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Sibel

Sibel

Rebellin wider Willen

Ein Wolf im Wald. Ein Mädchen, das nicht dazugehört, und ein Brautfelsen, an dem seit Generationen Frauen mit Feuerritualen ihr Glück beschwören. Es sind das märchenhafte Zutaten, die das Regisseurspaar Çagla Zencirci und Guillaume Giovanetti in ihrem Film Sibel verwenden. Im Mittelpunkt steht eine junge Frau, die sich nur in ihrer regionaltypischen alternativen Pfeifsprache mit ihren Mitmenschen verständigen kann. Seit Sibel als Kind verstummte, ist sie in ihrem türkischen Bergdorf zur Aussenseiterin verdammt, und doch ist sie stark an die Dorfgemeinschaft gebunden. Nicht nur durch die tägliche Arbeit auf Teeplantagen und Maisfeldern, sondern auch emotional. Das Mädchen sucht Anschluss, will im Dorf anerkannt werden – vor allem unter den Frauen. Sibel wird so eher zu einem Sozialdrama als zu einem modernen Märchen.

Zencirci und Giovanetti stellen in ihrem Film eine kleine Dorfgemeinschaft vor, in der die soziale Kontrolle durch gesellschaftliche Zwänge aufrechterhalten wird. Als solcher ist wohl auch die kursierende Angst vor dem Wolf zu verstehen. Um das Dorf vor der ewigen Bedrohung zu befreien, unternimmt Sibel Streifzüge durch den Wald. Wir sehen ihr dabei zu, wie sie sich nach getaner Arbeit davonstiehlt, routiniert ihre hellbauen Ballerina-Schuhe gegen rote Gummistiefel tauscht und mit einer Flinte bewaffnet die Wälder am Fuss des Brautfelsen durchstreift. Doch anstatt des Wolfs trifft sie Ali, der sich auf der Flucht vor dem Militärdienst befindet. Er wird zur verhängnisvollen Projektionsfläche, sie zur Komplizin. Hier kommt für einen kurzen Moment die politische Gegenwart der Türkei ins Spiel. Wollen die Regisseure im Kleinen kommentieren, was im Grossen und Ganzen vorgeht?

Als Hauptfigur ist Sibel schön, aber nicht gefällig. Sie ist in ihrer Verletzlichkeit widerspenstig und dadurch durchaus sympathisch. Als Charakter bleibt sie aber leider in ihrer Sprachlosigkeit gefangen. Ihr Schauspiel wirkt etwas zu eindimensional und wild, als dass man eine wirkliche Nähe zur tragischen Heldin Sibel aufbauen zu könnte. In Märchen siegt das Gute immer über das Böse. Sibel ist ein Film über eine Rebellin wider Willen, die es vielleicht nicht schafft, sich allen Zwängen zu widersetzen, der es am Ende aber gelingt, eine Tradition für sich zu einzunehmen. Sibel entfacht ein Feuer am Fusse des Brautfelsens, für sich und für die anderen Frauen im Dorf.

First published: January 14, 2019

Sibel | Film | Çagla Zencirci, Guillaume Giovanetti | TK-FR-DE-LU 2018 | 95’ | Locarno Festival 2018

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