Vom Kampf der Streaming-Anbieter

Der folgende Beitrag ist die überarbeitete und aktualisierte Fassung des Keynote-Vortrags vom 25. Oktober 2019 zur Herbsttagung des Arbeitskreises Filmbibliotheken DACH «Streaming Wars und Library Battles», veranstaltet von der Zentralbibliothek Zürich und dem Medien- und Imformationszentrum MIZ der Zürcher Hochschule der Künste zusammen mit dem Verein Memoriav vom 24.–25. Oktober 2020 an der ZHdK Zürich. Die Autorin ist wissenschaftliche Referentin bei der Stabsstelle Strategische Filmentwicklung an der Zentral- und Landesbibliothek Berlin.

Beitrag von Anna Bohn

 

In den internationalen Medien macht das Schlagwort „Streaming Wars“ die Runde. Mit der Ankündigung von Apple, Disney, NBC Universal und Warner Media, eigene Streaming-Portale zu starten, verschärft sich der Konkurrenzkampf global operierender Medienkonzerne um Inhalte und zahlende Zuschauer. Der „Kampf der Video-Streaming-Anbieter“ beschleunigt die disruptive Veränderung auf dem Filmmarkt: Während Kinos über Zuschauerschwund klagen und Videotheken schliessen, ist die Abrufkultur (on demand culture) im Aufschwung. Filmtitel werden als Kronjuwelen im Kampf der Giganten gehandelt. Werden in Zukunft populäre Filme und Serien nur noch exklusiv bei grossen, kommerziellen Video-Streaming-Marktführern zu sehen sein? Wie können europäische Filmproduktionen, wie kann unabhängiges Filmschaffen aus Deutschland, Österreich und der Schweiz in einem Meer von Streaming-Angeboten Sichtbarkeit erlangen und ein Publikum finden? Werden Algorithmen und künstliche Intelligenz zunehmend die Auswahl und Kuratierung von Filmprogrammen übernehmen, die Aufmerksamkeit der Zuschauer*innen über personalisierte Empfehlungssysteme lenken und dabei wie Kraken ihre Tentakel immer weiter auf sensible, personenbezogene Daten ausstrecken? Welche Rolle werden Kultur- und Bildungseinrichtungen, die sich der Filmvermittlung widmen, in der Welt des Video-Streamings in Zukunft spielen? Wie können Bibliotheken unter solchen Marktbedingungen ihren Kultur- und Bildungsauftrag erfüllen und nachhaltigen Zugang zu Filmen bieten? Welche Strategien werden in diesem Umfeld erfolgversprechend sein? Der folgende Beitrag skizziert die Entwicklung auf dem internationalen Video-Streaming-Markt, analysiert Trends und diskutiert Strategien für den Online-Zugang zu Filmen in Bibliotheken im Kontext einer On-Demand-Kultur.

Home-Video-Markt: Verlagerung der Umsätze hin zum Online-Zugang

Die Entwicklung auf dem Home-Video-Markt in Deutschland zeigt einen Anstieg der Umsätze und deren anhaltende Verlagerung in Richtung Online-Zugang. Das deutliche Plus auf dem Home-Video-Markt verdankt sich hauptsächlich dem Anstieg der Umsätze im Bereich des digitalen Zugangs, vor allem über Subskriptions-Video-on-Demand. Im Jahr 2018 gaben Konsumenten in Deutschland erstmals mehr Geld für digitale Home-Video-Produkte aus als für physische Produkte wie DVD und Blu-ray. Die Trägermedien DVD und Blu-ray waren 2018 auf dem Kaufmarkt rückläufig – mit Ausnahme des hochauflösenden Formats Ultra High Definition 4K Blu-ray (UHD 4 K Blu-ray). Zahlreiche kommerzielle Videotheken schliessen.

