article img

Ama-San

[…] Zwischen Tod und Feuer erzählt Cláudia Varejão die Geschichte einer Welt von Wasser und Frauen, einer Welt, die eine Hymne auf das Leben anstimmt – die Geschichte der «Ama-San», der «Frauen des Meeres».

[…] Minutenlang schweben wir mit in das geheimnisvolle Dunkel des Meeres, der Ton folgt dem alltäglichen Geschehen und ruft uns beim Auftauchen wieder aus unseren Gedankengängen an die Oberfläche zurück.

Am Anfang des Filmes blicken wir über eine Friedhofanlage aufs weite Meer hinaus. Gegen Ende taucht einer der wenigen Männer im Film auf und ist mit dem Entfachen von Feuerwerken beschäftigt. Zwischen Tod und Feuer erzählt Cláudia Varejão die Geschichte einer Welt von Wasser und Frauen, einer Welt, die eine Hymne auf das Leben anstimmt – die Geschichte der «Ama-San», der «Frauen des Meeres».

Der Film gibt keine Erklärung ab, will nicht informieren, verweigert sich geradezu, um den Fokus anders zu legen. Es zählt einzig die Realität dieser Fischerinnen, die in einer unglaublichen Intimität in ihrem Ankleiden, Vorbereiten und Tun gezeigt werden. Jeder Handgriff sitzt und wird sorgfältig an jüngere Ama-San weitergegeben. Trotz der Gefahr und den Schwierigkeiten wie der Anwesenheit von Haien, des kalten Wassers oder möglicher Krankheiten, ist diese Frauenwelt mit einer konstanten fröhlichen Stimmung und mit positiven Werten erfüllt: Solidarität, Familie, Arbeit, Gemeinschaft, Natur, Rhythmus, Gesang. Die Ama-San bilden eine idyllische Oase, wo durch Arbeit Gemeinschaft wird und die Gemeinschaft zur Arbeit motiviert – ein fast perfekter Kreislauf.

Man könnte bemängeln, dass Varejão die Entscheidung getroffen hat, nichts vom Kontext dieser Welt zu erzählen, keine weiteren Informationen zu liefern. Nur das Fernsehen, Smartphones oder Tablets, die an den Rändern des Filmes auftauchen, sprechen indirekt von der «normalen» Welt. So staunen wir, dass die im Film gezeigte Welt der Ama-San lebendig und eine zeitgenössische Realität ist, die auch tatsächlich existiert.

Der Film über die Ama-San-Realität könnte man als Insel von menschlicher Schönheit bezeichne: Stille, Arbeit, der tägliche Rhythmus. Minutenlang schweben wir mit in das geheimnisvolle Dunkel des Meeres, der Ton folgt dem alltäglichen Geschehen und ruft uns beim Auftauchen wieder aus unseren Gedankengängen an die Oberfläche zurück. Die Filmemacherin bringt mehr als nur ein seltenes, zeitgenössisches Dokument auf die Leinwand, zeigt mehr als nur ein Streben nach Reinheit: Ama-San soll als Beispiel wirken – ein Beispiel, das zum Optimismus zwingt.

Text: Ruth Baettig

First published: July 06, 2016

Explore more

Newsletter Subscription

Subscribe to our newsletter and stay in touch