Softened Blood Ties | Aufgeweichte Blutsbande

Blutsbande verbandeln Menschen zu Familien, formen Tiere zu Herden. Je weiter aber die Zivilisation fortschreitet, desto mehr lösen sich Blutsbande auf:

Migration bedingt durch Arbeit oder Klima, Reproduktionsmedizin, Tierzucht, Adoption und Rassentheorien haben das Konzept des grossen familiären Gefüges aufgeweicht. In Lateinamerika, wo dem Clan mehr Bedeutung zukommt, hat das Thema einen besonders bitteren Nachgeschmack, brach man etwa in den Diktaturen Argentiniens und Uruguays die Blutsbande willentlich auf, indem Kinder von Oppositionellen zur politischen Umerziehung an regimetreue Familien gegeben wurden.

Die vier lateinamerikanischen Filme, die aktuell in der Schweiz auf der Streamingplattform eyelet zu sehen sind, thematisieren sich verändernde und auflösende Blutsbande, definieren den Clanbegriff neu und freier in der Auseinandersetzung mit Politik, Kapitalismus und Natur. Der Natur als Gegenpol zur hochzivilisierten Stadt und als eigentliches Habitat von Mensch und Tier kommt hierbei eine äusserst spannende Rolle zu. Ebenfalls überzeugen die Filme mit ihrem Fokus auf einzelne Figuren, wobei die Zeitgeschehnisse nicht ausgeklammert, sondern als Störgeräusche für die nötige Reibung mit der Realität sorgen. Kurzum handelt es sich um lateinamerikanische Spielfilme, die den Menschen im Dazwischen von Clan und Herde, Zivilisation und Natur thematisieren.

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Hinweise zu den Filmen

Im brasilianischen Neon Bull (2015) von Gabriel Mascaro ist die Vermischung von menschlichem und animalischem Habitat so weit fortgeschritten, dass die Protagonisten, eine Truppe Wanderarbeiter, die an Rinderrodeos im Nordosten Brasiliens arbeiten, mit den Tieren den Wohn- und Lebensraum teilen. Die Kamera ist ständig auf etwa zwei Meter Distanz zu ihren Subjekten, die sich in die Tierwelt einfügen. Die Gemeinschaftsküche ist im Stall, der Tiertransporter fungiert als Hängemattenunterkunft und Duschecke. Eines Morgens kommt der Chef und beordert den Arbeiter Zé ab, ersetzt ihn kommentarlos durch Junior. Eine Parabel auf die moderne, mittellose und hypermobile Arbeiterschaft, die sich zu notgedrungenen Clans auf Zeit zusammenfindet. Wie sich diese Flüchtigkeit auf reale familiäre Bande auswirkt, das ist Hauptthema dieses grandiosen, vielschichtigen Films. Iremar ist ein solcher Rodeohelfer. Er sammelt abgerissene Kuhschwanzhaare, die er blondiert und für seine Leidenschaft braucht – die Herstellung von Mode. Galega ist die Chauffeuse der Rodeotruppe und gelegentliche Nachtclubtänzerin in Kostümen Iremars, die mit Junior Sex hat mitten im Rinderrudel. Cacá ist ihre Tochter. Sie will herausfinden, wer ihr biologischer Vater ist, der wohl auch temporär zur Arbeiterschaft gehört hat. Zu Iremar pflegt sie eine vertrauensvolle Verbundenheit, die anfangs gefestigter scheint als diejenige zur eher distanzierten Mutter. Dennoch ist er ihr nur ein temporärer Vater. Von einem Moment auf den anderen kappt sie die Verbindung, wendet sich Junior zu wie einem neuen Spielzeug. Familie ist genauso wie die Wanderarbeiter zu einem austauschbaren Gut geworden.

Die Hierarchie von Arbeitnehmern und Arbeitgebern oder von Arm und Reich spiegelt sich auch in der Tierwelt des Rodeos: Bei den Rindern, sie sind Objekt des Rodeos und werden von berittenen Cowboys zu Fall gebracht, ist es dreckig und eng. Bei den Vollblutpferden glänzen Fell und Equipment. Cacás Pferdebegeisterung kommentiert ihre Mutter mit: «Ein Pferd wird sie sich nie leisten können.» Die Aufweichung der Bluts- und Familienbande überträgt Regisseur Mascaro auch auf die Sexualität: Am Jahrmarkt ist Pferdezucht ein Thema: Iremar und Zé rauben einem Zuchthengst Sperma, um es auf dem Schwarzmarkt zu verkaufen. Und: Der nach Kuhmist stinkende und von der glitzrigen Modewelt faszinierte Iremar bandelt mit der Parfümverkäuferin Geise an, die noch einen Zweitjob in einer Modefabrik hat. Hochschwanger reitet sie auf Iremar, ein gleichsam erotisches und irritierendes Bild, ist man sich doch ständig bewusst, dass sich hier ein Paar paart im Beisein eines ungeborenen Kindes, das aus einer anderen Verbindung stammt.

