print-img
This Is Not a Burial, It's a Resurrection

This Is Not a Burial, It's a Resurrection

[…] Der Ausdruck von Unglaube auf Mantoas Gesicht, der eher einer absoluten Weigerung, zu glauben, entspricht, trägt vom ersten Moment an die Entschlossenheit in sich, dem Vorhaben ein Ende zu setzen. Es ist einer von zahlreichen Momenten, die diesen Film unvergesslich machen.

[…] Sie [Mary Twala] alleine erdet einen Film, der sich ins Unendliche ausdehnen zu wollen scheint, von der alten Erde bis zum unermesslichen Himmel, der seit Jahrhunderten die einzige Erlösung verkörpert, auf die das ausgebeutete Afrika noch hoffen darf.

Screenings in Swiss cinema theatres

Auch wenn die Bilder in ihrer hypnotischen Zeitlosigkeit zu den schönsten gehören, die man seit Langem im Kino sehen konnte, ist das erste Gefühl, das sich während Lemohang Jeremiah Moseses This Is Not a Burial, It’s a Resurrection bei mir einstellt, eines von profunder Fremdheit. Diese Aussage ist in der eigenen Überforderung mit einem Kunstwerk zu verstehen und ist keinesfalls als Kritik gemeint, im Gegenteil. Mosese versucht gar nicht erst, westliche ZuschauerInnen in diese Welt einzuladen, sondern präsentiert diese unverstellt, unbescheiden, unzugänglich. Man könnte sagen, dass diese Form auf eine gewisse Weise der Geografie Lesothos entspricht, jenem gebirgigen, von Südafrika umschlossen Königreich, aus dem nur äusserst selten Filme ihren Weg zu uns finden. Und auch wenn einem fast zwangsweise vieles in diesem Film verschlossen bleiben mag: Alleine die atemberaubenden Bilder von Landschaften, Bergen, Menschen und vor allem Farben, die man noch nie gesehen zu haben meint, brennen sich mit einer solchen Intensität ins Gedächtnis, dass sämtlicher narrativer, politischer und mythischer Kontext wie eine optionale (aber nicht minder faszinierende) Zugabe wirkt.

Eine Geschichte wird aber erzählt, und zwar auf die angemessenste Art und Weise, die man sich an diesem Ort zu dieser Zeit vorstellen kann. Sie beginnt, wie vieles in diesem Film, mit einer Irritation: In einem düsteren Raum – einer Art Bar nach dem Zusammenbruch der Zivilisation – spielt ein Mann (Jerry Mofokeng Wa Makhetha) auf einer Lesiba und erzählt von der Trauer und vom Widerstand der Witwe Mantoa (Mary Twala). Die Lesiba, ein Saiteninstrument, das mit dem Atem bespielt wird, ist die erste von den zahlreichen prägnanten Metaphern, die This Is Not a Burial ausmachen – wobei es sich nicht wirklich um Metaphern handelt, da diese direkt der Kultur und den sozialen Umständen Lesothos entspringen und diese gleichzeitig kommentieren, sodass eigentlich ein neues kritisches Vokabular nötig wäre, um deren Wirkung zu beschreiben. Was wiederum eine Metapher für den ganzen Film ist.

Die Witwe Mantoa jedenfalls steht nicht nur am körperlichen, sondern auch am spirituellen Ende ihres Lebens. Ihr Mann ist vor Jahren gestorben, die beiden Töchter auch. Einen Sohn hatte sie noch, der liess sich in den Minen Südafrikas ausbeuten. Als dieser eines Jahres nicht mehr heimkehrt, legt sich die achtzigjährige Mantoa ein Trauergewand an und wartet auf ihren eigenen Tod. Bei der Klage beim Gemeindevorsteher über den Müll, mit dem der Dorffriedhof übersät ist, auf dem sie neben ihren Angehörigen und Ahnen begraben werden will, entgegnet dieser, dass er im Moment andere Sorgen habe. Ein Staudamm soll gebaut werden, der das Dorf samt Friedhof überfluten wird. Die Bevölkerung werde umgesiedelt.

