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Suburban Birds

Ein Tunnelbau bringt in «Suburban Birds» nicht nur die Erde zum Wanken, sondern auch die filmische Erzählung. In Locarno lief das visuell hypnotische Debüt in der Reihe «Cineasti del Presente».

[…] So streng die Bilder von Qiu Sheng und seinem Kameramann Xu Ranjun komponiert sein mögen, so stark spricht aus ihnen die Verspieltheit eines Debüts. Die Stärken des ersten Langspielfilm des studierten Biomediziners liegen in seiner visuellen Sprache.

[…] Es ist diese Spannung zwischen Technik und Natur, Modernisierung und Tradition, die im Kern von «Suburban Birds» steckt.

Die Unterhöhlung der Erde verschiebt in Jiao qu de niao (Suburban Birds) nicht nur die Topografie der Landschaft, sondern auch die Zeitebenen der Erzählung. Der junge Ingenieur Xia Hao (Lee Mason) wird in die chinesische Provinz geschickt, um mit seinem Team seismografische Messungen vorzunehmen. Ein Tunnelbau für den neuen «Light Train» brachte die darüber liegenden Gebäude ins Wanken. Xia Hao misst nun mit Wasserwagen und durch die Linsen seiner Instrumente die Verschiebungen an den betroffenen Wohnblocks, Brückenpfeilern und einer Grundschule. Die Kamera schaut ihm dabei über die Schulter und  antizipiert seinen mechanisierten Blick durch die Linsen. Manchmal bewegt sie sich gleichsam autonom im Raum: In scheinbar suchenden Zooms fokussiert sie auf unbedeutende Details der Bildausschnitte, um gleich darauf wieder in die Totale zu wechseln. Sprechende Figuren rutschen ihr dabei manchmal aus dem Bild oder verliert sie sich gleich ganz in der selbstvergessenen Kontemplation der Bilder: Bei einer Messung unter einer Brücke ist ein Spiegel an einen Pfeiler gelehnt, darin rattert ein reflektierter Güterzug vorbei. Gleichzeitig werfen die Scheiben des Zuges flackernde Reflektionen auf den Boden vorm Spiegel. Davon unbeeindruckt gehen die Ingenieure daneben ihrer Arbeit nach. Es ist eines der eindrücklichen Tableau Vivants dieses jungen chinesischen Regisseurs. So streng die Bilder von Qiu Sheng und seinem Kameramann Xu Ranjun komponiert sein mögen, so stark spricht aus ihnen die Verspieltheit eines Debüts. Die Stärken des ersten Langspielfilm des studierten Biomediziners liegen in seiner visuellen Sprache.

Je weiter die Untersuchungen der Ingenieure voranschreiten, desto rätselhafter wird die Handlung. Der Ingenieur Hao hat inzwischen eine Affäre mit einer Hotelnachbarin begonnen. Genau wie Hao lebt sie nicht freiwillig in den charakterlosen Zimmern des Hotels: Wegen der Erdbeben musste ihr Zuhause verlassen. Man kennt solche Zwangsumsiedlungen von gigantischen Staudammprojekten im Reich der Mitte. Nun verbringt sie die Tage mit morgendlichen Yogastunden neben Haos Bett oder begleitet ihn auf seinen Messungen. Eines Morgens erwacht sie vom Vogelgezwitscher und fragt Hao, ob er sie auch höre. Dieser greift nach seinem Telefon, tippt darauf  – die Vögel verstummen. Es ist diese Spannung zwischen Technik und Natur, Modernisierung und Tradition, die im Kern von Jiao qu de niao steckt.

In einer von den Erdbeben betroffenen Grundschule findet Hao schliesslich ein Tagebuch eines Schülers. Im zweiten Erzählstrang des Filmes stecken wir nun in der Handlung des Tagebuchs. Wir folgen einem Jungen auf dem Schulweg durch Feld, Wald und verlassene Industriebauten, sind dabei bei Luftpistolenschlachten auf einem Güterbahnhof und der Entdeckung der Masturbation mit einem Freund unter der Bettdecke. Das mechanisierten Zoomen der Kamera wie bei den Messungen der Ingenieure bleibt diesmal aus, vielmehr bewegt sie sich scheinbar schwerelos hinter den Kindern. Als wäre die Tagebuchsequenz nur ein Traum des Ingenieurs. Zu Synthesizer-Fiepen fliegen wir mit der Kamera einmal im Zeitraffer über ein Fussballfeld – hypnotisch ist das. So scheint vieles davon, was Qiu Sheng uns in seinem Langfilmdebüt zeigt, nicht unmittelbar vom Plot motiviert. Doch während wir weiter über die Verknüpfung der beiden Erzählstränge rätseln, sind es gerade die bildlichen Motive, die die beiden Fährten vom Grundschuljungen und dem Ingenieur verbinden: So begegnet uns das Ei, das Hao seiner Freundin beim Frühstück mit einem Trick seiner beiden flachen Hände schält als Vogelei wieder, das der Schuljunge im Wald mit seinen Freunden aus einem Nest klaut. Vielleicht ist es eines der titelgebenden «Suburban Birds».

In der Schule werden die Kinder schliesslich über den Bau des «Light Trains» aufgeklärt. Ein Junge unterbricht den Lehrer bei seiner Erklärung und fragt, was die Regierung ist. Dieser erklärt: «Es sind die, die über uns bestimmen. Sie sind aus dem Volk und ihr Anführer ist der Bürgermeister.» Als Hausaufgabe müssen die Kinder dann ein Bild davon malen, wie sie sich ihr zukünftigen Vorort vorstellen. Für westliche Ohren klingt der autoritäre Unterton des Lehrers wie der der Schulaufgabe wie eine scheue Kritik am chinesischen Regime. Es ist es ja auch die bedingungslose Fortschrittswut der Behörden, die hier erst die Erde zum Beben brachte. Dieser lässt Systemkritik in einzelnen Motiven aufflackern, statt sie einem aufzudrängen – das ist eine weitere seiner Stärken.

Schliesslich ist der Grundkonflikt von Modernisierung und Tradition viel zu kompliziert für einfache Erzählungen. So eine ist Jiao qu de niao bestimmt nicht. Bis zum Schluss bleibt der Film rätselhaft. In der letzten Szene liegt Ingenieur Xia Hao mit einem Kollegen im Wald, sie suchen nach die titelgebenden Vögel, die seit dem modernistischen Umpflügen der Gegend verschwunden sind. Hao blickt wie zu Beginn des Films durch ein Fernglas. In der verschwommenen Vergrösserung erkennen wir den Schuljungen mit seinen Freunden durch den Wald stapfen. War die Erzählung aus dem Tagebuch des Jungen nun ein Traum des Regisseurs oder eine Parallelgeschichte? Regisseur Qiu Sheng lässt die Antworten auf diese Fragen in seinem faszinierenden Debüt in der Schwebe und macht uns umso neugieriger auf seine zukünftigen Filme.

First published: August 04, 2018

Suburban Birds – Jiao qu de niao | Film | Qiu Sheng | CHN 2018 | 118’ | Locarno Festival 2018, Cineasti del presente

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