Insgesamt steigen die Umsätze mit Pay-TV und Paid Video-on-Demand in den Ländern Deutschland, Österreich und der Schweiz. Das Wachstum soll sich laut Prognose des Digital Market Outlook bis 2024 fortsetzen. Die Zahlungsbereitschaft potenzieller Kunden für Video-Streaming hält sich allerdings in Grenzen. So gaben bei einer Umfrage zur Zahlungsbereitschaft für Streaming-Dienste in Deutschland 36% der im Januar 2019 Befragten an, dass sie bereit wären, zwischen 5 Euro und unter 15 Euro pro Monat für Streaming-Services zu bezahlen; 46% der Befragten möchte indessen weniger als 5 Euro ausgeben. Da die Zahl der Anbieter aktuell steigt, ein grosser Prozentsatz der Kunden aber kein Geld für mehrere Streaming-Abonnements ausgeben will oder kann, verschärft sich der Wettbewerb. Zudem gibt es eine stetig wachsende Zahl werbefinanzierter sogenannter kostenloser Video-Streaming-Angebote. Diese sind nur scheinbar kostenlos, denn bezahlt wird die Nutzung durch Preisgabe der Daten. Eine disruptive Veränderung zeigt sich auch auf dem Markt des Kabelfernsehens, auch hier gibt es eine Entwicklung hin zum Video-Streaming.

Hochauflösende Formate und Breitbandversorgung

Filmfans, die auf eine hohe Bild- und Tonqualität Wert legen, bevorzugen physische Trägermedien wie Blu-ray Disc oder 4K UHD Blu-ray, wenn ihr Internetzugang nicht ausreichend schnell ist, um störungsfreies Video-Streaming in hoher Auflösung zu gewährleisten. Die von der EU-Kommission in Auftrag gegebene vergleichende Studie zur Breitbandversorgung in Europa 2018 zeigt z. B., dass Deutschland beim Ausbau des schnellen Internets bei der Versorgung der Haushalte mit Glasfaser-Technologie FTTP (Fiber to the Premises) mit unter 10% weit abgeschlagen hinter dem EU-Durchschnitt liegt, Lettland dagegen mit über 80% an erster Stelle. Während in Deutschland der Breitbandausbau nur schleppend vorangeht, ist schneller Internetanschluss in den USA und in der Schweiz bereits weiter verbreitet. Keine ausreichende Versorgung mit Breitband gilt als Teil der digitalen Spaltung bzw. der Breitbandkluft. Die Breitbandversorgung ist von grosser Bedeutung für die gesellschaftliche und digitale Teilhabe. Schleppender Breitbandausbau ist ein Risikofaktor für den Wachstumsmarkt Video-Streaming und kann dazu führen, dass Video-Streaming in Deutschland insbesondere in ländlichen Gebieten sich nicht mit derselben Geschwindigkeit entwickeln wird, wie dies in anderen europäischen Ländern oder in den USA der Fall ist.

Kampf der Video-Streaming-Giganten

An der Schwelle zum Jahr 2020 treten neue Plattformen von Apple, Disney, NBC Universal und Warner Media in Konkurrenz zu den etablierten Marktführern Amazon Prime Video, Netflix und YouTube und einer Vielzahl weiterer Anbieter. Die Entwicklung auf dem Markt des Online-Zugangs zu Filmen ist extrem dynamisch und es stellt sich die Frage, welche Player sich auf diesem hart umkämpften Markt längerfristig behaupten werden?

Der Video-on-Demand-Dienst Disney+ startete am 12. November 2019 in den USA, Kanada und den Niederlanden. Für 31. März 2020 ist der Start in weiteren europäischen Ländern angekündigt, darunter in Deutschland. Der Filmkatalog von Disney bietet populäre Filme und Fernsehsendungen aus den Walt Disney Studios. Zu dem Angebot zählen u. a. auch Pixar-Animationsfilme, die Star Wars-Filme sowie dokumentarische Produktionen des National Geographic. Hinzu kommen Lizenzen durch Übernahme von Filmen des Studios 20th Century Fox sowie Filme des Marvel Cinematic Universe mit Superhelden-Sagas wie Spider Man, Avengers oder Black Panther. Disney investiert für Disney+ zudem in Eigenproduktionen, darunter originale Serien wie Star Wars: the Mandalorian. In den USA wird die Filmbibliothek von Disney voraussichtlich exklusiv sein, wenn das Studio bisher an Netflix lizenzierte Titel ab 2020 abzieht.

Apple TV+ startete am 1. November 2019 in über 100 Ländern und Regionen. NBC Universal kündigte einen Streaming-Service mit dem Namen Peacock mit Start im April 2020 an. Das internationale Medienunternehmen Warner Media plant zum Mai 2020 den Start des neuen Portals HBO Max. Zur Tochtergesellschaft des US-Telekommunikations-Unternehmens At&T gehören u. a. das Studio HBO mit hochkarätigen Produktionen wie Game of Thrones, Westworld oder The Wire. Auch die DC-Comics-Superhelden-Filme wie Aquaman, Wonder Woman und Batman zählen zu dem Filmkatalog. Warner hat sich zudem die Streaming-Rechte für Serien wie Friends oder Pretty Little Liars gesichert. Bislang laufen in Deutschland die HBO-Produktionen exklusiv bei Sky.

