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Tempestad

Tempestad

[…] Obwohl der Film Menschenhandel thematisiert, muss man ihn auch verorten in der Thematik der Femizide. Die gezielte Tötung von Frauen aufgrund ihres Geschlechts hängt wie ein weiteres drohendes Gewitter über der ganzen Szenerie.

[…] Huezo perfektioniert hier das Stilmittel der illustrativen Abstraktion, das man in Dokumentarfilmen teils vermisst. Nie weiss man, ob hier Originalschauplätze zu sehen sind. Das tut aber der Glaubwürdigkeit der Aussagen keinen Abbruch.

Mexiko ist Land unter. Es versinkt in seinem eigenen Morast aus Gewalt und Leid. Mexiko ist Land unter unkontrollierbarer Kriminalität, Land unter korrumpiertem Staat, Land unter unaufhörlichen Verbrechen an Frauen, Land unter Angst und Straflosigkeit. Im aussergewöhnlichen Dokumentarfilm Tempestad von Tatiana Huezo ist Mexiko auch ein Land im Sturm – und zwar wortwörtlich. «Tempestad» bedeutet auf Spanisch Unwetter oder Sturm und ist eine direkte Anspielung auf die eindrückliche und eigenwillige Bildsprache des Films, der an den Solothurner Filmtagen gezeigt wurde. Gewitterwolken, Regengüsse und Sturmwinde, die unbeteiligt über verlassene Landschaften und verwitterte Gebäude hinwegziehen, sind omnipräsent in diesem Werk, das die Erzählungen der zwei Frauen Miriam und Adela ineinander verwebt. Die Sturmnässe ist in diesem Film Symbol für sinnlos vergossene Tränen, für unnötig versprühten Angstschweiss und insbesondere für das Wasser auf den Mühlen der Kriminalität, die Mexiko wie eine Sintflut paralysiert.

Wirkliche Tränen bekommt man im Film allerdings sehr selten zu sehen: Miriam wird nie gezeigt, Adela sieht man im Alltag, aber auch ihre Stimme ist fast nur im Off zu hören. Erstere stammt aus dem Süden Mexikos und berichtet davon, wie sie völlig willkürlich des Menschenhandels angeklagt und in ein Gefängnis im Norden des Landes verfrachtet wurde. Miriam war Bauernopfer der Regierung, die im Kampf gegen organisiertes Verbrechen Taten vorzeigen musste. So wurde sie stellvertretend ins Gefängnis verfrachtet ohne irgendeinen Beweis. «Pagadora», «Zahlende», nennt man Miriams Absitzen in dieser kafkaesken Justiz, die nur auf Gemüterberuhigung abzielt statt auf die Suche nach Schuldigen. Und als wäre dem nicht genug: Miriam landet in einem von Drogenkartellen selbstverwalteten Gefängnis, das ihre Verwandten um Geld erpresst. Erzählen kann sie ihre Geschichte, weil sie so plötzlich entlassen wurde, wie sie eingesperrt wurde. Von einem Tag auf den anderen kann sie ihre Heimreise durch das Land unter antreten, was bildlich unterstrichen wird von vielen anonymen Menschen, die Huezo beim Busfahren aufgenommen hat. Durch den ganzen Film hindurch sieht man schlafende, aus dem Fenster starrende und in Gedanken versunkene Passagiere. Sie sind eine Art stumme Zeugen, die die nächsten Opfer oder Täter sein könnten. Denn wer weiss das noch in Huezos Mexiko, wo jedem alles passieren kann.

