Sehnsucht in Sangerhausen
Zwischen Rosen, Steinen und Gespenstern der Sehnsucht entfaltet sich ein melancholischer Film voller leiser Magie und nostalgischer Poesie.
[…] «Sehnsucht in Sangerhausen» ist kein Film über Ereignisse, sondern über Zustände. Über das Dazwischen. Zwischen dem, was war, und dem, was kommen könnte. Zwischen Sichtbarem und Unsichtbarem. Zwischen Aufbruch und Stillstand.
Text: Sarah Stutte
In Julian Radlmaiers Sehnsucht in Sangerhausen wird Zeit gefaltet wie altes Seidenpapier. Jeder Bildausschnitt atmet Geschichte. Jede Geste hallt nach – als sei die Gegenwart nur ein Abdruck auf dem verkrusteten Lehm einer vergessenen Epoche. Und mittendrin: Sangerhausen. Eine Stadt wie eine alte Postkarte – verblichen, doch lebendig.
Der Film erzählt nicht linear. Er ist ein flüchtiges Mosaik aus Kapiteln, verbunden durch feine, kaum sichtbare Fäden: Lotte, Ursula, Neda. Drei Frauen, drei Zeiten, drei Fluchten. Was sie eint, ist ein geheimnisvoll leuchtender blauer Stein – und eine tiefe Sehnsucht, die nicht vergeht. Das Kino wird hier zur Alchemie. Vergangenheit, Gegenwart und Fantasie verschmelzen zu einem geisterhaften Kontinuum.
Die erste Geschichte führt uns zu Lotte. Eine Magd im ausklingenden 18. Jahrhundert. Ihr Aufbegehren gegen das herrschende System zeigt sich nicht in Worten, sondern in Blicken, in der stummen Verweigerung. Der Romantikdichter Novalis taucht in ihrem Leben als Realität auf, bevor er zur Porzellantasse und zur Volksweise wird. Er, der von der Blauen Blume träumte, ist hier nicht blosse Referenz, sondern Geisterfigur einer Idee: der romantischen Verschmelzung von Liebe, Utopie und Poesie.
Diese Blaue Blume, einst Sehnsuchtsmetapher aus Novalis’ fragmentarischem Roman «Heinrich von Ofterdingen», keimt in Sangerhausen neu. Nicht als Blüte, sondern als Stein – kalt, mineralisch, schwer –, doch aufgeladen mit der gleichen Verheissung des Unmöglichen. Alle drei Protagonistinnen halten ihn irgendwann in ihren Händen, als Prüfstein ihrer Träume: Lotte als Zeichen der Revolte, Ursula als Katalysator der Begegnung mit Zulima, Neda als Bruchstück zwischen TikTok-Logik und innerer Befreiung.
Neda, die iranische Vloggerin mit ihrer Podcast-Reihe «On Hartz in Harz», durchquert das filmische Terrain wie eine Geister jagende Archäologin. Ihre Kamera wird zur Laterna magica, die das Unsichtbare sichtbar macht. Und doch: Es sind nicht die Geister, die sie verfolgt – es ist die eigene Unerfülltheit, die sich in jeder Mauer, jeder Ruine, jeder seltsamen Steinskulptur spiegelt.
Auch sie ist, wie Lotte, eine Flüchtige: aus einem repressiven Iran, ins Ungewisse. Denn Deutschland empfängt sie nicht mit offenen Armen. Auf der Strasse wird sie beleidigt, aus dem Radio dröhnen unentwegt fremdenfeindliche Meldungen, und Bücher darf sie nur anschauen, wenn sie sie auch bezahlen kann. Auch sie ist, wie Ursula, eine Suchende in einer Welt, in der Zugehörigkeit ein labiles Konzept ist.