Filmtitel als Kronjuwelen – exklusiver Zugang und Eigenproduktionen

Im Kampf der Streaming-Anbieter werden stark nachgefragte Filmtitel und Serien als Kronjuwelen gehandelt. Kevin Reilly, verantwortlich für die Inhalte des neuen Streaming-Dienstes von Warner Media, kündigte im Februar 2019 an, dass „Kronjuwelen” wie die Serie Friends, die vordem an Netflix lizenziert waren, künftig bei Warner Media abrufbar sein werden: «I think you can expect that sort of the crown jewels of Warner will ultimately end up on the new service, […] And I think for the most part, sharing destination assets like that, it is not a good model to share them. My belief is that they should be exclusive to the service.» Äusserungen wie diese lassen erwarten, dass in Zukunft filmische und serielle „Kronjuwelen“ exklusiv zugänglich gemacht werden.

Noch sind solche beim Publikum überaus beliebte Titel wie Friends oder Game of Thrones als Trägermedien auf dem Home-Video-Markt verfügbar und in Filmsammlungen der Bibliotheken für das breite Publikum und für Forschende ausleihbar. Die Nutzung von Trägermedien ist allerdings rückläufig. Immer mehr vor allem jüngere Menschen besitzen keine Geräte mehr zum Abspiel von DVDs oder Blu-ray-Discs, sondern streamen Inhalte ausschliesslich. Es stellt sich daher die Frage, ob in einer „Zukunft ohne Scheiben“ nachgefragte Produktionen nur noch exklusiv bei ausgewählten kommerziellen Streaming-Anbietern oder mit diesen kooperierenden Aggregatoren abrufbar sein werden.

Marktanalysen zeigen, dass die Inhalte über Kauf oder Ausleihe entscheiden. Aus diesem Grund kommt qualitativ hochwertigen eigenproduzierten Inhalten, die Exklusivität garantieren, eine stetig wachsende Bedeutung zu. Streaming-Dienstleister investieren in Eigenproduktionen, da Inhalte als wertvolle Vermögenswerte (assets) im Konkurrenzkampf der Streaming-Anbieter gelten. So investiert Netflix erhebliche Summen in hochkarätige Eigenproduktionen und häuft dafür Schulden an.

Die Zuschauerzahlen offenbaren, dass Blockbuster die Spitzenreiter der am häufigsten im Video-Stream gesichteten Filme sind. Doch welchen Faktoren verdankt sich dieser Erfolg? In der von dem europäischen Netzwerk regionaler Filmförderanstalten Cine-Regio in Auftrag gegebenen Studie „Audience in the mind“ gibt Michael Gubbins zu bedenken, dass trotz der scheinbaren Fülle des Angebots im Bereich Video-Streaming die Entdeckung neuer unabhängig produzierter Filme immer schwieriger für den Verbraucher werde und dass stattdessen vornehmlich Blockbuster promotet würden. Brian Newman moniert an den personalisierten Empfehlungssystemen von Netflix und Amazon, sie präsentierten eine begrenzte Auswahl und vorrangig Blockbuster und Fernsehserien, nicht aber Dokumentarfilme, fremdsprachige oder unabhängige Filmproduktionen und Klassiker der Filmgeschichte: «But this is a huge problem for quality films whether they’re docs, indie, foreign, or classics. If the algorithms can’t serve these up to me, I guarantee they aren’t serving them up to anyone else. […] But most film watching these days is online, and if you can’t be found there, well, you don’t exist.» Newman plädiert daher dafür, mehr Geld in die Discovery-Systeme zu investieren, um die Vielseitigkeit des Filmschaffens sichtbarer zu machen: «We need to come up with solutions to help curate better, help people discover and remember films […], and help them to find a diversity of films.»

