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Unclenching the Fists

Unclenching the Fists

[…] Auch das inzestuöse Begehren wird bloss als Möglichkeit angedeutet. Der Drang ist eher einer nach Nähe, Schutz, Zerstreuung und schliesslich Flucht.

[…] Wie Kira Kovalenkos zweiter Spielfilm diese kleinen und grossen Erschütterungen glaubhaft in kinetische und sensuelle Poesie zu übersetzen weiss, ist eine kleine Offenbarung.

Eine stark befahrene Strasse in einem Tal, flankiert von unwirtlichen Bergen. Eine kleine Siedlung namens Mizur mit 3000 Einwohnern, die hauptsächlich in der Minenarbeit tätig sind. Eine russische Republik namens Nordossetien-Alanien, die an Georgien, aber auch Tschetschenien grenzt. Die Geografie und die Geschichte erzählen von Gewalt. Ein Tunnel führt weg oder könnte zumindest etwas Neues bringen. Eine junge Frau, etwa 18 Jahre alt, steht an der Strasse und blickt zu dem Tunnel. Ihr Gesichtsausdruck ist schwer lesbar, denn der hochgezogene Reisverschluss ihrer Jacke bedeckt das halbe Gesicht – wie zum Schutz oder um einen Aufschrei gegen ihre Gefangenschaft zu unterdrücken. Von der Geografie, der Geschichte und den Männern. Ihre Augen sind wachsam und erwartungsvoll zugleich, verraten aber nichts. Die Kamera kann sich trotzdem nicht von ihnen lösen.

Geografie und Geschichte hinterlassen sichtbare und unsichtbare Narben. In der Gesellschaft, aber auch auf den einzelnen Körpern. Am Ende ist der Drang nach Freiheit aber stärker als die Angst. Ada (Milana Aguzarova) wartet auf ihren älteren Bruder Akim (Soslan Khugaev), dem die Flucht schon halbwegs gelungen ist, indem er Arbeit im Norden gefunden hat. Bald kommt er zurück, wenn auch widerwillig. Der jüngere Bruder Dakko (Khetag Bibilov) sieht in Ada eine Ersatzmutter, eine Schwester, vielleicht auch eine Liebhaberin. Oft besteht er darauf, in ihrem Bett zu schlafen, was Ada nicht zu stören scheint. Die Faust in der Tasche, die in Marco Bellocchios Film von 1965 schliesslich das Blut und die Erlösung bringt, ist hier, wie es der Titel andeutet, geöffnet oder zumindest im Begriff, sich zu öffnen. Auch das inzestuöse Begehren wird bloss als Möglichkeit angedeutet. Der Drang ist eher einer nach Nähe, Schutz, Zerstreuung und schliesslich Flucht.

Wenn Ada des Abends nach Hause kommt und Akims Jacke im Flur hängt, riecht sie als Erstes daran. Begehren nach einem Versprechen zum Ausbruch. Aus der Wohnung, wo der eifersüchtige Vater (Alik Karaev) herrscht. Er hält Adas Reisepass zurück, will nicht, dass sie ihre Haare lang trägt, und zwingt sie, ein neues Parfum auszuschütten. Aus der Siedlung, die nur die Vergangenheit kennt. Aus ihrem Körper, der ihr kaum gehört und der die traurigen Spuren dieser Vergangenheit trägt. Ein Mitarbeiter Adas bedrängt sie immer wieder, mit ihm zu gehen, mit ihm zu schlafen. Einmal willigt sie ein, weil sie eine Möglichkeit wittert, sich von der Familie zu lösen. Es endet natürlich in einer Enttäuschung, die Ada traurig erträgt, wie alles andere auch. Wenigstens meint es der Mitarbeiter nicht böse mit ihr.

Wie Kira Kovalenkos zweiter Spielfilm diese kleinen und grossen Erschütterungen glaubhaft in kinetische und sensuelle Poesie zu übersetzen weiss, ist eine kleine Offenbarung. Nicht nur weil es sich bei der ossetischen Sprache um eine Form des Iranischen handelt, erinnert Unclenching the Fists – besonders in seinem Schlussbild – an Abbas Kiarostamis Werk, ohne sich allerdings auf die ästhetische Wirkung von dessen distanzierter Langsamkeit verlassen zu können. Stattdessen bleibt die Kamera nahe bei den Körpern, die ihrerseits die gegenseitige Nähe suchen, weil Geografie und Geschichte bloss Kälte ausstossen. Die Kamera scheint von Adas Augen die vorsichtig abwartende Ungeduld übernommen zu haben, blickt fasziniert auf diesen vernarbten Mikrokosmos, in dem kleine Jungs Sprengkörper an eine Hausmauer werfen und die Männer, süchtig nach dem Trost der Frauen und Töchter, beim drohenden Entzug dieses Trostes ihrerseits mit Gewalt drohen.

Die Klüfte und die Risse, von denen die Landschaft und die Geschichte geprägt sind, ziehen sich mitten durch Adas Körper. Als Kind gehörte sie zu den Opfern eines terroristischen Angriffs (und des staatlichen Gegenangriffs), der diesen Ort vor 18 Jahren in die Mitte der globalen Aufmerksamkeit sprengte, um ihn bald darauf wieder vergessen zu lassen. Die Toten und die Narben sind jedoch geblieben. Was Unclenching the Fists definitiv nicht betreibt, ist konventionelle filmische Traumaverarbeitung. Kein Versuch, das Ereignis zu erklären, zu akzeptieren oder zu rächen. Es gehört von Beginn an zur geografischen und emotionalen Landschaft. Keine Affektstürme ziehen durch den Film, es ist, als ob der schmale, dunkle Tunnel, der vielleicht in die Freiheit führt, alle Gefühle weggesaugt hätte. Der intensivste Moment besteht aus einer stummen Umarmung in einem Club, im Hintergrund eine tschetschenische Ballade.

Wie kommt es, dass aus einer Gegend, die im Kino bisher noch kaum zu sehen war, in einer Sprache, die man im Kino bisher noch nicht gehört hat, plötzlich ein solch formal und emotional herausstechendes Werk auftaucht? Eine Erklärung findet man vielleicht in der Masterclass, die der russische Regisseur Alexander Sokurow vor einigen Jahren im nordkaukasischen Nalchik, unweit der kleinen ossetischen Siedlung, gab. Nebst Kira Kovalenko nahm da etwa auch Kantemir Balagov (Beanpole) teil. Sokurow habe seinen Studenten nicht etwa seinen eigenen Stil aufgedrängt, sondern sie dazu aufgefordert, die eigenen Geschichten zu erzählen. Also zu zeigen, wie sie lieben, leben, einander behandeln und wie ihre Familien funktionieren. Der eigenen Welt zuzuhören und sie so unverstellt wie möglich in eine Erzählung zu übersetzen. Unclenching the Fists macht Hoffnung, nicht nur für das russische Kino.

 

First published: February 09, 2022

Unclenching the Fists | Film | Kira Kovalenko | RUS 2021 | 97’ | Zurich Film Festival 2021, Black Movie Genève 2022

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