Das schöne Töten oder: Gewaltfilme ≠ Gewaltfilme

Essay by Heinrich Weingartner

Dank der Zusammenarbeit mit CINEMA kann Filmexplorer exklusiv einen vollständigen Essay von Heinrich Weingartner aus dem Band CINEMA #65: Skandal publizieren.

It’s the easiest thing in the world to take a stand against violence, because it’s a horrible thing in real life. Quentin Tarantino [1]

Christchurch, Neuseeland, 2019: Ein neuseeländischer Rechtsradikaler erschiesst in zwei Moscheen 51 Menschen und verletzt 49 weitere. Er filmt die Tat aus der Ego-Perspektive und streamt sie live auf Facebook. Im Vorfeld des Massakers stellt er sein Manifest «The Great Replacement» online. Dort behauptet er eine politisch orchestrierte Islamisierung Europas. Wie die darauffolgenden Ermittlungen ergeben, tauschte er sich schon länger mit Gleichgesinnten auf Social-Media-Aggregatoren wie «Reddit» und «8chan» aus und konsolidierte dort sein paranoides Denken und seine Gewaltfantasien. Er ist ein genuiner Internet-Terrorist.

Je erschütternder ein derartiges Ereignis ist, desto eher lassen sich in den Reaktionen darauf ideologische Vorzeichen erkennen. Betreiben wir etwas mediale Seismografie. Die britische Boulevardzeitung zitiert ein Familienmitglied des Attentäters: «He used to play computer games all day and night, and they were especially violent ones» [2]. Andere Medien zogen nach: «His relatives remember violent video games», schrieb die Washington Post [3]. Gemein ist diesen psychologisierenden (und implizit moralisierenden) Rekonstruktionen, dass sie eine bestimmte Überzeugung nicht hegen wollen: Diese Tat kann unmöglich von einem Menschen wie uns begangen worden sein. Um anschliessend zu folgern: Etwas muss ihn verdorben haben.

Die Kampfschrift des neuseeländischen Attentäters verkompliziert die Sachlage erheblich. In seinem 74-seitigen Manifest [4] führt er ein Selbstinterview mit potenziellen Fragen, die ihm von Medienmenschen, Gleich- oder Andersgesinnten gestellt werden könnten. Auf die Frage, ob ihm Videospiele, Musik, Literatur oder das Kino den Extremismus und die Gewalt beigebracht hätten, antwortet er: «Yes, Spyro the Dragon 3 taught me ethno-nationalism. Fortnite trained me to be a killer and to floss on the corpses of my enemies. No.» In vielen Medien wurden genau diese beiden Spiele [5] als Einfluss des Attentäters genannt, das angefügte «No» überlas man, weil es nicht in den Fluss der Berichterstattung passte. Die ironisierende Negation verändert alles. Dieser Typ glaubt zu wissen, wie die skandalgewohnte Massengesellschaft tickt und verweigert die einfache Erklärung des minderwertig sozialisierten Psychopathen. Laut dem Manifest ist er oft gereist [6] und hat dabei die mannigfaltigen Kulturen der Welt kennen und schätzen gelernt [7]. Ausserdem habe er eine ganz normale Kindheit erleben dürfen.

Dieser Rechtsradikale ist eine Variation des Skinheads aus Slavoj Žižeks Die politische Suspension des Ethischen. Žižek berichtet von einem Skinhead, der «Einwanderer zusammengeschlagen hatte und, von einem Journalisten dazu befragt, höhnisch grinsend eine perfekte sozialpsychologische Erklärung seiner Taten lieferte (Fehlen väterlicher Autorität und mütterlicher Fürsorge, die Wertekrise in unserer Gesellschaft usw.)» [8]. Der Täter sagt der Öffentlichkeit genau dasjenige, was sie hören will, und entlarvt laut Žižek so den Zynismus der «humanistisch gesonnenen, “alles verstehenden” Sozialarbeiter und Psychologen» [9]. Aber was machen wir mit dem Attentäter von Christchurch, welcher der Öffentlichkeit proklamiert, was sie eben gerade nicht hören will? Ich hatte keine schwere Kindheit, einen mittelmässigen Job, habe gewalthaltige Videospiele gespielt wie viele andere auch und diese Tat trotzdem begangen. Und jetzt?

Reale Gewaltausbrüche erfahren oftmals eine reflexartige Assoziation mit fiktionalen Gewaltdarstellungen. Dies reicht bis hin zur Behauptung, fiktive Gewalt habe reale Gewalt direkt verursacht. Der Attentäter von Christchurch ist ein aktuelles Beispiel hierzu. Das Kino kennt diese Anschuldigungen im Gegensatz zu Videospielen schon seit den 1930er-Jahren, als offensichtliche Gewaltdarstellungen im US-amerikanischen Kino von katholisch-bürgerlichen Interessensgruppen angeprangert und mittels des Hays Code verboten wurden. Eine der vielen modernen Anekdoten, die kein gutes Licht auf das Kino werfen: Bei zwei französischen Jugendlichen, die mit einem Auto durch Paris rasten und dabei drei Polizisten und einen Taxifahrer töteten, wurde Promotionsmaterial von Natural Born Killers (Oliver Stone, US 1994) gefunden. Folgender Satz war darin angestrichen: «Everything becomes clear when you have a gun in your hand» [10].

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