Sorella di clausura

Text: Ruth Baettig

Ivana Mladenović entwirft mit Sorella di Clausura ein burleskes, zugleich bitter-süsses Porträt einer jungen Frau, die im ständigen Wechselspiel zwischen fiebriger Aktivität und innerer Leere lebt. Stela, die Protagonistin, taumelt am Rand der Verzweiflung und stürzt sich in einen unermüdlichen Tatendrang. Sie ist verstrickt in familiäre Erwartungen, gesellschaftliche Rollenbilder, die eigenen, nicht erkannten Ambitionen als Schriftstellerin und ist ohne Job.

Mladenović inszeniert dies als tragikomische Comicwelt: intensiv, rhythmisch, mit überzeichneten Gesten und pointierten Dialogen. Unter der grellen Oberfläche liegt eine präzise Beobachtung der prekären Lebensrealitäten im postsozialistischen Balkan während der Finanzkrise 2008. Der Film fragt, ob Sex im ökonomischen Ausnahmezustand tatsächlich eine Ersatzwährung sein kann – und was das mit menschlichen Beziehungen macht.

Der Ton schwankt zwischen Empathie und Ironie. Die beiden Hauptprotagonistinnen Stela und Vera sind widersprüchliche, vielschichtige Frauen, die zwischen Selbstbehauptung und Selbstverlust, Überleben und suizidalen Gedanken pendeln. Sie verkörpern auch zwei Archetypen von Frauenemanzipation: Vera nimmt den Sex für sich als Machtwaffe, eine Strategie, welche von Stelas und der Entdeckung ihrer sexuellen Gleichgültigkeit störend überwunden wird. Stelas Eigenartigkeit sprengt alle Ausbeutungs- und Machtpositionen. Dafür ist die Besetzung von Katia Pascariu als Stela ein besonderer Glücksgriff: Mit feiner Körperkomik und emotionaler Präzision meistert sie den Cocktail aus ungebremster Energie, Obsession, verletzlicher Sehnsucht und stiller Verzweiflung – und verleiht der Figur eine eindringliche Authentizität.

Sorella di Clausura bringt einem gleichermassen zum Lachen wie zum leer Schlucken – eine grelle, tragische Komödie, die das Private und Politische, das Begehren und die Ökonomie zu einer bitterfunkelnden Collage verbindet.

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Ivana Mladenović | ROM-SRB-IT-ES 2025 | 107’ | Locarno Film Festival 2025, Black Movie Genève 2026
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First published: August 19, 2025