Die Clownin Adela ist auf der Leinwand zu sehen, aber fast nie, wenn sie erzählt und ihre Stimme bricht. Ihre Tränen versiegen wohl nie, solange sie nicht weiss, ob ihre Tochter noch lebt oder wo ihre Leiche liegt. Ihre Tochter wurde vor zehn Jahren von Menschenschmugglern entführt. Zeitweise wurde von ihrer Familie Schutzgeld erpresst und sie mussten sich sogar vor der Polizei verstecken, die mit den Entführern zusammengearbeitet hatte. Immer wieder schwenkt die Kamera auf Mädchen und junge Frauen, die Adela im Zirkus ausbildet, die im Bus sitzen oder auf dem Markt arbeiten. Obwohl alltägliche Szenen zu sehen sind, steigert sich die Beklemmung ins Unermessliche: Was haben sie erlebt? Sind sie gar die Protagonistin Miriam selbst? Und was könnte ihnen alles noch zustossen? Obwohl der Film Menschenhandel thematisiert, muss man ihn auch verorten in der Thematik der Femizide. Die gezielte Tötung von Frauen aufgrund ihres Geschlechts hängt wie ein weiteres drohendes Gewitter über der ganzen Szenerie. Femizide, die in erschreckend hoher Zahl in Mittelamerika und Mexiko ausgeübt werden, finden aufgrund der machoid geprägten Kultur selten Aufklärung oder strafrechtliche Verfolgung. Auch wenn im Film nie davon gesprochen wird, fürchtet man bei jedem Satz, dass Adela erzählen wird, wie ihre Tochter mehrfach vergewaltigt und leblos an einem Strassenrand gefunden wurde. Man findet sich wieder in Roberto Bolaños Roman 2666, der die seit 1993 (!) anhaltende Femizidserie in Ciudad Juárez beschreibt. Darin sind Drogenkartelle, Politik, Justiz und Polizei derart destruktiv miteinander verstrickt, dass das anhaltende Frauen- und Journalistensterben niemanden erstaunt.

In Tempestad dominieren darum neben den Naturaufnahmen Bilder von einer männlich konnotierten Gewaltmacht in Form von Polizeikorps, die Strassen bewachen und Personen kontrollieren. Durch den Film steigern sich die Aufnahmen in Vermischung mit den Erzählungen der Protagonistinnen zu einer immer bedrohlicheren Symbolik. Anfangs sehen wir Beamte, die ihre Machtposition ausnutzen, später sehen wir mit Kriegshelmen und MG ausgestattete Polizisten, die ohne Ton, aber mit blinkenden Lichtern einen Passagierbus überholen. Bedrohlich und invasiv bahnen sie sich hier ihren Weg. Schliesslich zeigt Huezo die Polizisten als eine Art Boten der Apokalypse. Ungestellt, aber dennoch unglaublich bildmächtig hat die Regisseurin hier vermummte und wegen einem Gewitter in schwarze Pelerinen gehüllte Polizisten gefilmt. Sie wirken wie der gesichtslose Sensemann unter seiner Kapuze oder die Nazgul-Reiter aus Herr der Ringe. Grässliche, grausame Wesen, die die Untertanen im totalitären Regime kontrollieren.

Huezo perfektioniert hier das Stilmittel der illustrativen Abstraktion, das man in Dokumentarfilmen teils vermisst. Nie weiss man, ob hier Originalschauplätze zu sehen sind. Das tut aber der Glaubwürdigkeit der Aussagen keinen Abbruch. Diese Bildsprache entwickelte die mexikanisch-salvadorianische Regisseurin schon in ihrem ersten und mehrfach preisgekrönten Langspieldokumentarfilm von 2011, El lugar más pequeño, über die Folgen des Bürgerkriegs in El Salvador. Solch ausserordentliche Bilder verwebt Huezo mit einem unauffälligen, aber elementaren Geräuschteppich aus der Natur. Damit und mit den Stimmen aus dem Off erhalten die Bilder ein starkes Eigenleben. Ja, sie fungieren eigentlich als dritte Hauptfigur. Vice versa sind es wiederum die Bilder, die den Einzelschicksalen eine ungeheuerliche Allgemeingültigkeit verleihen. Die Schicksale verkommen zu einer einzigen Regentropfenspur unter unendlich vielen.

First published: February 04, 2019

Tempestad | Film | Tatiana Huezo | MEX 2016 | 105’ | Solothurner Filmtage 2019

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