Der Ausdruck von Unglaube auf Mantoas Gesicht, der eher einer absoluten Weigerung, zu glauben, entspricht, trägt vom ersten Moment an die Entschlossenheit in sich, dem Vorhaben ein Ende zu setzen. Es ist einer von zahlreichen Momenten, die diesen Film unvergesslich machen. Mögen es auf den ersten Blick die Landschaften und die Farben gewesen sein, die dem um Halt suchenden Zuschauer eine Art ästhetische Stütze bieten, wird es im Verlauf des Films immer mehr das zerfurchte, entschlossene Gesicht von Mary Twala, der grossen südafrikanischen Schauspielerin, die letztes Jahr verstorben ist. Sie alleine erdet einen Film, der sich ins Unendliche ausdehnen zu wollen scheint, von der alten Erde bis zum unermesslichen Himmel, der seit Jahrhunderten die einzige Erlösung zu verkörpert, auf die das ausgebeutete Afrika noch hoffen darf.

Es ist diese enorme Spannweite, die This Is Not a Burial so irritierend und auch anstrengend macht – und gleichzeitig so beeindruckend, weil jenes metaphorische Spannseil, das wahrscheinlich mit dem Körper und vor allem dem Gesicht Mary Twalas in all seiner Trauer und Resolution identisch ist, den enormen Kräften standhält. Worte braucht sie dazu kaum: Die berührendsten Szenen sind jene, in denen Mantoa alleine in der Bildmitte verweilt – sei es im farbenvollen Blumenfeld oder in ihrem Haus, inmitten stechend blauer Wandtücher. Einmal, fast zu Beginn des Filmes, tanzt sie mit einem unsichtbaren Partner – ein Bild, das in seiner würdevollen Traurigkeit fast unerträglich ist. Nie sieht man sie weinen, selbst als ihr dazu geraten wird.

Die Gegend heisst eigentlich Nasaretha – wie Nazareth –, aber die Einheimischen nennen sie die Ebene der Tränen. Früher, als die Pest herrschte, brachten die Menschen ihre Kranken über die Berge in die Stadt, aber die meisten starben noch unterwegs. Die Menschen weinten, begruben ihre Toten und blieben. Die Missionare, der neue Glaube und der fremde Name kamen erst später. «Der Friedhof ist das Dorf», sagt Mantoa einmal, ihr Platz auf diesem das Einzige, was sie noch interessiert. Aber der Tod scheint sie vergessen zu haben. Einzig dass das Wasser kommen und alles unter sich begraben wird, ist unausweichlich. Der Widerstand einer kleinen Dorfbevölkerung gegenüber den wirtschaftlichen und neokolonialen Interessen, zu dem Mantoa diese sanft aufwiegelt, ist natürlich, selbst wenn der Film dies nur andeutet, zum Scheitern verurteilt. Die Politik verweilt in dem Film einerseits im diffusen Hintergrund, andererseits ist sie hochkonkret, denn man sieht ihre Bedingungen und ihre Folgen.

Und dann ist das mit dem Wasser, mit dem die Ebene geflutet werden soll, natürlich auch wieder eine jener Metaphern. Für die Zeit, die ihren Weg auch zu den entlegensten Orten findet und sich da mittels der Münder der Politiker als Fortschritt ausgibt. Der alte Baum im Zentrum des Dorfes, vor dem sich der Gemeindevorsteher heuchlerisch in Szene setzt, als er den Bewohnern die Neuigkeit vom Staudamm als Sieg verkaufen will, wird am Ende von Männern in gelben Schutzanzügen gefällt, die schon während des ganzen Filmes im perfekt kadrierten Hintergrund herumgegeistert sind. Mantoa, durch ihre Trauer von allen Illusionen befreit, glaubt ihm kein Wort, erkennt das Versprechen von Fortschritt als die Täuschung, die es ist. Waren es früher die Missionare und die Kolonisten, sind es heute die ausländischen Unternehmen, welche die Seele des Landes profitversprechend abschöpfen wollen. Was bleibt aber, wenn alle Hoffnung, aller Glaube und alles Vertrauen in all jene verschwunden ist, die einem die friedliche Ruhe in einem Grab neben den Ahnen garantieren sollen? Nur der Widerstand. Er ist die Auferstehung, die der Titel verspricht.

 

First published: July 01, 2021

This Is Not a Burial, It’s a Resurrection | Film | Lemohang Jeremiah Mosese | LSO 2019 | 120’ | Special Mention oft he Jury at Bildrausch Filmfest Basel 2021

More Info 

Explore more

Newsletter Subscription

Subscribe to our newsletter and stay in touch