Zahlreiche Klassiker der Filmgeschichte und auf dem Home-Video-Markt erschienene Produktionen sind derzeit (noch?) nicht als Video-Stream verfügbar. Eine Abfrage nach Filmen von Jeanine Meerapfel im European Film Directory Lumiere VOD ergibt z. B. lediglich drei als Video-Stream verfügbare Titel: Annas Sommer, Die Kümmeltürkin geht und El amigo alemán (Stand 17.01.2020). Die Suche nach Filmen von Jeanine Meerapfel im Katalog des Verbunds der öffentlichen Bibliotheken Berlins (VÖBB) unter www.voebb.de führt zu weiteren Titeln, die als Trägermedien ausleihbar sind, darunter Amigomio, Malou, Im Land meiner Eltern, Die Verliebten, Die Kümmeltürkin geht, La amiga, Desembarcos – …Es gibt kein Vergessen, Mosconi – oder Wem gehört die Welt?, Annas Sommer und Der deutsche Freund. Drei Filme von Jeanine Meerapfel – Die Kümmeltürkin geht, Amigomio und Annas Sommer – sind zudem aktuell in den digitalen Video-Streaming-Angeboten des VÖBB im Portal Filmfriend abrufbar (Stand 17.01.2020).

Orientierung im Meer des Video-Streamings: Streaming-Guides

Bei der wachsenden Zahl von Streaming-Services und der Zersplitterung des Marktes fällt es nicht leicht, den Überblick darüber zu behalten, welche Titel wo und zu welchen Konditionen abrufbar sind. Suchportale und Streaming-Guides versprechen Orientierung im Dschungel der Online-Angebote. Im Dickicht der Streaming-Portale werden daher Dienste von Aggregatoren-Plattformen immer populärer. Streaming-Suchmaschinen wie Wer streamt es, Just Watch, Vodster, Reelgood, Yidio, oder Streamcatcher.de prüfen die Verfügbarkeit von Titeln bei gängigen kommerziellen Video-Streaming-Portalen und helfen bei der Suche nach Filmen und Fernsehserien. Die Suchmaschinen bieten neben Titelsuche und Preisvergleich teilweise auch das Filtern von Suchergebnissen nach Genre, Anbieter, Sprache, Erscheinungsjahr oder nach Kostenmodell bzw. Art des Zugangs wie z. B. Abo, Leihen, werbefinanziert etc.

Die Nutzer*innen zahlen für diese kostenlosen Dienste in der Regel mit ihren Daten: Nutzerdaten zu Filmvorlieben und Konsumverhalten werden für datengetriebenes Filmmarketing (data-driven movie marketing) ausgewertet. Die Analyse der Daten liefert der Filmindustrie Informationen, wie relevante Zielgruppen für Inhalte erreicht werden können.

Marktforschung und Datenanalysen als Wachstumsmarkt

Der Launch und laufende Betrieb von Video-Streaming-Portalen sind mit erheblichen Investitionen verbunden. Voraussetzung für die Entwicklung einer erfolgreichen Strategie ist daher die kontinuierliche Analyse der Marktentwicklung und des Nutzungsverhaltens mittels Datenanalysen und Umfragen. Die Analysen werden von den Marktführern selbst oder von spezialisierten Medienunternehmen bzw. Datenanalysten im Auftrag erstellt. Die Grundlage der Datenanalysen bilden zunehmend neue Technologien wie Big Data, künstliche Intelligenz und maschinelles Lernen. Analysen der Marktentwicklung und Nutzungen von Video-Streaming sind ein grosser Wachstumsmarkt, so prognostiziert das Informationsdienstleistungs- und Medienunternehmen Bloomberg eine Wachstumsrate von 28,2% für den Markt der Nutzungsanalysen im Bereich Video-Streaming.

Eine Umfrage zu beliebten Video-on-Demand-Anbietern 2019 in Deutschland belegt einerseits eine führende Stellung der US-amerikanischen Anbieter Amazon Prime Video, Netflix und YouTube auf dem kommerziellen Markt, andererseits auch die grosse Diversität und Zersplitterung von Angeboten auf dem Markt der Video-Streaming-Dienstleister. Eine Umfrage zur Bekanntheit ausgewählter Video-on-Demand-Angebote in Deutschland 2018 zeigt, dass sich neben den kommerziellen Video-Streaming-Portalen Netflix, Amazon Prime, Sky und Maxdome auch die Mediatheken der öffentlich-rechtlichen Fernsehsender wie ZDF, ARD und ARTE eines hohen Bekanntheitsgrades erfreuen. Umfragen zum täglichen Medienkonsum und zur „Nutzungshäufigkeit von Fernsehen und Video-on-Demand im Vergleich 2018“ offenbaren allerdings gravierende Unterschiede je nach Alter der Befragten: 69,2 % der Altersgruppe 15–19 Jahre nutzt Video-on-Demand, aber nur 32,1% Fernsehen. Bei älteren Personen ist es umgekehrt: 86,8 % der Altersgruppe 60–69 Jahre nutzen Fernsehen, aber lediglich 8,5% Video-on-Demand. Da immer mehr vor allem jüngere Menschen zum Video-Streaming übergehen, stellt sich für Bibliotheken die Herausforderung, Video-Streaming-Angebote aufzubauen, um die Nutzergruppen nicht zu verlieren und digitale Teilhabe zu ermöglichen.

