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Walden

Wenn sich alles um den Wald dreht

Ein Film ohne Darsteller, ohne Erzähler und ohne eine einzige statische Bildeinstellung. Der Schweizer Filmemacher und Künstler Daniel Zimmermann erhebt in seinem Dokumentarfilm Walden die Methode der 360-Grad-Aufnahme zur leitenden Erzählinstanz. Seine Kamera bleibt ständig in Bewegung, sie hält konstant die Geschwindigkeit und dreht immer in dieselbe Richtung. Als sei sein Vorbild der Lauf der Welt, entwickeln sich auch in Zimmermanns Film die Bilder unaufhaltsam weiter. Indem seine Parameter, Richtung und Geschwindigkeit der Aufnahmen, gleich bleiben, stellt sich beim Betrachter bald eine neue Sehgewohnheit ein. In den weiten Aufnahmen sucht man nach der Erzählung und wird fündig.

Es ist ein Dreh um die Welt, der eigentlich nur den Weg einer einfachen Palette Holz nachzeichnet. Zimmermann beginnt seinen Film in österreichischen Nadelwäldern, hier wird ein Baum gefällt. Mit einem Gabelstapler führt er uns raus aus dem Wald, dann geht es weiter über Schienen zu Strassen, die letztlich über Land und Wasser tief in weit entfernte brasilianische Mangrovenwälder führen. Jeder Schnitt und jedes neue Panorama markiert eine Etappe in der Produktions- und Handelskette der Ware.

Zimmermanns Aufnahmen sind poetisch und doch klar. Er beweist mit seinem Film ein hohes Mass an Sensibilität für Raum und Bewegung, denn selbst die Anfahrt eines Gabelstaplers entwickelt hier Anmut und erscheint einem wie eine einstudierte Choreografie. Und doch hält Zimmermann seine Kamera immer auf Distanz, setzt falsche Fährten. Wenn die Kamera beispielsweise ganz nebenbei ein Frachtschiff einfängt, das eine Hebebrücke passiert. Auf der Zufahrt der Brücke stehen Fahrzeuge. Die Bewegung folgt aber nicht den Automobilen, sondern sie folgt weiter dem grossen Schiff – selbst als dieses hinter Industriebauten verschwindet und nur noch die Geräuschkulisse und die Kamerabewegung seine Präsenz aufrechterhalten.

Walden ist ein Experimentalfilm, der seinem Publikum Aufmerksamkeit abverlangt, der aber durch sein stringentes Setting auch eine hypnotische Wirkung entfalten kann. Nebenbei schafft Zimmermann es, unangestrengt die absurden Ausmasse unserer heutigen globalen Handelsbeziehungen aufzuzeigen. Daniel Zimmermann gewann mit Walden beim Zurich Film Festival den Förderpreis für den besten Schweizer Film im ganzen Programm 2018. (SP)

 

First published: October 11, 2018

Walden | Film | Daniel Zimmermann | CH-AT 2018 | 107’ | Zurich Film Festival 2018

Documentary Special Jury Prize at Karlovy Vary International Film Festival 2018

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