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Goldstone

[…] Die Gewalt ist hier also allgegenwärtig – in der Landschaft, in der Geschichte, im alltäglichen Rassismus zwischen den Aborigines und den Nachfahren der Kolonisierer – und kaum jemand schafft es, sich ihr vollständig zu entziehen.

[…] «Goldstone» ist ein Noir-Western, der anders als dessen amerikanisches Gegenstück nicht vom Zusammenkommen der Gemeinschaft aus der Anarchie erzählt, sondern im Gegenteil von einer Gemeinschaft, die unter dem Vorzeichen ihrer blutigen Entstehungsgeschichte in einer menschenfeindlichen Landschaft gar nie zu einer solchen werden konnte.

Auch wenn sie nur selten wirklich ausbricht (und wenn, dann umso radikaler, endgültiger), ist die Gewalt ein grundlegender Bestandteil von jedem Bild und jeder Dialogzeile von Ivan Sens Goldstone, wie auch schon von dessen Vorgänger Mystery Road (2013). Die gleissende Sonne, welche die karge, von Felsen und Staub überzogene Landschaft unter Dauerbeschuss hält, der komplementäre doch verwaschene Orange-Blau-Kontrast, messerscharf definiert im fernen Horizont, die wilden Hunde, immer wieder unheilvoll beschworen, kaum je wirklich zu sehen, die jeden, der so unvorsichtig ist, sich alleine oder unbewaffnet in die Landschaft hinauszuwagen, mit einem brutalen und einsamen Tod bedrohen – all dies lässt einen fragen, weshalb sich überhaupt jemand dazu entschieden hat, diesen Ort seine Heimat zu nennen. Und doch leben hier Menschen – seit mehr als zehntausend Jahren die einen, seit knapp 200 Jahren die anderen. Die Gewalt, die dieses Aufeinandertreffen mit sich führte, ist der Landschaft, den Gesichtern, dem Umgang der Menschen untereinander eingeschrieben. Sie lässt die Bilder in Ivan Sens Filmen vor Bedrohlichkeit förmlich flirren.

War Mystery Road noch ein relativ gradliniger Kriminalfilm (und damit wie jeder gute Kriminalfilm eigentlich eher so etwas wie angewandte Soziologie), ist der indigene Filmemacher Sen mit Goldstone bei dem Genre angekommen, für das diese Landschaft eigentlich geschaffen ist: dem Western. Es fängt damit an, dass ein Fremder in eine Stadt kommt, in der er nicht willkommen ist und endet beim grossen Showdown – nicht bevor natürlich sämtliche Graustufen und innere Konflikte zwischen Gier und Mitgefühl, Korruption und Ehrlichkeit, Individuum und Gesellschaft, Begehren und Mitgefühl verhandelt und (in der Regel gewalttätig) „gelöst“ wurden. Wie wenig dabei wirklich von einer Lösung gesprochen werden kann, beziehungsweise wie aussichtslos die Hoffnung auf ein glückliches Ende hier sein kann, macht bereits das erste Wiedersehen mit dem Protagonisten Jay Swan (Aaron Pedersen) deutlich – dem idealistischen indigenen Polizisten aus Mystery Road, der die Szene, die Minenstadt Goldstone, in einem solch üblen Zustand betritt, dass er die erste Nacht in der Ausnüchterungszelle verbringen muss. Wenn er den ersten Film gegen alle Wahrscheinlichkeit auch überlebt hat, so sieht dies überhaupt nicht wie die bestmögliche Variante aus, die das Schicksal hier jemandem wie ihm bieten kann. Dieses Land kennt kein Happy End.

Die Gewalt ist hier also allgegenwärtig – in der Landschaft, in der Geschichte, im alltäglichen Rassismus zwischen den Aborigines und den Nachfahren der Kolonisierer – und kaum jemand schafft es, sich ihr vollständig zu entziehen. Das Spektrum reicht dabei von den gänzlich unschuldigen Opfern («this land ain't no place for a young girl») bis zu den reinen Tätern, wobei sich die meisten Figuren irgendwo in der grauen Mitte befinden. Die Beweggründe sind stets nachvollziehbar, und selbst wenn es um reine Geldgier geht, scheint diese mehr dem Wunsch entsprungen, schnellstmöglich diesen Ort wieder verlassen zu können. Wenn es eine Landschaft gäbe, die sich vor Gericht als mildernder Umstand aufführen liesse, dann diese.

