print-img
Teret

Teret

[…] «Teret» ist auch eine Reise in die Vergangenheit. Es ist kein Zufall, dass der Fahrer auf seinem Weg an einem der monumentalen sozialistischen Denkmäler des jugoslawischen Architekten Bogdan Bogdanović vorbeikommt.

[…] Der Regisseur versetzt seine Erzählung mit historischen Referenzen, die eventuell nur geschichtskundige Zuschauer zu verstehen vermögen. Damit erteilt der Regisseur seinem Publikum jedoch keinen Nachhilfeunterricht, sondern verleiht dem Film eine Art soziale Dichte, welche die Entfremdung der Menschen von ihrer Umgebung umso deutlicher hervortreten lässt.

Irgendwo im Kosovo am Rande eines Kriegsschauplatzes setzt Vlada sich hinter das Lenkrad eines LKW und fährt, betraut mit einer ihm unbekannten Fracht, gegen Norden. Für ihn ist es ein Auftragsjob, den er nun schon zum dritten Mal für das serbische Militär ausführt. Fragen stellt er nur, als es um seinen bescheidenen Lohn geht. Ognjen Glavonićs Antiheld in Teret (The Load) ist am Anfang seines Roadtrips alleine Richtung Hauptstadt unterwegs. Er fährt über unwegsame Strassen, durchquert menschenleere Vororte, kommt an brennenden Autos vorbei und entfernt sich langsam von den kriegsmüden Städten, in denen sich Albaner und Serben unerbittlich bekämpfen. Scheinbar gefasst und teilnahmslos lässt er alles an sich vorüberziehen, er will so schnell wie möglich ankommen. Immer wieder scheppert und klopft es von hinten an sein Führerhaus, so, als wollte sich sein Gewissen zu Wort melden. Er kommt zu einer Barrikade, die ihn dazu zwingt, von der direkten Strasse nach Belgrad abzukommen. Von da an beginnt Vladas Suche nach dem richtigen Weg.

Teret ist auch eine Reise in die Vergangenheit. Es ist kein Zufall, dass der Fahrer auf seinem Weg an einem der monumentalen sozialistischen Denkmäler des jugoslawischen Architekten Bogdan Bogdanović vorbeikommt – das Mausoleum Popina erinnert an die erste Schlacht der antifaschistischen Partisanen gegen die Nazis. In dieser eindrucksvollen Kulisse wird klar, dass es sich bei dem Denkmal um ein Relikt aus längst vergangenen Zeiten handelt. Es wird deutlich, dass die Ideale von damals nicht mehr wegweisend sind. Zwangsläufig stellt sich die Frage, welche Spuren Valdas Generation hinterlässt – oder verwischt? Der Regisseur versetzt seine Erzählung mit historischen Referenzen, die eventuell nur geschichtskundige Zuschauer zu verstehen vermögen. Damit erteilt der Regisseur seinem Publikum jedoch keinen Nachhilfeunterricht, sondern verleiht dem Film eine Art soziale Dichte, welche die Entfremdung der Menschen von ihrer Umgebung umso deutlicher hervortreten lässt.

Diese Entfremdung lässt sich auch in den kleinen Nebengeschichten erkennen, die Glavonić konsequent zulässt. Der Blick schweift ab, wendet sich anderen Protagonisten zu, die ebenso befangen und ratlos daherkommen. Indem die Kamera nicht bloss an der Hauptfigur festhält, erzwingt sie nicht ihre Katharsis, sondern bietet ihr Raum und Zeit. Das Gewissen, das zuvor als ein Klopfen dezent im Hintergrund blieb, wird nun durch einen Jungen verkörpert, den Vlada als Anhalter mitnimmt. Erst durch ihn wird es möglich, den Elefanten im Raum, die Last, die sie transportieren, anzusprechen.

Ognjen Glavonić hat über acht Jahre an dem Spielfilm gearbeitet und seine Recherchen über das vertuschte Kriegsverbrechen in dem Dokumentarfilm Depth Two öffentlich gemacht. Teret geht einen anderen Weg und stellt die Fragen nach Mitverantwortung und Mittäterschaft. Mehr noch, er findet einen Ausdruck dafür: Er erzeugt das Gefühl einer gelähmten Rastlosigkeit. Glavonić beschreibt in seinem Film Fluchtbewegungen, die stets von einer alles überragenden Last eingeholt werden.

First published: May 31, 2019

Teret | Film | Ognjen Glavonić | SRB-FR-HR-IRN-QAT 2018 | 98’

More Info

Screenings in Swiss cinema theatres 

Explore more

Newsletter Subscription

Subscribe to our newsletter and stay in touch