Zur Verteidigung des ärmlichen Bildes

Essay by Hito Steierl

Dank der Zusammenarbeit mit CINEMA kann Filmexplorer exklusiv einen vollständigen Essay von Hito Steyerl aus dem Band CINEMA #64: Qualität publizieren.


Das ärmliche Bild ist eine Kopie, die sich bewegt. Seine Qualität ist schlecht, seine Auflösung minderwertig. Wie es sich beschleunigt, verschlechtert es sich. Es ist der Geist eines Bildes, eine Vorschau, ein Miniaturbild, eine verirrte Idee, ein umhertreibendes Bild, das kostenlos verteilt, durch langsame digitale Verbindungen gequetscht, komprimiert, reproduziert, gerippt, geremixed, kopiert und in neue Medien übertragen wird.

Das ärmliche Bild ist ein Fetzen oder Riss; ein AVI oder ein JPEG, ein Lumpenproletarier in der Klassengesellschaft der Erscheinungen, geordnet und bewertet nach seiner Auflösung. Das ärmliche Bild wurde hochgeladen, heruntergeladen, geteilt, neu formatiert und bearbeitet. Es wandelt Qualität in Zugänglichkeit, Ausstellungswert in Kultwert, Filme in Clips, Kontemplation in Ablenkung. Das Bild wird aus den Gewölben von Kinos und Archiven befreit und auf Kosten seiner eigenen Substanz in die digitale Ungewissheit getrieben. Das ärmliche Bild neigt zur Abstraktion: Es ist eine visuelle Idee, die im Werden begriffen ist.

Das ärmliche Bild ist ein Bastard der fünften Generation eines Originalbildes. Seine Genealogie ist zweifelhaft. Seine Dateinamen sind absichtlich falsch geschrieben. Oft trotzt es dem Patrimonium, einer Nationalkultur oder dem Urheberrecht. Es wird als Köder, Lockvogel, Index oder Erinnerung an sein früheres visuelles Selbst weitergegeben. Es verhöhnt die Versprechen der digitalen Technologie. Nicht nur wird es oft zu einer hektischen Unschärfe degradiert, man zweifelt sogar daran, ob man es überhaupt als Bild bezeichnen könnte. Nur die digitale Technologie kann ein derart marodes Bild hervorbringen.

Ärmliche Bilder sind die „Misérables“ der zeitgenössischen Leinwand, die Trümmer der audiovisuellen Produktion, der an die Küsten digitaler Ökonomien gespülte Müll. Sie zeugen von der gewaltsamen Verschiebung, Übertragung und Verdrängung von Bildern – ihrer Beschleunigung und Verbreitung innerhalb der Teufelskreise des audiovisuellen Kapitalismus. Ärmliche Bilder werden als Waren oder als deren Abbilder, als Geschenk oder als Kopfgeld um den Globus geschleift. Sie verbreiten gleichermassen Vergnügen wie Morddrohungen, Verschwörungstheorien oder Raubkopien, Widerstand oder Verdummung. Ärmliche Bilder zeigen das Seltene, das Offensichtliche und das Unglaubliche – sollte es gelingen, sie zu entziffern.

Dieser Text erschien unter dem Titel «In Defense of the Poor Image» im e-flux Journal #10 - November 2009.

Aus dem Englischen übersetzt von Aurel Sieber.

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