Video-Streaming mit Bibliotheksausweis – vom Pilotprojekt zum Millionenpublikum

Bibliotheken haben sich seit Aufkommen des Home-Video-Markts als Orte des freien Zugangs zu Filmen etabliert. Sie erfüllen Aufgaben der Filmbildung und Filmvermittlung für ein breites und sehr diverses Publikum. Die Filmbibliothek – genannt Cinemathek – der Zentral- und Landesbibliothek Berlin (ZLB) beispielsweise ist aufgrund einer seit Anfang der 1990er-Jahre kontinuierlich betriebenen Sammlungspolitik eine der grössten frei zugänglichen Filmsammlungen im deutschsprachigen Raum und bietet einen internationalen und vielsprachigen Bestand von Filmen und Serien zu allen Fachgebieten, die mit Bibliotheksausweis ausgeliehen werden können. Im Jahr 2018 verzeichnete die ZLB mehr als eine halbe Million Ausleihen physischer Trägermedien auf DVD und Blu-ray-Disc.

Die ZLB begann 2014 gemeinsam mit Partnern aus der deutschen Filmwirtschaft, Video-Streaming-Angebote speziell für Bibliotheken zu entwickeln. Im Rahmen des Projekts Digitale Welten des Verbunds der Öffentlichen Bibliotheken Berlins (VÖBB), zu dem die ZLB gehört, sowie dank der Förderung des Creative-Europe-Media-Programms der EU-Kommission für das Projekt „Audio Visual Access“ AVA konnten 2017 die Video-Streaming-Angebote Filmfriend in Kooperation mit der Filmwerte GmbH und AVA Library in Kooperation mit der reelport GmbH erfolgreich starten und 2019 weiter ausgebaut werden. Inzwischen sind beide Video-Streaming-Angebote im remote access mit Bibliotheksausweis im Verbund der Öffentlichen Bibliotheken Berlins zugänglich. 2017 wurde der Betreiberfirma von Filmfriend zusammen mit dem VÖBB der Innovationspreis Berlin Brandenburg in der Kategorie „Soziale Innovation“ verliehen. Filmfriend zählt zum Jahresbeginn 2020 bereits 122 teilnehmende Bibliotheken in Deutschland und der Schweiz. AVA ist als Kooperation zwischen Filmfestivals und lokalen Bibliotheken in sechs weiteren europäischen Ländern vertreten, darunter in Belgrad, Serbien, sowie Lissabon und Porto in Portugal.

2019 wurde die ZLB zur Bibliothek des Jahres in Deutschland gekürt. In der Begründung wird auch auf die VÖBB-Streaming-Angebote Bezug genommen; dort heisst es u. a.: «Als erste deutsche Bibliothek bot sie gemeinsam im Verbund der Öffentlichen Bibliotheken Berlins den Streamingdienst Filmfriend an, und mit AVA (Audio Visual Archive) wird nun auch Zugang zu europäischem und internationalem Arthouse-Kino geboten.»

In der Schweiz entwickelte die Zürcher Hochschule der Künste ZHdK mit ihrem Medien- und Informationszentrum MIZ und ihrem Informationstechnologiezentrum gemeinsam mit Werft22 die „Schweizer Filmplattform für Bildung nanoo.tv EDU“. Zu Beginn stand die Vision, ein gemeinsames Filmarchiv für die Schweizer Hochschulen zu schaffen, das als Plattform funktioniert und mittels eines webbasierten Videorecorders die Aufzeichnung und Archivierung von Fernsehsendungen ermöglicht. Die kontinuierlich wachsende Sammlung MIZ Video online umfasst aktuell über 17000 Aufzeichnungen von Fernsehsendungen, die für Forschung und Lehre der ZHdK in den Bereichen Bildende und Mediale Künste, Design, Film, Musik, Tanz und Theater genutzt werden. Der Zugriff wird über PURA (Private User Remote Access) geregelt. Inzwischen wird nanoo.tv auf allen Schulstufen in der Schweiz eingesetzt.

