Tear Gas
[…] Immer wieder droht die Wirklichkeit die Fiktion regelrecht zu verschlucken.
Text: Sarah Stutte
Wo endet die Fiktion und wo beginnt die Wirklichkeit? In Tear Gas lässt sich diese Frage irgendwann kaum noch beantworten. Der georgische Regisseur Uta Beria schickt seine Schauspielerinnen und Schauspieler mitten hinein in die realen Anti-Regierungs-Proteste von Tbilisi. Inmitten der Demonstrierenden bewegt sich die 16-jährige Elene, deren vom Krieg gezeichnete Familie nicht nur mit den politischen Konflikten des Landes, sondern auch mit den eigenen zu kämpfen hat.
Beria verbindet ihre fiktive Geschichte mit dokumentarischen Aufnahmen tatsächlicher Demonstrationen – und findet dafür ein ebenso riskantes wie faszinierendes Stilmittel. Kameramann Goga Devdariani filmt teilweise mit langen Brennweiten aus grosser Entfernung. Zwischen Kamera und Darstellern befinden sich Tausende reale Menschen. Die Schauspieler wussten deshalb nicht immer, wann sie überhaupt im Bild waren, und blieben über Stunden in ihren Rollen, während um sie herum etwas geschah, das niemand inszenieren konnte.
Daraus entwickelt Tear Gas eine enorme Unmittelbarkeit. Elene bewegt sich nicht durch eine für sie arrangierte Kulisse, sondern durch Geschichte, während sie gerade geschieht. Immer wieder droht die Wirklichkeit die Fiktion regelrecht zu verschlucken. Das ist zugleich die grosse Stärke und eine kleine Schwäche des Films: Gegen die Wucht der realen Protestbilder wirkt das Familiendrama bisweilen fast konventionell. Man möchte den Blick immer wieder von den Figuren lösen und auf jene Menschen richten, die hinter ihnen tatsächlich um die Zukunft ihres Landes kämpfen. Doch gerade dieses Spannungsverhältnis macht Tear Gas sehenswert. Denn Beria benutzt die Demonstrationen nicht als spektakulären Hintergrund. Das Politische dringt vielmehr in die Familie ein – und das Private lässt sich irgendwann nicht mehr davon trennen.
Auch die Entstehungsgeschichte verleiht dem Film zusätzliche Brisanz. Beria berichtet von institutionellem Druck auf unabhängige Filmschaffende und davon, dass zugesagte Fördergelder des Georgian National Film Center nicht vollständig ausbezahlt worden seien. Vor der Weltpremiere in Locarno habe das Filmteam zudem ein Schreiben erhalten, in dem das Zentrum einer öffentlichen Vorführung widersprochen habe. Beria selbst bezeichnet Tear Gas als einen «Akt des Widerstands».
Der Titel bringt dessen Idee auf den Punkt. Tränengas soll Menschen auseinandertreiben, ihnen die Luft nehmen und sie zur Flucht zwingen. Beria beobachtet jedoch das Gegenteil: In der Panik suchen Menschen einander, halten sich fest und versuchen, niemanden zu verlieren. So wird ausgerechnet eine Waffe, die eine Menge zerstreuen soll, zum Symbol ihrer Verbundenheit. Und aus einem Spielfilm, der sich unter reale Protestierende mischt, selbst ein Stück Widerstand.
Info
Tear Gas | Film | Uta Beria | GEO-FR-DE 2026 | 96’ | Locarno Film Festival 2026
First published: August 21, 2026