Wie in Mystery Road sind alle Rollen bis zur kleinsten Nebenfigur hin mit grossartigen Charakterdarstellern besetzt, denen es gelingt, selbst die banalsten Smalltalk-Dialoge mit einer solch schneidenden und doppeldeutigen Bedrohlichkeit aufzuladen, dass jeder, der noch bei Sinnen ist (und nicht gegen seinen Willen hier festgehalten wird), sofort die Flucht ergreifen würde. Jacki Weaver als kuchenbackende Bürgermeisterin und David Wenham als Goldrand-bebrillter Minenboss etwa verstecken ihre skrupellose, mörderische Korrumpiertheit hinter einer perfekten bürgerlichen Fassade; der grossartige David Gulpilil verkörpert in seiner letzten Rolle als Aborigine-Dorfältester Jimmy so etwas wie das moralische Zentrum – eines, das in dieser Welt naturgemäss nicht lange bestehen kann. Wenn er den desillusionierten Polizisten Swan zu dessen kulturellen Wurzeln zurückführt, in einer wunderschönen Flussfahrtsequenz, in der die Landschaft ausnahmsweise einmal nicht nur auf ihre blutgetränkte Geschichte verweist, stellt dies wenigstens einen kleinen Lichtblick in dieser durch und durch düsteren Welt dar.

Goldstone ist ein Noir-Western, der anders als dessen amerikanisches Gegenstück nicht vom Zusammenkommen der Gemeinschaft aus der Anarchie erzählt, sondern im Gegenteil von einer  Gemeinschaft, die unter dem Vorzeichen ihrer blutigen Entstehungsgeschichte in einer menschenfeindlichen Landschaft gar nie zu einer solchen werden konnte. Nichts, das hier passiert – weder die Ausnützung und Unterdrückung der Schwächsten, der alltägliche Rassismus, noch die immer wieder losbrechende Gewalt – sind etwas neues. Im Vorspann des Films gezeigte Fotos machen deutlich, das selbst die Konstellationen dieselben geblieben sind: weisse Siedler, die das Land und dessen Ureinwohner ausbeuten; jene Ureinwohner, die, wenn sie nicht aus Rassismus oder Profitgier ermordet wurden, sich an den Rand der Gesellschaft gedrängt finden; chinesische Einwanderer, die sich als Billigarbeiter metaphorisch oder buchstäblich prostituieren müssen. Dass es Ivan Senn gelingt, all diese historischen und soziologischen Aspekte in einem mitreissenden Genre-Film sichtbar zu machen, zeugt sowohl von seinem grossen Talent als Filmemacher, als auch vom enormen Potential, das dem Genrekino in diesen Bereichen innewohnt. Die Vogelperspektive auf die Landschaft, zu der Sen in beiden Filmen immer wieder schneidet, soll vielleicht nicht zuletzt diesen Umstand reflektieren. Dass die Dinge aus der (Genre-)Distanz betrachtet, plötzlich viel klarer erscheinen, Dinge in der Realität sichtbar werden, die aus menschlicher Perspektive im Eifer des Gefechts untergehen. Wenig optimistisch wirkt es dann, wenn selbst der Protagonist Jay Swan in Unachtsamkeit mit seinem Auto einen Vogel totfährt. Vom Beifahrersitz aus gibt ihm Jimmy folgenden Ratschlag: «Next time you be careful. Look after him. Protect him. They need more time to understand. But when you need him, they save your life. They'll find the water just the middle of nowhere, in the desert. Clean water, too». Nicht viel später hängt er bereits aufgeknüpft an einem Baum, im Hintergrund der messerscharf orange-blau definierte Horizont.

Text: Dominic Schmid

First published: June 12, 2017

Goldstone | Film | Ivan Sen | AUS 2016 | 110’ | Stadtkino Basel

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