article img

Rue de Blamage

[…] Der Film ist ein Porträt, ja eine Liebeserklärung, dieser Strasse und der unterschiedlichen Menschen, die hier eine neue Heimat finden, vorübergehend oder für immer.

[…] Aldo Gugolz schafft es, mit seiner subtilen, differenzierten Annäherung diese Menschen als Persönlichkeiten zu zeigen, so dass man als ZuschauerIn den Hut vor ihnen ziehen möchte, obwohl man gut versteht, dass die meisten nicht auf Rosen gebettet sind.

[…] In welcher Stadt wird ein Strassenarbeiter als Statue auf einen Kreisel gestellt und ihm so Anerkennung gezollt?

Die Baslerstrasse ist den LuzernerInnen bekannt als Durchfahrtstrasse, wenn man die Stadt verlassen oder zurückkommen will. Sie liegt am Stadtrand eingeklemmt zwischen Reuss, Eisenbahngeleise und dem Gütsch, auf dem ein Schloss steht. Bereits im Mittelalter siedelten sich hier an der Schattenseite Neuankömmlinge an, fand der Schlachthof, das Siechenhaus und gar die Hinrichtungsstätte der Stadt ihren Platz, einfach alles, was die BürgerInnen von Luzern nicht ständig vor Augen haben wollten. «Der Volksmund hat für die Baselstrasse ihren eigenen Namen gefunden. Für die Luzerner ist sie die „Rue de Blamage“», sagen die Autoren Christina Caruso und Aldo Gugolz. Beide kennen die Stadt sehr gut und sind mit ihr eng verbunden.

Nun lenkt der Film Rue de Blamage das Licht auf diese unbeachtete Strasse der sonst so adretten, hübschen, aufgeräumten „Leuchtenstadt“ und widmet sich den Menschen, ihren Geschichten und dem Treiben entlang der lärmigen Strasse. Der Film ist ein Porträt, ja eine Liebeserklärung, dieser Strasse und der unterschiedlichen Menschen, die hier eine neue Heimat finden, vorübergehend oder für immer. Sie bilden einen internationalen Melting Pot der anderen Art, wie man ihn sonst nur in Berlin oder anderen Grossstädten findet. Für viele, die hier leben, ist es „die beste Strasse der Welt“.

Aldo Gugolz schafft es, mit seiner subtilen, differenzierten Annäherung diese Menschen als Persönlichkeiten zu zeigen, so dass man als ZuschauerIn den Hut vor ihnen ziehen möchte, obwohl man gut versteht, dass die meisten nicht auf Rosen gebettet sind. Während über drei Jahren hat der Filmemacher in Zusammenarbeit mit Christine Caruso die Protagonisten besucht, mit ihnen gesprochen und gedreht. Dank einer äusserst durchdachten Montage werden wir durch die Zeit geführt, man folgt dem sich verändernden Leben der Protagonisten, verlässt diese und trifft ein paar Szenen weiter wieder auf sie. Diese werden zu Bekannten, und es ist fast so, als ob man einen Besuch abstattet. Der Respekt und die Liebe des Filmemachers zu dieser Strasse und den Menschen ist hautnah zu spüren. So zeichnet er ein subtiles Miniportrait des drogenabhängigen Daniele mit viel menschlicher Anteilnahme und ohne auf provokative, plakative Bildwirkungen zu zielen.

Die erzählerische Klammer zwischen den Besuchen bildet die Realisierung der Statue auf dem Kreuzstutzkreisel der Baselstrasse. Eine Hommage des Künstlers Christoph Fischer an den pensionierten Strassenreiniger Heinz Gilli. In welcher Stadt wird ein Strassenarbeiter als Statue auf einen Kreisel gestellt und ihm so Anerkennung gezollt? So geht es einem im Zuschauerraum, all diese Menschen wachsen einem mit all ihren Ecken und Kanten ans Herz, nicht weil ihre Geschichten auf die Tränendrüsen drücken, sondern weil sie echt, ehrlich und direkt gezeigt werden, in einer unspektakulären Schönheit, wie sie nur das Leben zeigt, wenn man hinschaut, wo sich sonst alle abwenden wollen. So ein Film tut Luzern gut und zeigt, dass es neben dem herausgeputzten Postkarten Luzern eine andere Seite gibt, wo der Mensch, Mensch sein kann.

Text: Ruth Baettig
First published: April 07, 2017

Explore more