Operation aufzutreiben – vom Unwillen des Vaters, Verantwortung zu übernehmen, bis zu den Grenzen der Solidarität der Gemeinschaft, die zwar da ist, aber wenns darauf ankommt, kaum ausreicht –offenbaren die Brüchigkeit des sozialen Systems. In einer schwer anzusehenden Szene schmuggelt sich Félicité in eine Villa, um in kompletter Selbsterniedrigung und unter Schlägen dem reichen Besitzer ein paar verächtlich hingeworfene Scheine abzutrotzen. Und als sich dann nach der Hälfte des Films diese Suche als blosses Beiwerk herausstellt, wird erst klar, dass es hier noch um etwas anderes geht.

Nach der intensiven ersten Hälfte, die gänzlich von Félicités Suche nach dem Geld bestimmt ist, ändert sich schlagartig das Tempo. Das heisst nicht, dass die Bilder ruhiger würden oder weniger intensiv auf die Gesichter fixiert, sondern dass sich diese Intensität jetzt auf andere Dinge richtet. Auf die Melancholie, die Félicité jetzt zu überwältigen droht, auf die sanft eingeführte Liebesgeschichte, zwischen ihr und ihrem grössten Verehrer Tabu, einem Lebemann, Frauenheld und Trinker, der sich langsam doch unerwartet in den Film schiebt. Aus dem Orkan ist ein Strom gegensätzlicher Gefühle geworden, begleitet von Arvo Pärt-Interpretationen eines afrikanischen Orchesters und mythischen Tierbegegnungen im nächtlichen Wald – surrealistischen Ausflügen, die diese Gefühle verdichten und auflösen. Ein Porträt des Lebens, des Überlebens, und schliesslich einer Art Wiedergeburt.

Schon im grandiosen Aujourd'hui von 2012 hat sich Alain Gomis kein bisschen für Dinge wie traditionelle Plotstrukturen oder realistische Narration interessiert, war dieser im Grunde ein Experimentalfilm, ein kinematographisch-tänzerisches Fest, dessen haptische und gleichsam synästhetische Filmsprache einen schier zu überwältigen vermochte. Während da aber der hochmetaphorische Plot um den letzten Tag im Leben eines heimgekehrten Musikers, sowie soziologische Betrachtungen der gegenwärtigen westafrikanischen Kultur durch seine Reizüberflutung fast ein wenig in den Hintergrund gedrängt wurden, steht in Félicité beides buchstäblich im Vordergrund. Und wenn Gomis in Félicité im Vergleich zu Aujourd'hui die Intensität seiner Filmsprache deutlich zurückfährt, kompensiert er dies mit seiner luziden Beobachtung der unerbittlichen Lebenswelt seiner Protagonistin, in der mit Beharrlichkeit und ein wenig Liebe doch noch so etwas wie Glück aufzuspüren ist, wenn es auch noch so unvollkommen und flüchtig ist.

Text: Dominic Schmid

First published: April 02, 2017

Félicité | Film | Alain Gomis | DE-FR-BE-LBN-SEN 2017 | 123’

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