Ursula hingegen bleibt physisch zurück. Und doch ist ihre Innenwelt in Bewegung. In ihr leben Vergangenheit und Zukunft im Widerstreit. Zwei schlecht bezahlte Jobs, eine eingeschlafene Beziehung, ein stiller Hunger nach anderem Leben. Die Ankunft von Zulima – Musikerin, Nomadin, Freiheitslebende – wird zum Ereignis. Ihre Beziehung wächst wie eine Improvisation: tastend und verletzlich, getrieben von Flötenklängen, die die Szenen wie ein Nachtwind durchwehen. Musik ist in diesem Film nicht Begleitung – sie ist Duft, ist Erinnerung, ist Beschwörung.
Radlmaiers Erzählung legt dabei Bedeutung wie Gesteinsschichten übereinander. Die Landschaft Sangerhausens wird zur offenen Chronik: romantische Architektur neben DDR-Beton, gotische Relikte, sozialistische Spuren, Abraumhalden, die wie kleine Vulkane aus der Erde ragen. Tatsächlich wurde vor Ort gedreht. Die Kamera von Faraz Fesharaki, die alles auf 16-mm-Film einfängt, streichelt diese Orte mit sanfter Melancholie. Jeder Zoom ein Innehalten, jeder Schwenk eine Suche. Die Bilder sind kein Dekor – sie erzählen mit.
Und dann: die Kirschen. Die Rosen. Die Steine. Kleine Objekte, die sich wie geheime Wegmarken durch die Erzählung ziehen. In ihrer Alltäglichkeit gebrochen, werden sie zu Trägern von Bedeutung: Die Kirschen – süss, rot, klebrig – erinnern an die Kindheit, aber auch an Blutsbande. Die Rosen – überall in Sangerhausen – sind Symbol für Schönheit, die verwelkt, aber auch für Widerstand in zarter Gestalt. Die Steine, als Überbleibsel des Bergbaus, als verschluckte Materie, als historische Last. Es gab sie wirklich: Steinschlucker im 18. Jahrhundert. Das Groteske wird dabei nie überzeichnet, sondern kunstvoll verflochten mit einer tiefgreifenden, beinahe marxistischen Reflexion – einer, in der die Ausbeutung der Armen wie ein Basso continuo durch das gesamte filmische Gefüge vibriert.
Sehnsucht in Sangerhausen ist kein Film über Ereignisse, sondern über Zustände. Über das Dazwischen. Zwischen dem, was war, und dem, was kommen könnte. Zwischen Sichtbarem und Unsichtbarem. Zwischen Aufbruch und Stillstand. Die scheinbar zufälligen Begegnungen – Nedas Treffen mit dem chinesischen Reiseleiter Sung-Nam, Ursulas Dialoge mit Zulima, Lottes stumme Rebellion – verknüpfen sich im Rückblick zu einem Geflecht von Resonanzen. Die Montage ist präzise, rhythmisch, fast musikalisch. Sie verwebt lose Strukturen zu einer dichten Atmosphäre – wie eine Erinnerung, die man nie selbst erlebt hat.
Dabei wirkt alles leicht, schwebend, fast träumerisch – und doch nie kitschig. Radlmaiers Humor ist subtil, sein Blick klar, seine Liebe zum Kino evident. Wenn er Raum und Zeit verschiebt, so nicht aus Spieltrieb, sondern um die Form selbst als Ausdrucksmittel der Sehnsucht zu nutzen. Kino als Séance, als Spiegel, als magisches Fenster.
Was bleibt, ist ein Gefühl. Nicht laut. Nicht eindeutig. Aber hartnäckig. Alles ist verbunden – Figuren, Orte, Dinge. Und auch wir. Unsere eigenen Hoffnungen, Fluchten, Verluste. Sehnsucht in Sangerhausen macht uns zu Teilhabenden einer leisen Sinfonie. Und plötzlich tanzt die Vergangenheit. Nicht, weil sie vorbei ist – sondern weil sie noch da ist.
Info
Sehnsucht in Sangerhausen | Film | Julian Radlmeier | DE 2025 | 90’ | Locarno Film Festival 2025
First published: August 19, 2025