As boas maneiras (die guten Manieren), ebenfalls eine brasilianische Produktion, bringt den Begriff der Blutsbande auf ein anderes Level. Die somnambul-märchenhafte Erzählung  handelt von Clara, die von der schwangeren Ana angestellt wird als Nanny in São Paulo. Ana wurde von ihrer Familie verstossen, weil sie bei einem One-Night-Stand vor ihrer geplanten bürgerlichen Heirat schwanger wurde. Zwischen den beiden entspinnt sich eine Liebe (auch hier fungiert der Sex der Schwangeren als starkes Bild der selbst gewählten Familie), man sieht die Geschichte hinauslaufen auf einen Kampf um Rechte für Homosexuelle oder ein Sozialdrama zwischen weisser Upperclass und afrobrasilianischer Unterschicht. Doch der Film von Marco Dutra und Juliana Rojas vollzieht eine Kehrtwende in Richtung Horrorfilm. Immer bei Vollmond ereignen sich eigentümliche Geschehnisse, bis klar wird, dass Ana einen Werwolf gebären wird. Als Erstes erliegt die biologische Mutter dem Blutdurst des Kindes. Clara nimmt sich des Wesens an und versucht, den jungen Buben trotz seinen monatlichen Verwandlungen in eine Normalität einzupassen. Doch so, wie sich das Mondlicht unbeirrt seinen Weg bahnt in teuer dekorierte Innenräume eines Hochhauses wie in armselige Wohnungen am Stadtrand, genauso bahnt sich das Geheimnis um Joels Identität und Blutgelüste einen Weg an die Oberfläche. Weder die Liebe seiner Ziehmutter, die mit ihm zusammen die kleinste Einheit von (selbst gewählter) Familie bildet, noch das Eingesperrtsein in einen Kerker können bewirken, dass sein Verlangen nach Blut beherrscht, seine Natur zivilisiert werden kann.

Ähnlich wie As boas maneiras ist der mexikanische Spielfilm von 2018, Las niñas bien von Alejandra Márquez Abella, ebenfalls als bittere Kritik an bourgeoisen Familienstrukturen zu lesen. Die Geschichte über eine reiche, weisse Mexikanerin, die 1982 die internationale Schuldenkrise erlebt, zeigt, wie die Fixierung auf Noblesse, Kapital und Blutslinie eine unglaubliche Einsamkeit in den Menschen auslöst. Sofía de Garay – ihre Ichzentriertheit spiegelt sich in Close-ups und einer Aussenwelt, die praktisch nur als bedrohliches Flirren besteht – hat sich umsichtig um ihre Blutsbande bemüht, indem sie eine gute Partie mit spanischer (kolonialer) Abstammung und viel Geld geheiratet, sich fortgepflanzt und in einer schönen Villa eingenistet hat. Sie geht auf im Herdentrieb mit ihren Freundinnen, natürlich vom selben sozialen und monetären Kaliber. Der Kontakt zu den Kindern ist so gefühlskalt wie ihre Beziehung zur eigenen Mutter. Aber egal, solange man ein Auto zum Geburtstag kriegt und im Tennisclub über ordinäre Frauen lästern kann. Als die Krise offensichtlich wird, Suizide sich mehren, der Mann betrunken zu Hause rumliegt und die Kreditkarte streikt: Sofía macht kein Eingeständnis. Lieber vernebelt sie sich mit Routinen, Tagträumereien und exzessivem Rauchen das Bewusstsein. Je mehr die Krise Form annimmt, desto mehr bahnt sich die Natur einen Weg zurück in Sofías gekünstelte Welt: Die Wasserleitungen funktionieren plötzlich nicht mehr, ihr Mann Fernando wird zusehends triebgesteuert. Das wichtigste Symbol dieser Abwendung von der Zivilisation: Ein Falter fliegt ins Haus, was gleich zu Beginn des Films als Unglück bringendes Omen angedeutet wird. Und in der brillanten Schlussszene wird schliesslich Sofía selbst zum Tier: Als der Ex-Ministerpräsident das Lokal betritt, stimmt Sofía in das Gebell der anderen Gäste ein. Es ist das vorwurfsvolle Gebell derjenigen, die den Präsidenten als Hüter des Geldes überschätzt haben.

Tarde para morir joven, der Spielfilm der chilenischen Regisseurin Dominga Sotomayor, dreht sich noch viel deutlicher um das Motiv der Selbstbestimmung punkto Rauchen, Familienbande und Rückzug in die Natur. Schauplatz der Coming-of-Age-Geschichte ist eine chilenische, linksalternative Kommune auf dem Land, kurz nach der Öffnung der Diktatur, die eines der neoliberalsten Systeme überhaupt begründet hat. Die Protagonisten – Jugendliche und Kinder der Kommune – zeigt Sotomayor in kurzen, nah gefilmten Szenen. Die politische Lage bleibt ein Hintergrundrauschen in der Welt der nicht Erwachsenen. Natur und Menschen leben im bestmöglichen Einklang und Austausch, einige Häuser haben nicht einmal richtige Wände, der Clan ist eine einzige Privatsphäre – bis der Familienhund abhandenkommt, das Wasser fehlt, ein Brand und die Pubertät ausbrechen. Die androgyne Protagonistin Sofía raucht Kette. Man meint, sie versuche sich im Rauch ihrer Zigaretten oder im Wasser aufzulösen wie eine bittere Tablette. Die 16-Jährige lebt mit ihrem Vater, die Mutter hat sich entschlossen, aus der Kommune weg in die Stadt zu ziehen. Sofía leidet ganz offensichtlich unter dem fehlenden Interesse und der Abwesenheit von ihr. Darum projiziert sie alle Zuneigung auf den älteren, absolut unverbindlichen Motoradfahrer Ignacio aus der Stadt statt auf ihren gleichaltrigen Freund aus dem Clan. Was dieser bieten kann, ist seine jugendliche Liebe und ein Leben in der Robinsonhütte auf dem Baum. Davon bleibt am Ende des Films nur ein vom Feuer verkohltes Skelett übrig. Die Hütte geht, wie die Vorstellung von einer selbstbestimmten (Clan-)Utopie fernab der Zivilisation, wortwörtlich in Rauch auf.

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