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Waldheims Walzer

[…] Drei Zeiten kollidieren in diesem Film miteinander – und jede hat ihren Ankerpunkt: Die Gegenwart liegt in der Off-Stimme Beckermanns, die Vergangenheit in der schwarz-weissen, kontrastarmen Textur der Amateuraufnahmen und die Vergangenheit der Vergangenheit im Urgrund dieser Bilder, in den Leer- und Schnittstellen zwischen ihnen, im Suchimpuls der Montage.

[…] So liegt etwa Waldheims Rede vom christlich-abendländischen Wertesystem, von Nächstenliebe, Familie und Moral semantisch (die Montage zeigt das) sehr nahe an der Rede von der Anständigkeit (ein Lieblingsunwort des Rechtspopulismus – gemeint ist in diesem Fall sicherlich die Befehlshörigkeit, die Kameradschaft, Vaterlandstreue) des Soldaten.

Zeitenkollision

Spannend ist zunächst die Dreistufigkeit der Zeitebenen: Da ist zum einen die Gegenwart der Produktion des Films, das heisst: die Gegenwart der Montage und des Zu- und Rückgriffs auf das Filmmaterial, das sich, wie Ruth Beckermann zu Beginn von Waldheims Walzer aus dem Off zu verstehen gibt, aus einer Art zeitgeschichtlichen Notwendigkeit heraus wie von selbst an die Oberfläche spülte (alte VHS-Überspielungen tauchten mit einem Mal wieder auf und machten selbst gedrehte Aufnahmen zugänglich, die die Filmemacherin längst für verschollen gehalten hatte). Zum anderen ist da die Vergangenheit, die auf diesen Kassetten gespeichert ist, das heisst: Bilder aus dem Jahr 1986, Bilder aus den Monaten vor der damaligen österreichischen Bundespräsidentenwahl, bei der sich der ehemalige UNO-Generalsekretär Kurt Waldheim mit dem Slogan „Der Mann, dem die Welt vertraut“ aufstellen liess. Und dann ist da noch die Vergangenheit zweiter Ordnung, die Vergangenheit der Vergangenheit, die Jahre 1942–1945, die Weltkriegsjahre, die – ins Rollen gebracht durch einen Enthüllungsartikel des österreichischen Nachrichtenmagazins „Profil“ – mit einem Mal hineinbrechen ins Wahljahr 1986. Drei Zeiten kollidieren in diesem Film miteinander – und jede hat ihren Ankerpunkt: Die Gegenwart liegt in der Off-Stimme Beckermanns, die Vergangenheit in der schwarz-weissen, kontrastarmen Textur der Amateuraufnahmen und die Vergangenheit der Vergangenheit im Urgrund dieser Bilder, in den Leer- und Schnittstellen zwischen ihnen, im Suchimpuls der Montage. Waldheims Walzer ist, strukturell gesehen, zunächst einmal diese Zeitenkollision.

Die Lebenslüge

Ausgelöst wird ein Beben (Beckermann nennt es Wanken). Was 1986 urplötzlich – und vor den Augen der Weltöffentlichkeit und -medien – instabil wurde, ist die „Lebenslüge“, in der sich Österreich eingerichtet hatte; die Opferthese, die Rede vom Zwangsanschluss an das Deutsche Reich. Österreich als erstes Opfer Hitlers – das ist eine Geschichtsdarstellung, auf die man in der rechtspopulistischen FPÖ heute noch zurückkommt. Die Waldheimaffäre sorgte für den ersten Riss in dieser Lüge und für die erste gesamtgesellschaftliche Debatte über die Beteiligung Österreichs an den Verbrechen der Nationalsozialisten. Waldheim war Mitglied der SA und in den Jahren 1942–1944 als Wehrmachtsoffizier in Saloniki stationiert. Über diese Zeit schwieg seine Autobiografie. Es sei eine Zeit gewesen, in der er sich um sein Studium in Wien gekümmert habe, betonte er immer wieder. Von den Kriegsverbrechen und Massendeportationen durch seinen Stabschef Alexander Löhr von Juden und Partisanen, will er zu dieser Zeit nichts mitbekommen haben. In Interviews angesprochen auf diese Jahre seiner Vergangenheit, kam Waldheim gebetsmühlenhaft auf die immer gleiche Antwort zurück, die ihn in den österreichischen Medien (der ORF hielt sich mit eigenen Recherchen zur Affäre zurück) auffällig selten in Bedrängnis brachte: Opfer gab es auf beiden Seiten. Und mit diesem Satz ging es wohl stets weniger um Schuldverteilung auf beide Lager, sondern um Unschuldsverteilung.