Die Beispiele zeigen das Potenzial von Video-Streaming-Dienstleistungen in Bibliotheken, sich von Pilotprojekten zu Angeboten zu entwickeln, die Millionen von Bibliotheksnutzer*innen Filme vermitteln.

Video-on-Demand in Bibliotheken – Strategien für den Zugang zu Filmen

Angesichts der rasanten Veränderungen auf dem Markt des Zugangs zu Filmen stehen Bibliotheken vor der Herausforderung, sich strategisch weiterzuentwickeln, um zukunftsfähige innovative und nachhaltige digitale Video-Streaming-Angebote zur Informationsversorgung und Filmvermittlung aufzubauen. Die hybride Mediathek, die Filme und Fernsehserien als Video-Stream mit Bibliotheksausweis abrufbar macht und parallel dazu weiterhin physische Trägermedien wie DVD, Blu-ray-Discs oder UHD Blu-ray zur Ausleihe anbietet, wird für die kommenden Jahre aus mehreren Gründen eine erfolgversprechende und empfehlenswerte Strategie für Bibliotheken sein. In den Filmsammlungen spezialisierter Filmbibliotheken wie der ZLB sind derzeit weit mehr Filme und Fernsehserien auf Trägermedien verfügbar als bei kommerziellen Video-Streaming-Anbietern wie Netflix. Neben der grösseren Titelbreite zeichnet sich das kuratierte Angebot der Bibliothek durch mehr Diversität aus.

Die auf Trägermedien veröffentlichten Filmeditionen bieten Filmfans darüber hinaus häufig einen gefragten Mehrwert, darunter multiple Sprachfassungen und Untertitelungen, Bonusmaterialien, Booklet oder mehrere variante Filmfassungen wie z. B. Director’s cut oder Extended cut. Eine wachsende Zahl ausländischer Anbieter und Verlage stellt Filme auf Trägermedien Regionalcode-frei (code free) zum Kauf bereit, sodass originale Sprachfassungen aus dem Ausland bezogen werden können.

Populäre Filme und Fernsehserien, die im Video-Stream exklusiv bei kommerziellen Anbietern abrufbar sind, können in Bibliotheken für die Arbeit der Filmbildung weiterhin auf Trägermedien verfügbar gemacht werden, um nachhaltigen Zugang zu dem filmischen Kulturgut und soziale Teilhabe sicherzustellen. Physische Trägermedien werden in absehbarer Zeit also keineswegs vollständig durch digitale Angebote zu ersetzen sein, sondern es stellt sich die Aufgabe, parallel dazu neue Angebote des Online-Zugangs aufzubauen, die das bestehende Angebot erweitern.

Die Kosten für den Zugang zu Video-Streaming-Angeboten liegen in der Regel höher als für den Kauf physischer Trägermedien, sodass zusätzliche Fördermittel für den Aufbau digitaler Angebote erforderlich sind. Beim Online-Zugang zu Filmen fallen neben Lizenzkosten auch Kosten für das Hosting und für den bei jedem Abruf erzeugten Datenverkehr, den Traffic, an. Zudem ist die technische Infrastruktur laufend weiterzuentwickeln, um den Nutzerkomfort sicherzustellen. Die hohe Attraktivität und Popularität eines Streaming-Angebots und damit verbundene Zugriffszahlen können für Bibliotheken in einer Kostenexplosion resultieren, z. B. wenn mit dem Video-Streaming-Anbieter das Bezahlmodell Pay-per-View vereinbart wurde. Bei Pay-per-View wird jeder Zugriff einer vertraglich festgelegten (gegebenenfalls auch unter einer Minute währenden) Dauer als Kauf berechnet. So stellte beispielsweise die New York Public Library aufgrund explodierender Kosten das Video-Streaming-Angebot Kanopy zum Juli 2019 ein.

Um die in Bibliotheken zugänglichen Titel besser recherchierbar und auffindbar zu machen und innovative filmvermittelnde Angebote aufzubauen, stellt sich die Aufgabe, das Datenmanagement effizient zu gestalten und Daten zu vernetzen. Bibliotheken stehen vor der Herausforderung, zeitgemässe und technisch avancierte nutzerfreundliche Empfehlungssysteme zu entwickeln und andererseits die von kommerziellen Anbietern eingesetzten Empfehlungssysteme auf ihre Mechanismen und Funktionsweisen kritisch zu hinterfragen sowie Alternativen zu den kommerziellen Empfehlungssystemen zu entwickeln. Für Bibliotheken stellt sich ebenso Herausforderung, die Marktentwicklung und das Nutzungsverhalten kontinuierlich zu analysieren und hierbei die geltenden Datenschutz-Bestimmungen zu beachten.

