print-img
The Souvenir

The Souvenir

[…] Joanna Hoggs Film, von der eigenen Biografie inspiriert, interessiert sich nicht für festgefrorene Momente, sondern für Bewegungen, innere Prozesse und Erfahrungen – für das Werden.

[…] Film ist Leben und das Gegenteil davon, und in «The Souvenir» werden er und die Filmschule, die Julie besucht, schon bald ziemlich unwichtig. Weil die Erfahrung einer Beziehung zu einem Heroinabhängigen erst einmal die bessere Schule ist.

Einmal, gegen Ende von Joanna Hoggs The Souvenir, der nach einem Rokoko-Gemälde von Jean-Honoré Fragonard benannt ist, sieht man Julie konzentriert an ihrer Schreibmaschine sitzend arbeiten. Die Einstellung steht plötzlich da und etwas losgelöst von der Handlung, die im Allgemeinen nicht sehr gradlinig erzählt wird, und ich war einen Moment wie berauscht von der Schönheit dieses Bildes. Die Farben sind gedeckt, leise wie der Rest des Films; die Protagonistin spiegelt sich in einer Doppelglasscheibe, was das Bild nicht unscharf macht, sondern sanft verdoppelt, auch wenn der Effekt ein ähnlicher ist. Julie, die Filmstudentin im London der 80er-Jahre ist, schreibt an einem Drehbuch, doch der Film hält sich kaum mit weiteren Details auf. Joanna Hoggs Film, von der eigenen Biografie inspiriert, interessiert sich nicht für festgefrorene Momente, sondern für Bewegungen, innere Prozesse und Erfahrungen – für das Werden. Das individuell empfundene Leben, so liesse sich dieser unglaublich schöne Film deuten, lässt sich weder in der Summe seiner Momente fassen, noch lässt es sich überhaupt auf eine Weise wiedergeben, die seiner zentralen Eigenschaft als Abfolge von Glück und Trauer, halb erinnerten Begegnungen und heftigem, aber unbedachtem Begehren gerecht werden.

Nichts illustriert dies besser als das Gesicht der Hauptdarstellerin Honor Swinton-Byrne (die Tochter von Tilda Swinton in ihrer ersten Rolle), das ununterbrochen auf die Welt reagiert – auf deren Herausforderungen, auf die schönen und schrecklichen Dramen, auf die Liebe – und dabei die inneren chaotischen Prozesse auf sanfte, aber bewegende Art nach aussen projiziert. «She’s very much in love», ist ihre Deutung des kaum erkennbaren Gesichtsausdrucks der Frau auf dem namensstiftenden Gemälde, die den Anfangsbuchstaben vom Namen des Geliebten in den Baum ritzt.

Die Liebe in The Souvenir kommt schleichend, zeichnet sich erst kaum merkbar, dann immer deutlicher in Julies Gesicht ab, vor allem in ihren Augen, bis sie dann plötzlich und unnachgiebig da ist. Sie hat sich auf eine der zahlreichen Partys geschlichen, auf denen Julie mit ihrer Bolex-Kamera unterwegs ist, mit dem Rücken zu uns, in Begleitung einer Bekannten, während man noch in endlose Gespräche vertieft ist, die man nur halb versteht, oder die einen nur halb verstehen. Er heisst Anthony (Tom Burke), ist etwas älter und wirkt weltgewandt, intellektuell. Er hört Julie zu, stellt ihr Fragen, fordert sie heraus, nimmt sie ernst. Er kritisiert ihr Filmprojekt, mit dem sie sich ein wenig von ihrer Upper-Class-Herkunft loslösen will, indem sie auf die Nöte der Arbeiter in Nordengland aufmerksam macht. Das Projekt ist aufrichtig (Teile davon sehen wir ganz am Anfang des Films), doch Aufrichtigkeit und Authentizität alleine bedeuteten nichts ohne tieferen Zweck, sagt Anthony, doch er sagt es mit einer Nachsichtigkeit, die ihr die Dozenten auf der Filmschule nicht entgegenbringen (können). Als sie sich das nächste Mal treffen, in einem barocken Restaurant, wie es sie nur in London geben kann, steht die Kamera – und damit unser Blick – plötzlich weiter entfernt, zeigt alles klar (in seiner Barockheit). Die Welt hat eine neue Qualität angenommen. Anthony zieht bei Julie ein, unter einem Vorwand zuerst, betreffend seine Arbeit im Foreign Office. Man teilt das Bett, doch die Seiten werden klar zugeteilt, eine Armee aus Plüschtieren bewacht die Grenzen, die manchmal neu verhandelt werden. Eine Weile später, Anthony war in Paris, ein Geschenk, Spitzenwäsche. Zieh sie an, befiehlt er. Sie gehorcht. Am nächsten Morgen entdeckt Julie kleine punktförmige Wunden an Anthonys Arm. Hast du dich verletzt, fragt sie besorgt. Das ist nichts, sagt er.