«Waldheim, ja!» - «Waldheim, nein!»

Im Ausland beschäftigte sich der US-Kongress mit der Frage, ob Waldheim auf die Watchlist gesetzt werden müsste, das französische Fernsehen schickte Reporter nach Saloniki, der Jüdische Weltkongress stellte eigene umfassende Untersuchungen zur Kriegsvergangenheit Waldheims an. Der Kandidat selbst sprach von einer Verleumdungskampagne, nutzte diesen Vorwurf gleichsam aber als Werbezweck und Mobilisierungswerkzeug: „Jetzt erst recht!“, liess er auf die Wahlplakate schreiben; Österreich lasse sich vom Ausland nicht einreden, wen es zu wählen habe. Beckermanns Aufnahmen dieser Zeit zeigen ein entzweites Österreich. Gleich zu Beginn sehen wir eine Menschenmenge am Stephansplatz in einem Massenstreit, der in einen Skandierkampf mündet: Die einen rufen «Waldheim, ja!», die anderen «Waldheim, nein!». Letztendlich wurde er gewählt und blieb – aussenpolitisch isoliert – bis 1992 im Amt.

Christlich-abendländischer Populismus

Beckermanns Film – und genau hier entfaltet seine Dreistufigkeit auch ihre analytische Sprengkraft – ist selbstverständlich nicht nur die journalistisch geleitete Chronik einer zentralen Episode der österreichischen Nachkriegsgeschichte, er ist darüber hinaus auch und vor allem eine Untersuchung des populistischen Kalküls und seiner Rhetorik allgemein. So liegt etwa Waldheims Rede vom christlich-abendländischen Wertesystem, von Nächstenliebe, Familie und Moral semantisch (die Montage zeigt das) sehr nahe an der Rede von der Anständigkeit (ein Lieblingsunwort des Rechtspopulismus – gemeint ist in diesem Fall sicherlich die Befehlshörigkeit, die Kameradschaft, Vaterlandstreue) des Soldaten. Ein anständiger Soldat sei er gewesen – diese Formel tut ein Doppeltes: Sie richtet sich negativ gegen die „Unanständigkeit“ (unanständig ist es, sich vom Ausland aus einzumischen) seiner Kritiker, die ihm Kriegsverbrechen (oder mindestens eine Zuarbeit zu solchen) vorwerfen; sie zielt aber – verschleiert erstinstanzlich – auf die positive, gleichsam mythische Besetzung des Begriffs Anständigkeit, ganz so als sei sie der Urwuchs seines Charakters und als sei genau das nun beweisbar geworden. Die Engführung christlich-abendländischer Moral mit soldatischer Integrität gehört zu den augenfälligsten (und abstossendsten) populistischen Umschaltmanövern, die dieser Film an Waldheim exemplifiziert. Der Wahl-Slogan „Jetzt erst recht!“ – ein Spruch, der nicht nur kein Argument ist, sondern der die Praxis des Argumentierens selbst infrage stellen will, um so das Trotzvolk einsammeln zu können – ist ein anderes.

Remystifikation

Dass Waldheims Walzer rhetorische Logiken und Mechanismen untersucht, die brandaktuell sind, versteht sich von selbst (auf die namentliche Aufzählung der entsprechenden Gegenwartsphänomene wird an dieser Stelle verzichtet). Es geht Beckermann mit diesem Film aber nicht einfach um ein Wiedererkennungsspiel, nicht darum, in die Vergangenheit wie in einen Spiegel blicken zu können. Worum es ihr vor allem geht, ist, hineinzuschauen in ein stummes Langzeitprojekt der speziell deutschen und österreichischen Rechten: ein Menschenbildprojekt, das es darauf abgesehen hat, den Menschen wieder zur natürlichen Unschuld umzudefinieren. Eine Art Remystifikation, durch die Mensch, Natur und Geschichte wieder in einen Einklang finden, der dann interpretierbar wird als der (Ein-)Klang eines Volkes.

First published: May 30, 2018

Waldheims Walzer | Film | Ruth Beckermann | AT 2018 | 93‘ | Bildrausch Filmfest Basel 2018

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Screenings in October 2018 at Kino Rex Bern and Kino Xenix Zürich 

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