The Case Against Space
[…] Paradoxerweise führt die Distanz zu Reibung, die wiederum Wärme und Licht ins Geschehen bringt: zwischen Original und Rekonstruktion, behaupteter Realität und poetischem Rausch, Heldentum und Ausbeutung, Kapital und Mensch.
Text: Dominic Schmid
Offiziell betrachtet geschah am 28. Dezember 1973 nichts Besonderes im Weltraum. NASA, die Historiker:innen wie auch die drei Astronauten der dritten und längsten Skylab-Mission «Skylab 4» bestritten stets, dass der Aussetzer in der Kommunikation während einer ganzen orbitalen Erdumrundung – ein unerhörter Vorfall in der Geschichte der bemannten Raumfahrt – als Arbeitsverweigerung, gar als Streik angesehen werden könnte. Nichts hatte es mit der psychischen und körperlichen Erschöpfung der seit gut sechs Wochen unter Dauerstress stehenden Astronauten zu tun, genauso wenig wie das «klärende Gespräch» kurz darauf, nachdem endlich die Arbeitslast der Crew reduziert worden war, eine direkte Folge davon war. Die in Skylab durchgeführten Experimente brachten Wissenschaft und Medizin voran, ihre über 60’000 Fotografien der Erdkugel in verschiedenen Wellenlängen machten die Welt «in all ihrem verborgenen Potenzial» sichtbar: unerschlossene Ölfelder, Kupfervorkommen unter indigenem Land – die Schlachtfelder des Kapitalismus in der Zukunft. Wer sollte da schon Musse für den Arbeitskampf finden. Keiner der drei Astronauten nahm nach diesen Vorkommnissen jemals wieder an einer Weltraummission teil. Ihr Rekord von 84 Tagen im All sollte erst vier Jahre später von sowjetischen Kosmonauten gebrochen werden. Mittlerweile liegt er bei weit über einem Jahr.
Nähe und Distanz
Künstler und Filmemacher Graeme Arnfield, der in seinem vorherigen Film Home Invasion eine direkte Linie von der Erfindung der Türklingel zur heutigen Überwachungsgesellschaft zog, hat die verantwortliche Stelle bei der NASA so lange genervt, bis ihm diese endlich das fünfzig Jahre alte, 60’000 Seiten umfassende Transkript der Mission zur Verfügung stellte. Er las alles durch, auch die technischen Passagen, und beschloss, einen Film daraus zu machen. Schauspieler:innen ohne jegliche Ähnlichkeit mit den realen Personen (und ohne Übermass an Schauspielerfahrung) «verkörpern» die relevanten Stellen im Transkript und ergänzen dieses mit den nötigen Informationen, sodass wie mit cutting edge-Technologie auch das Ungesagte und Unsichtbare hör- und sichtbar wird. Das Ganze dokumentiert Arnfield mit alten CCTV-Kameras, deren Bilder er mit minimalistisch-synthetischen Klängen hinterlegt. Zweimal wird es kurz farbig: als es der Crew als erster überhaupt gelingt, (hypnotische) Aufnahmen von Protuberanzen (Materieströmen) auf der Sonnenoberfläche zu erstellen, und dann, als sie aus leeren Konservendosen einen Weihnachtsbaum baut – eine Aktion, die Arnfield in einen irdischen Wald verlegt. Paradoxerweise führt die Distanz zu Reibung, die wiederum Wärme und Licht ins Geschehen bringt: zwischen Original und Rekonstruktion, behaupteter Realität und poetischem Rausch, Heldentum und Ausbeutung, Kapital und Mensch.
Im Weltraum hört dich niemand streiken
Was wiegt schwerer: die Freude darüber, dass sogar im Weltraum gestreikt werden kann, oder die Enttäuschung, dass sogar im Weltraum gestreikt werden muss? Oder spielt das in der Schwerelosigkeit innerhalb der 275 m³ grossen Raumstation ohnehin keine Rolle? Was genau ist The Case Against Space – das vom Film angeführte Argument gegen den Weltraum? Dass der Mensch genauso wenig dafür gemacht ist wie für die Existenz in einem System, in dem Zeit und Raum nur noch Tauschwerte sind? Und deshalb die Zukunft jenen gehören wird, die sie als Erste für sich und ihr börsennotiertes Privatunternehmen beanspruchen, indem sie irgendein Symbol in ihr Herz rammen und behaupten, sie seien jetzt die rechtmässigen Besitzer? Gründe, dagegen in den Streik zu treten, gibt es so viele wie Lichter am Nachthimmel. Auch unter diesen sind immer mehr menschengemacht.
Info
The Case Against Space | Film | Graeme Arnfield | UK-FR 2026 | 72’ | Special Mention in the Competition Burning Lights at Visions du Réel Nyon 2026
First published: May 07, 2026