Kritik neu denken | Mercedes Bunz

«Es geht heute darum, sich über die Kritik hinaus als verantwortlich und teilnehmend zu begreifen»

Kritik neu denken

Mercedes Bunz befasst sich als Kulturwissenschaftlerin und Journalistin intensiv mit der Frage, wie sich mit digitalen Technologien und neuen Medien unsere gesellschaftliche Organisation verändert. Kritik, so Bunz, kann Veränderung gestalten – indem sie über ein Urteilen hinausgeht und bewusst Öffentlichkeiten schafft. Dafür müssten sich mehr Menschen mit den komplexen Mechanismen des Internets auseinandersetzen.

Text-Interview with Mercedes Bunz

Mercedes Bunz, wie haben die digitalen Produktionsmechanismen und das Internet die Art und Weise verändert, wie über (Film-) Kunst nachgedacht und publiziert wird? Welches sind für Sie die bedeutendsten Entwicklungen diesbezüglich?

Das Internet ist einer von mehreren Faktoren, die zu Veränderungen geführt haben, die mittlerweile ja im Allgemeinen bekannt sind. Man kann leichter publizieren, es gibt also eine Öffnung. Wunderbare Fachzeitschriften gab es natürlich schon immer. Nun kann man sich aber sehr spezifischen Aspekten von Film (oder Kultur im Allgemeinen) widmen. Kritik oder Kultur findet zudem auch nicht immer mehr nur im Wort statt, sondern kann auch als Präsentation von Material auf einem Tumblr passieren, wie bei criterioncollection.tumblr.com.

Zum anderen werden die digitalen Möglichkeiten genutzt, indem Künstler und Filmemacher ihre Videos direkt ins Netz stellen. Das Interessante am Film ist ja: Film und Internet gehen an bestimmten Stellen nahtlos ineinander über – und das ist für mich eine weitaus bedeutendere Entwicklung. Film ist durch das Internet viel zugreifbarer geworden. Es fungiert als Filmarchiv. Darüber hinaus gibt es Programmierer wie Robert Ochshorn, die mit der Möglichkeit, Filme zu „lesen“, spielen: z.B. auf montageinterdit.net oder rmozone.com.

Die Instrumente der Kritik, wie sie seit der Aufklärung eingesetzt wurden, hätten ausgedient, schreiben Sie zusammen mit Birgit Mara Kaiser und Kathrin Thiele in Symptoms of the Planetary Condition: A Critical Vocabulary. Weshalb?

Grundsätzlich muss man den Begriff der Kritik als Analyse vom Begriff der Kritik als Beurteilung unterscheiden. Bei Terra Critica, dem philosophischen Netzwerk, dem ich angehöre und welches für den wichtigen Hintergrund des besagten Buches verantwortlich zeichnet, bei Terra Critica geht es darum, sich von Letzterem wegzubewegen, also von der Kritik als Urteil.

Welches sind deren Wesenszüge?

Die klassische Form von Kritik ist durch die typisch binäre westliche Weltsicht kodiert. Ich, Subjekt, beobachte Objekt. Die Trennung des Subjekts vom Objekt wurde dabei durch Negativität hergestellt. Die Autonomie des Subjekts vom Objekt zeigt sich deshalb auch klar, wenn das Subjekt das Objekt unvoreingenommen beschreibt. Dazu muss es Unvoreingenommenheit demonstrieren, für die es negative Kritik braucht. Mit positiver Kritik funktioniert die Herstellung von Autonomie selten gut. Die Negativität ist also ein Trick, welche Subjekt und Objekt spaltet und herstellt.

Und diese Spaltung soll überwunden werden?

Es geht heute darum, sich über die Kritik hinaus als verantwortlich und teilnehmend zu begreifen. Klimawandel können wir alle ungut finden. Das reicht aber nicht. Sich als teilnehmend und verantwortlich zu begreifen, ist natürlich weitaus schwieriger. Man muss sich in seinem Gebiet eine Position suchen, die mit an der Sache arbeitet. Das Buch Symptoms of our Planetary Condition, aber auch die Gruppe Terra Critica, testet aus, wie das im Bereich der Theorie gehen könnte. Also nicht nur zu sagen: der Kritik-Begriff, der nur urteilt, hat ausgedient. Sondern zu fragen: Wie kann man Kritik theoretisch umdenken und weiterdenken? Denn Kritik ist natürlich in dem kapitalistischen System, in dem wir leben, lieben und arbeiten, tief verankert. Dieser Verantwortung von Verankerung muss man sich stellen. Stay with the trouble, wie Donna Haraway sagt.

Wie also kann man Kritik weiterdenken?

Es geht um ein Denken von Theorie – also um den Ausbau von theoretischen Konzeptionen von Kritik – die man zugleich als ein Teil von Welt sieht. Das stellt Anforderungen an die eigene Alltagspraxis. Der moralische Grundsatz dafür lautet: Wie kann man alle Orte, an denen man sich gerade aufhält, ein wenig besser verlassen als man sie vorgefunden hat? Und das betrifft, wie man untereinander kommuniziert, welchen Dreck man beseitigt (nicht nur den eigenen) und wie man die Welt für andere zu einem angenehmeren Ort machen kann (das geht vom Anbieten eines Tees und einem freundlichen Wort hin zum gemeinnützigen oder politischen Engagement).

Das sollte ja gar nicht so schwer sein...

Die theoretisch praktische Herausforderung besteht darin, keine Seite besser zu finden. Anstelle dessen gilt es, die Komplexität von Situationen anzunehmen und auszuhalten, dabei aber seinen eigenen Standpunkt nicht aufzugeben. Wir erleben gerade wieder heftige grund-dialektische Spaltungen überall auf der Welt, sozusagen die Rückkehr des Kalten Krieges im Plural: Trump, Brexit, Katalonien oder die Diskussion um die Berliner Volksbühne Anstelle dessen, die andere Seite als unannehmbar darzustellen, gilt es hier vielmehr, den eigenen Standpunkt nicht gegen die andere Seite zu formulieren, sondern für etwas – für einen Wert in der demokratischen Politik, für europäische Politik, für das Theater.

Mercedes Bunz unterrichtet an der University of Westminster in den Lehrgängen New Media Journalism und Social Media Culture and Society. Sie ist Mitglied des internationalen Forschungsnetzwerks Terra Critica und Mitbegründerin des Open Access-Verlags meson press. Bunz hat die Bücher The Internet of Things, Symptoms of the Planetary Condition: A Critical Vocabulary und The Silent Revolution: How Digitalization Transforms Knowledge, Work, Journalism and Politics without Making Too Much Noise veröffentlicht. Als Journalistin war sie in leitender Funktion bei De:Bug, Zitty, Tagesspiegel und dem The Guardian tätig.

Images © Thomas Lohr, Mercedes Bunz

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