Voraussetzung für einen verbesserten Datenaustausch ist die Standardisierung im Bereich Metadaten. Im November 2019 fand in der Deutschen Nationalbibliothek die konstituierende Sitzung der AG AV Medien beim Standardisierungsausschuss statt. In dem Gremium arbeiten Kolleg*innen aus Bibliotheken, Filmarchiven und Rundfunkanstalten aus Deutschland, der Schweiz und Österreich zusammen an der Weiterentwicklung der Standards für eine bessere Auffindbarkeit audiovisueller Inhalte und Erleichterung des maschinengestützten Datenaustauschs sowie domänenübergreifender Vernetzung (Linked Open Data).

Der Austausch und die Vernetzung von Daten und Inhalten werden Bibliotheken die Möglichkeit eröffnen, ihre Bestände besser zu präsentieren und gegenüber klassischen kommerziellen Video-Streaming-Portalen auch die Stärken auszuspielen: Bibliotheken bieten neben dem Film selbst in der Regel Kontextmaterialien, z. B. die Filmmusik, das Buch zum Film oder die literarische Vorlage. Werden die Daten vernetzt, so können etwa wissenschaftliche Artikel und Filmkritiken, die Bibliotheken kostenpflichtig in Form von Datenbanken lizenzieren, mit dem Film verknüpft angezeigt werden. In Zukunft könnten darüber hinaus Trailer und Wikipedia-Artikel zum Film oder Bestände anderer Kulturerbe-Einrichtungen eingebunden werden. Eine Stärke von Bibliotheken liegt im Datenaustausch und vor allem in dem etablierten System der Normdaten in der Gemeinsamen Normdatei GND. Die Normdaten dienen der eindeutigen Identifizierung z. B. von Personen und Werken und können daher ein Schlüssel sein für die künftige domänenübergreifende Vernetzung von Informationen zu Filmwerken und zu den bei der Produktion beteiligten Filmschaffenden.

Konsortializenzen und verbesserte rechtliche Regelungen

Um auf dem hart umkämpften Video-Streaming-Markt eine eigene Marktmacht und Lobby zu bilden, ist es auch für öffentliche Bibliotheken eine strategische Erfordernis, wie die wissenschaftlichen Bibliotheken Konsortien zu bilden und Allianzlizenzen zu verhandeln. Beispielsweise haben sich 20 kommunale öffentliche Bibliotheken aus Baden-Württemberg zum Filmfriend-Verbund zusammengeschlossen. Ein Ziel bei der Bildung von Konsortien ist, die Vergleichbarkeit und Transparenz in Lizenzverträgen sicherzustellen. Allianzlizenzen ermöglichen das Teilen von Lizenzen, z. B. auf Verbundebene oder auf nationaler Ebene. Die Filmbibliotheken können Fachkompetenz und Expertise für die Evaluierung, Kuratierung und kontinuierliche Vermittlung von Angeboten einbringen. In Zukunft wird die Evaluierung grosser Filmpakete durch computergestützte Methoden der Big-Data-Analyse zu unterstützen sein. Daher stellt sich die Anforderung, entsprechende Kompetenzen des Datenmanagements in Bibliotheken aufzubauen.

Konsortiallösungen könnten auch Kooperationen mit Kulturerbe-Einrichtungen beinhalten. Angesichts des harten Wettbewerbs auf dem kommerziellen Video-Streaming-Markt wird es für Bibliotheken vorteilhaft sein, beim Online-Zugang zu Filmen mit Filmarchiven, Filmfestivals und öffentlich-rechtlichen Fernsehsendern zu kooperieren. Kostenfreie Video-Streaming-Angebote der Filmarchive und Mediatheken der Fernsehanstalten können in kuratierter Form in die digitalen Angebote von Bibliotheken eingebunden und dadurch einem breiten Publikum gezielt vermittelt werden. Beispiele hierfür sind Archivfilme des von Memoriav in der Schweiz aufgebauten Portals Memobase oder der Filmothek des Bundesarchivs in Deutschland sowie Produktionen der Mediatheken öffentlich-rechtlicher Rundfunkanstalten wie ARD, ARTE, ORF-TVTHEK, SRF oder ZDF. Die Kooperation zwischen Filmfestivals und Bibliotheken eröffnet Chancen, die Vielfalt regionaler, nationaler und europäischer Filmproduktionen einem breiten Publikum über den zeitlichen Rahmen des Festivals hinaus nachhaltig zu vermitteln.

