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Aloys | Tobias Nölle

Tobias Nölle erzählt die Geschichte von zwei einsamen Nachbarn: zwei Seelen, die versuchen, sich für die Liebe zu öffnen. Zuerst nur in der Imagination, um danach den schwierigen Sprung in die Realität zu schaffen. Die Hauptfigur, Aloys, ist ein Detektiv, der die Welt mit dem technischen Auge einer Kamera sieht. Nölle liefert so nicht nur eine Liebesgeschichte, sondern auch eine gedankliche Annäherung an das Filmemachen…

Warum ihn verschrobene Aussenseiter faszinieren, was er sich von der «Generation Heimatland» erhofft und warum das Kino Visionen braucht, erläutert er im Interview mit Valerie Thurner.

Visionen eines Aussenseiters | Interview mit Tobias Nölle


Valerie Thurner (VT): Der einsame Privatermittler Aloys Adorn nimmt am gesellschaftlichen Leben nur als Beobachter teil. Er befolgt dabei den Kodex der alten Samurai, ein Leben in völliger Unsichtbarkeit zu führen.
Tobias Nölle (TN): Aloys verfolgt die zehn Schritte zur Unsichtbarkeit. Als Detektiv ist dies für ihn fast wie eine Religion und er murmelt die zehn Schritte ja auch wie ein Gebet. An Samurais habe ich dabei nicht gedacht.

VT: Was faszinierte dich an dieser verschrobenen Figur?

TN: Ich suche immer nach Figuren, die in mir Bilder evozieren und so bin ich auf den Privatdetektiven gestossen, der die Welt ausschliesslich durch seine Kamera wahrnimmt. Ursprünglich baute er sich zu Hause sogar ein Paralleluniversum auf, indem er die gefilmte Realität neu zusammenschnitt. Dies war mir dann aber zu verkopft und ich gab der Liebesgeschichte mehr Raum. Die Realitätsfrage wird so in der Begegnung zwischen den beiden Hauptfiguren verhandelt, das ist emotionaler.

VT: Die Liebesgeschichte zwischen Aloys und Vera ist, obwohl oder vielleicht weil sie beide sehr unbeholfen sind, auch sehr romantisch. Beide wollen den andern ja irgendwie retten. Will Aloys sich selbst retten, indem er versucht sie zu retten?
TN: Nicht bewusst, zumindest nicht am Anfang, aber jede Rettung hat auch etwas egoistisches. Er durfte bis anhin ja nicht mit anderen Menschen interagieren. Sich von Emotionen leiten zu lassen, ist der grösste Fehler, den ein Privatdetektiv begehen kann, Aloys’ déformation professionelle ist so extrem, dass der “Mensch” in ihm beinahe abgestorben ist, bis Vera in sein Leben dringt. Lediglich mit seinem verstorbenen Vater hatte er zuvor eine emotionale Beziehung.

VT: Aloys ist ein sehr altmodischer Mensch, von der Wohnungseinrichtung über seine Kleidung bis zu seiner Sprache. Und auch seine Arbeitsgeräte sind keine Smartphones, sondern Kabeltelefone und DV-Camcorder. Bist du Nostalgiker?
TN: Ja, schon ein bisschen. Aber mich interessierte vor allem die Idee, dass die Figur nicht nur räumlich und sozial isoliert ist, sondern auch zeitlich. So lebt Aloys wie in einer Zeitkapsel, er ist in der Vergangenheit stecken geblieben und muss den Sprung in die Gegenwart schaffen. Vom Toten zum Lebendigen. Eine Art Auferstehung.

VT: Die Figur gibt die Ästhetik vor?
TN: Unbedingt. Ich versuche jeweils, eine eigene, stringente Welt aus der Figur heraus zu kreieren. Jeder Mensch ist anders und so auch die Welt in der er lebt. Dieses figurenspezifische Universum zu gestalten, macht mir grossen Spass, das Eintauchen in die imaginäre Welt der Filmfiguren. Ehrlichkeit zur Figur ist dabei immer oberstes Gebot. Das galt auch für die Musik. Uns war schnell klar, dass es keine zu moderne oder gar hippe Musik sein kann, die hätte nicht zu Aloys gepasst.

VT: Dein Filmuniversum wird auch von Tieren bevölkert wie der Katze, aber auch von Schafen, einem exotischen Vogel oder einem Leguan. Manchmal sind sie Teil der Handlung, aber manchmal auch surrealistische Zwischenbilder. Was war die Idee hinter den Tieren?

TN: Tiere gaben mir die Möglichkeit im Subtext etwas zu erzählen. Die Katze schleicht etwa so unbemerkt rum wie auch Aloys es zu tun pflegt. Der Leguan ist in seinem Glaskasten so gefangen wie Aloys in seinem Leben und guckt aber manchmal so, als wolle er Aloys ermahnen: Junge, du musst hier ausbrechen! Die Tiere im Film sind sehr geheimnisvoll, sie geben einem das Gefühl, sie wüssten mehr als wir. Als Georg [Georg Friedrich, der Hauptdarsteller, Anm. d. R.] und ich zum ersten Mal vor diesem Schuhschnabel Vogel standen im Zürcher Zoo, konnten wir’s nicht fassen, der Blick dieses Vogels war so bohrend, fast tödlich, der schaute drein als wisse er alles über uns. Er wurde natürlich zum dritten Hauptdarsteller.

