Sie glauben an Engel, Herr Drowak?

[…] Die Stärken des Films aber liegen nicht im «was» der Erzählung, sie liegen im «wie».

[…] Es wirkt, als würde man als Zuschauer einer Art Tauziehen zwischen Szenenbild einerseits, Kamera und Cinematography andererseits beiwohnen.

«AMT» steht auf den Uniformen der Beamten, «AMT» steht über dem Eingang eines Gebäudes, das schon von aussen nach Grossbuchstaben aussieht – überhaupt: Die ganze Stadt, in welcher der erste Spielfilm Nicolas Steiners angesiedelt ist, mutet verschlagwortet, stringiert an. «STADT» könnte sie heissen, hier herrschen Beton, Einheit, Ordnung. Was nicht passt, soll passend gemacht werden, so könnte man die Prämisse dieses Films umschreiben. Genauer: Besagtes AMT startet ein Programm, demzufolge Langzeitarbeitslose sich im kreativen Schaffen versuchen sollen. Natürlich nicht der Musse oder gar der Kunst wegen. Nein, man glaubt an die resozialisierende Wirkung, an Kunst als Normalisierungsprozess – um das «Leben in unserer Stadt wieder lebenswert zu machen. Weniger Gefahr, mehr Friede, mehr Schönheit.» Einziger Teilnehmer im Fachbereich kreatives Schreiben: ein gewisser Herr Drowak (Karl Markovics).

Dieser Drowak ist so einer, der sich nicht fügt ins rechtwinklige Denken der Bürokratie, einer, der sich entzieht. Er bewohnt eine architektonisch durchaus imposante «Dreckslochsiedlung» (Zitat Drowak), und in seiner Wohnung tut sich eine Art Gegen-Ort dieses Films auf, an welchem andere Regeln herrschen: die Regeln des Alkohol, des Weltekels, die Regeln des Nein.

Sie glauben an Engel, Herr Drowak? erzählt fortan eine durchaus konventionelle Geschichte von Drowaks Zusammentreffen mit der Jung-Ämtlerin Frau Jakobi (Luna Wedler), vom (Wieder-)Entdecken der Literatur, von dem Kampf mit den eigenen Dämonen und einer entstehenden Freundschaft. Das mag abgeschmackt klingen, vielleicht ist es das auf dem Papier auch.

Die Stärken des Films aber liegen nicht im was der Erzählung, sie liegen im wie. Steiners Schwarz-Weiss-Film strotzt vor visuellen Einfällen, vor Spielereien, die die Welt des Films konstituieren und ihn in einer Umkehrbewegung gewissermassen immer wieder aus der kreierten Bürokratiehölle entheben. In der Überzeichnung – der Amt-Aufzug ist winzig klein, im Treppenhaus hocken Pagen, die im Chor «Wer nicht hören will muss fühlen» von sich geben – touchiert der Film surrealistische Elemente und kreiert ein klaustrophobisches, von Augenzwinkern gesprenkeltes Habitat. Gleichzeitig wirkt es, als würde man als Zuschauer einer Art Tauziehen zwischen Szenenbild einerseits, Kamera und Cinematography andererseits beiwohnen. So streng bis grotesk die Orwell’sche Weltordnung, die auf Taktung gepolte Architektur des Films ausschlägt, so sehr wird auf Bildebene immer wieder dagegen angearbeitet; da kreist die Kamera schwindelerregend umher, verzerrt qua Fisheye-Objektiv die Dimensionen, dehnt und invertiert die Zeit; der Film rebelliert gegen seinen Raum.

Sicher ist es leicht, all das als reines Gimmick-Feuerwerk abzutun, als ausstaffierte Stilübung ohne Grund. Das verspielte Betonmärchen Sie glauben an Engel, Herr Drowak? geht ein Wagnis ein, schert sich nicht um Subtilität oder «guten» Geschmack, formale Mittel trägt der Film offensiv vor sich her. Dass sich Steiner in seinem ersten Spielfilm diese Freiheiten herausnimmt, ambitioniert mit spielerischem Elan und Fantasie agiert, macht den Film zumindest sympathisch. Freilich wird sich da ab und an verhoben, teils mutet der Film in seinem visuellen Exzess ein wenig Showreel-artig an, zumeist aber dienen die visuellen Ideen – fast wie im klassischen Melodram – der Erbauung einer Welt, die immer auch die der Figuren ist. Heisst: Objektivität hat hier keinen Platz, die Objekte tragen immer auch Affekte der Figuren in sich, und andersherum. In einer besonders exaltierten Szene – Frau Jakobi hat es sich soeben mit Drowak verscherzt – weint nicht die Figur, sondern eine Ampel! An dieser Stelle ist insbesondere Luna Wedler als Frau Jakobi hervorzuheben, deren erfrischendes Spiel sich der formalen Strenge des Films nicht unterordnet, sondern ihr vielmehr eine eigensinnige, affektive Gegenbewegung entgegensetzt. Wie ein Unkraut durchstösst ihre Präsenz den Asphalt der Erzählung, erzeugt Risse im System und schreibt sich so immer wieder neu in den Film ein.

Stolpern tut der Film dann schliesslich nicht durch überbordende Visualität, sondern dadurch, dass ihn sein konventionelles Narrationskorsett gen Hälfte der Laufzeit einholt. Ein wenig wirkt es, als hätte Steiner vor lauter visueller Spielwiese vergessen, dass hier auch noch etwas (im klassischen Sinne) erzählt werden soll. So handelt der Film in seiner Figurenzeichnung zunächst primär visuell: Drowak wird massgeblich durch seine Wohnung charakterisiert, in der jeder Zentimeter von leeren Flaschen vollgestellt ist, bei Frau Jakobi verhält es sich ähnlich, sie wohnt mit Puppen zusammen. Psychologisiert werden die Figuren vorerst kaum, Drowak ist eben der trinkende Verweigerer. Nachdem sein Talent fürs Schreiben von Jakobi wie von uns Zuschauer:innen entdeckt ist, wendet sich das Blatt, fortan schreibt der Herr biografisch, dann mischen sich Flashback-Szenen in den Film, nostalgisch bebildert, in starkem Kontrast zur grauen Gegenwart in Farbe erblühend. Diese Szenen verleihen der Figur eine Origin Story, auf deren Dramaturgie sich der Film ein bisschen zu sehr lehnt. Statt der Struktur der Stadt, des Amts, statt des Widerstandes durch Drowak & Jakobi verschiebt sich der Fokus zur Frage «Wie ist der bloss so geworden?», die Drowak, den alkoholischen Stoiker, dann doch als einzige Figur markiert, die anders, die irgendwie erklärungsbedürftig erscheint. Diese Fokusverschiebung, die eine von aussen nach innen ist, nimmt dem Film merklich Raum, leitet ihn um auf eine konventionellere Fahrbahn, die leider auch die langweiligere ist. Im psychologischen Erzählen verliert sich Sie glauben an Engel, Herr Drowak? etwas – starke, weil filmische Momente bleiben dennoch.

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Sie glauben an Engel, Herr Drowak? | Film | Nicolas Steiner | CH-DE 2025 | 127’ | Best Cinematography at Shanghai International Film Festival | Solothurner Filmtage 2026 | CH-Distribution: Sister

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First published: March 26, 2026