Von strategischer Bedeutung für Bibliotheken ist die Lobbyarbeit für verbesserte rechtliche Regelungen, z. B. hinsichtlich des Urheberrechts und der Frage, wie das digitale Pflichtexemplarrecht im Zeitalter des Online-Zugangs zu regeln ist. Ein länderübergreifender Austausch und Vergleich der Gesetzgebungen ist erforderlich, um verbesserte Regelungen oder Schranken des Urheberrechts zu empfehlen, die Bibliotheken in die Lage versetzen, ihren Bildungsauftrag zu erfüllen. Von grossem Interesse sind hier Pilotprojekte der Kooperation zwischen Verwertungsgesellschaften und Bibliotheken wie nanoo.tv EDU – die Schweizer Filmplattform für Bildung. Zu diskutieren sind beispielsweise auch, wie die Tarife der Verwertungsgesellschaften für die nicht kommerzielle Nutzung von Video-Streaming in Bibliotheken geregelt werden. Bibliotheken sind über den Weltverband der Bibliotheken IFLA auch aufgerufen, Stellung zu dem Vertragsentwurf der World Intellectual Property Organization zum Schutz der Rechte von Fernsehsendern (WIPO Draft Treaty on the Protection of Broadcasting Organizations) zu nehmen, um deutlich zu machen, welche Schrankenregelungen erforderlich sind, damit Bibliotheken ihren Auftrag der Filmvermittlung und Filmbildung auch in der digitalen Transformation erfüllen können.

Literature and Links

-Catrin Bialek, Alexander Demling (2019), «Das Jahr der Streaming Wars: Alle jagen Netflix», in Handelsblatt, 9. Januar 2020.
-Bloomberg (2019), «28.2% Growth Rate for Streaming Analytics Market by 2024», 25. September 2019.
-Anna Bohn (2016), «Von DVD zu Video-on-Demand. Bewegte Bilder in Bibliotheken und neue Wege des Zugangs zum audiovisuellen Kulturerbe», in Bibliotheksdienst, 50, 1, 2016, pp. 79–96.
-Anna Bohn (2017), «Sharing Moving Image Metadata and Streaming Video on Demand Content – The Project AVA as a Use Case for Cross Domain Cooperation between Film Festivals and Public Libraries», paper presented at IFLA WLIC 2017 - Wroclaw, Poland - Libraries. Solidarity. Society, in Session 114 – Cataloguing.
-Cine-Regio (2014), «Audience in the Mind – Digital Revolution IV», by Michael Gubbins, SampoMedia 2014. Cine-Regio. European network of regional film funds.
-Dylan Byers (2018), «The Streaming Wars: How the New Kingdoms of Hollywood Are Battling It Out for the Future of Entertainment», NBC News, Nov. 1, 2018.
-DBV (2019), «Forum für die Stadtgesellschaft – die Zentral- und Landesbibliothek Berlin ist Bibliothek des Jahres 2019», Pressemitteilung des dbv, 23. Mai 2019.
-European Commission (2019), «Broadband Coverage in Europe 2018. Mapping progress towards the coverage objectives of the Digital Agenda. Final Report». A study prepared by the European Commission DG Communications Networks, Content & Technology by IHS Markit, Point Topic, 2019, p. 29. Ref. Ares (2019)6421890-17/10/2019. doi: 10.2759/000648. Available online.
-Innovationspreis (2017), «Innovationspreis Berlin Brandenburg 2017 in Potsdam vergeben».
-Moritz Mutter (2017), «Filmfriend – Streaming für Bibliotheken. VÖBB und Filmwerte GmbH starten Pilotprojekt», in BuB, 69, 12, pp. 662–663. Available online.
-Brian Newman (2017), «Why Netflix and Amazon Algorhithms Are Destroying the Movies», in Indiewire, July 12, 2017.
-Nancy Coleman, Nancy (2019), «New York City’s Public Libraries to End Film Streaming Through Kanopy», in The New York Times, June 24, 2019.
-Emily Todd VanDerWerff (2019), «The Future of Streaming Is the Cable Bundle», vox.com, Mar. 15, 2019.

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