Da ist natürlich doch etwas, doch das erkennt Julie erst, als ein Bekannter (Richard Ayoade) sie fragt, wie sie, junge, intelligente Studentin aus gutem Hause, mit einem Heroinabhängigen zusammengekommen sei. Er bringe das nicht ganz zusammen. Da ist es schon längst zu spät, die Welt und die Liebe, wie sie sind, bewegen sich unaufhaltsam vorwärts. Man fährt nach Venedig. Die Beziehung hat einen neuen Farbton, aber sie ist immer noch eine Beziehung. Der Film vermittelt dies nicht mit Dialogen, sondern durch Blicke, Bilder und Körper. Die Kamera steht jetzt fast immer weiter entfernt, auch wenn Julies Wohnung eng ist. Dafür ist sie lichtdurchflutet und voller Spiegel, durch die sich die Protagonisten jederzeit beobachten lassen. Oder auch durch offene Türen, distanziert und leicht gebrochen, aber doch auf eine Weise nah – wie im Bild mit der Schreibmaschine. Ein bisschen Distanz muss sein, die hat auch Joanna Hogg zu ihrer eigenen Geschichte, die sich ähnlich zugetragen haben soll, aber natürlich auch gar nicht, denn wir sehen hier einen Film, nicht das Leben, und schon gar nicht die Vergangenheit. The Souvenir ist kein Film über die Vergangenheit, jedenfalls nicht in dem Sinne, als er etwas Vergangenes thematisiert. Eigentlich fällt mir kaum ein anderer Film ein, der dermassen gegenwärtig ist, was vor allem mit Honor Swinton-Byrnes Spiel und den Einstellungen von David Raedecker zu tun hat. Dazu passt, dass das Schlussbild eine riesige offene Tür ist.

The Souvenir ist auch ein Film über das Kino, über dessen Schönheit und Macht, aber auch über seine Unzulänglichkeiten. Die Filmstudentin Julie ist ein bisschen naiv, wie es alle Studenten sind. Die Lehrer geben gut gemeinte Ratschläge. So wie jenen, dass die Beschäftigung mit einem Thema immer an die eigene Erfahrung geknüpft werden müsse. Richard Ayoade hingegen sagt, dass Filmschulen dazu da seien, Filmequipment zur Verfügung zu stellen. Eine Ahnung davon, was ein Film sei, habe sowieso niemand. Das ist keine Kritik, sondern eine Befreiung. Film kann sein, was auch immer er sein will, und wenn es einem gelingt, aus der eigenen Erfahrung so etwas wie Kunst zu machen, dann umso besser. Film ist Leben und das Gegenteil davon, und in The Souvenir werden er und die Filmschule, die Julie besucht, schon bald ziemlich unwichtig. Weil die Erfahrung einer Beziehung zu einem Heroinabhängigen erst einmal die bessere Schule ist. Ganz tief kann Julie nicht fallen, da sie ja doch aus eher besserem und vor allem nachsichtigem Hause kommt, und ihre Mutter (Tilda Swinton, fürsorglich nicht nur in ihrer Rolle, sondern insbesondere auch darin, wie sie ihrer Tochter Platz lässt) keine allzu unangenehmen Fragen stellt, wenn Julie sie nach Geld für Equipment fragt, so wie Julie auch Anthony keine Fragen stellt, wenn er sie um zehn oder fünfzig Pfund bittet und für einige Stunden oder Tage verschwindet. Es gibt keine Frage, die mehr am Wesentlichen vorbeischiesst, als die, warum Julie die Beziehung zu Anthony nicht abbricht. Wie sehr ein Spielfilm – also einer mit Drehbuch, Schauspielern und anständiger Finanzierung – niemals wirklich authentisch und/oder autobiografisch sein kann, ist The Souvenir eine der schönsten authentischen filmischen Autobiografien, die ich mir vorstellen kann. Und Filme, bei denen ein reflektierteres Schwärmen angebracht ist, gibt es schon genug.

First published: June 25, 2019

The Souvenir | Film | Joanna Hogg | UK 2019 | 119’ | Bildrausch Filmfest Basel 2019

World Cinema Dramatic Grand Jury Prize at Sundance Festival 2019

More Info 

Explore more

Newsletter Subscription

Subscribe to our newsletter and stay in touch