VT: An der Berlinale im Februar wurde der Film mit dem Preis der Internationalen Filmkritiker ausgezeichnet. Was bedeutet dir diese Auszeichnung?
NT: Es ist ein wichtiger Preis und ich hab mich sehr gefreut. Man sagt aber, dass Filme, die Kritiker begeistern, beim Publikum durchfallen. Der Publikumspreis am Las Palmas Film Festival hat dieses Vorurteil aber glücklicherweise widerlegt. Aber das Kino ist dann noch eine ganz andere Geschichte, das wird sehr schwierig.

VT: Mich erinnert Aloys auch an René, den Protagonisten deines ebenfalls prämierten Kurzspielfilms von 2007. Was fasziniert dich an solchen einsamen Aussenseitern?

NT: Mich faszinieren eben Menschen, die nicht wirklich gesellschaftlich integriert sind und in einem Paralleluniversum zu Hause sind, während sich unsere Welt mehr und mehr nivelliert indem wir alle denselben Pseudo-Idealen nachhängen. Da hat es immer weniger Platz für kantige Menschen, die nicht in unseren sozialen Raster passen. Vor Jahren gab es doch hier in Zürich diesen Typen, der zu jeder Jahreszeit mit seinen Rollerblades und kurzen Speedos durch die Stadt düste und auf seinem Rücken stand «Kill them all».

VT: Ja, den habe ich aber schon lange nicht mehr gesehen…
NT: Der interessierte mich extrem und ich fragte mich, wie es bei dem wohl zu Hause aussieht, in seinem Badezimmer, wenn er sich die Zähne putzt, was er zum Abendbrot isst, alles. Diese Frage stelle ich mir bei angepassten Leuten nie. Ich hätte den gleichen Film auch über zwei junge Hipster machen können, die über den Laptop eine Fernbeziehung führen, aber das interessierte mich einfach nicht.

VT: Momentan ist von einem Aufbruch im Schweizer Film die Rede. Du bist ja Teil des Films mit der Wolke «Heimatland», der den Zürcher Filmpreis gewonnen hat. Swiss Films rief dann in Berlin die «Generation Heimatland» aus. Was hältst du von diesem Label?
NT: Ein Filmprojekt, wofür sich zehn Filmschaffende zusammentun, ist historisch, mal ganz abgesehen von der Qualität des Films. «Generation Heimatland» ist zwar ein Marketing-Slogan, ob gelungen oder nicht, dahinter steckt aber in der Tat eine neue Energie im Schweizer Film. Und keine Sekte! Mit «Generation Heimatland» sind nicht nur wir zehn Regisseure und Regisseurinnen gemeint, sondern einfach alle, die momentan Filme machen, je mutiger desto besser.

VT: Fühlst Du dich in der Schweiz betreffend verrückter Ideen etwas eingeschränkt?
NT: Für die bildende Kunst gilt das gar nicht, aber der Schweizer Film ist schon sehr risikoscheu. Ein Film muss hierzulande oft in erster Linie eine gute Geschichte erzählen und die Vision ist oft Nebensache. Es fehlt eh an Visionären, mit Ausnahmen wie etwa dem verstorbenen Peter Liechti. Man hat Angst zu scheitern. Leider wird’s oft erst da spannend. Ich bin nicht sicher, ob es Angst ist oder ob die Leute einfach so ticken hier. Ich mag scheitern ja auch nicht.

VT: Inwiefern engagierst du dich für die Verbesserung der Filmförderung? Es gibt ja aktuell einige politische Initiativen wie das Swiss Fiction Movement oder die kantonale Initiative für ein neues Film- und Mediengesetz hier in Zürich?

NT: Ich muss gestehen, ich bin nicht sehr involviert. Ich hatte bisher das Glück, dass meine Projekte finanziert wurden, sodass ich nie persönlich auf die Barrikaden musste. Ich will mich aber mehr engagieren, also in erster Linie will ich, dass es mehr gute und persönliche Filme gibt in der Schweiz. Das Hauptproblem liegt bei uns Autoren. Man kann den Mangel an Ideen und künstlerischer Handschrift nicht nur auf die Förderstrukturen abschieben. In Rumänien haben sie viel weniger Geld, machen aber die besseren Filme. Wichtig ist, wie gefördert wird und dass kompetente Leute in den Juries sitzen. Ein guter Film, sei es im radikalen Arthouse Bereich oder ein Unterhaltungsfilm, beide müssen von ein- und derselben Jury erkannt werden. Ich glaube, das können vor allem Regisseure, Autoren, Dramaturgen. Leute die sich täglich mit Schreiben, Ideenfindung und Ästhetik rumschlagen.

VT: Du hast in New York studiert, nicht in der Schweiz. Inwiefern hat dich das geprägt?

NT: Schwierige Frage… Amerika ist nicht so streng, man hat keinen Druck, man kann mehr rumspielen, sich selber sein und ausprobieren, es gibt keine Dogmas. Vielleicht interessiere ich mich seit damals mehr für die Überhöhung und den magischen Realismus als für den harten Sozialrealismus oder zumindest eine Kombination von beiden. Wobei ich war ja eh immer schon ein Träumer. Die Magie, die das Kino ermöglicht, hat mich schon immer fasziniert. Mein Ziel bei jedem Film ist es, wenigstens in einem Bild einen Moment von Magie einzufangen.

(Das Interview wurde publiziert auf der Plattform «Tsüri» | 25. März 2016)

Text: Valerie Thurner

First published: May 12, 2016

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