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Radiance

Radiance

[…] Doch lässt sich das Erlebnis eines Films überhaupt angemessen ohne Bilder wiedergeben (und was heisst in diesem Fall „angemessen“?), oder sollten sich blinde Menschen besser Hörbuch-Adaptionen von Romanen anhören, die immerhin von Grund auf so konzipiert wurden, imaginäre Welten einzig mittels Sprache zu erschaffen.

[…] Das Hauptthema von «Radiance», die Schönheit dessen, das im Begriff ist zu vergehen, schliesst zudem an jahrtausendealte religiöse und ästhetische Traditionen an, die hier anhand moderner Medien wie Fotografie und Film mit wunderschönen lichtgetränkten digitalen Einstellungen vermittelt werden.

Wie lässt sich Film, der ja zuallererst ein visuelles Medium ist, auf sprachlicher Ebene wiedergeben? Die Frage ist nicht nur zentral in der Filmkritik, die visuelle und akustische Signale ja irgendwie in Sprache übersetzen muss, um danach innerhalb dieser zwangsweise unvollständigen Übersetzung irgendwie zu plausiblen Schlüssen über die Qualität des ursprünglich nicht sprachlichen Mediums gelangen muss. Sie stellt sich auch bei der Herstellung von Hörfassungen für visuell beeinträchtigte und blinde Menschen. Doch lässt sich das Erlebnis eines Films überhaupt angemessen ohne Bilder wiedergeben (und was heisst in diesem Fall „angemessen“?), oder sollten sich blinde Menschen besser Hörbuch-Adaptionen von Romanen anhören, die immerhin von Grund auf so konzipiert wurden, imaginäre Welten einzig mittels Sprache zu erschaffen. Die Existenz zahlreicher Hörfilmfassungen auf DVDs von ausgewählten Filmen spricht dafür, dass es einen genügend grossen Markt dafür gibt, den Aufwand einer minutiösen Nacherzählung von Filmbildern auf sich zu nehmen. Es scheint also durchaus etwas zu geben, das einen Film auch ohne Bilder von einer blossen Erzählung abhebt – bloss was? Solche Fragen tauchen unter anderen bei der Sichtung von Naomi Kawases Radiance auf oder besser gesagt: beim Zuhören mehrerer ausführlicher Diskussionen im Film über die Qualität einer Hörfilmfassung eines japanischen Arthouse-Films, deren Autorin offenbar Mühe hat, die richtige Balance zwischen neutraler Wiedergabe und persönlicher Interpretation zu finden. Noch ein Problem, dem sich auch die Filmkritik immer wieder stellen muss.

Diese Diskussionen, nachdem die Hörfilmtexterin Misako die Rohfassungen ihrer Bildbeschreibungen einer blinden Fokusgruppe vorliest, sind beinahe das Interessanteste an Kawases Film, der ansonsten in seiner narrativen Konstruktion etwas gar stark an Doramas erinnert – japanische TV-Serials, die sich durch dramatische Überladenheit und einem Hang zum Sentimentalen auszeichnen. Die Figuren von Radiance könnten jedenfalls direkt aus einem solchen Dorama stammen: ein Fotograf, der kurz davor ist, sein Augenlicht zu verlieren; eine Hörfilmtexterin, deren Vater verschwunden ist und deren Mutter an Alzheimer leidet, treffen sich bei der Arbeit an einer Hörfilmfassung eines Films, bei dem es irgendwie auf poetische Weise um Verlust und Neuanfang geht. Nakamori, der Fotograf und Teilnehmer der Fokusgruppe lässt seinen Frust über seine schwindenden Sehkräfte etwas gar direkt an Misako aus, deren Beschreibungen ihm entweder zu viel eigene Interpretation enthalten (und dem blinden Zuschauer so die Möglichkeit nehmen, sich eigene Gedanken zu den Bildern zu machen), oder dann sind sie ihm zu knapp, liefern der Vorstellungskraft zu wenige Anhaltspunkte, sich in einen Raum oder Szene hineindenken zu können. Beiden Protagonisten gelingt es nicht, in dieser kleinen epistemologischen Debatte den richtigen Ton zu treffen, werden persönlich und verletzend – fühlen sich dennoch oder gerade deswegen zum anderen hingezogen und eine Liebesgeschichte nimmt ein wenig unmotiviert ihren Lauf. Und wenn Radiance nebst diesem Plot jetzt nichts weiteres an Interessantem aufzuführen hätte, könnte man sich durchaus fragen, wie dieser den Weg aus dem japanischen Vorabendfernsehen heraus gefunden hat.

Zum Glück handelt es sich aber bei dem (natur-)romantischen Weltbild, das in Naomi Kawases Filmen nebst dem Plot immer noch mitvermittelt wird, nicht bloss um jenen sentimentalen Naturkitsch, den ihr ihre Kritiker manchmal vorhalten, sondern um eine durchaus konsistente ästhetische Haltung, die sie durch ihre Inszenierung vor allem von Licht und Geräuschen überzeugend in filmische Momente zu übersetzen weiss. Das Hauptthema von Radiance, die Schönheit dessen, das im Begriff ist zu vergehen, schliesst zudem an jahrtausendealte religiöse und ästhetische Traditionen an, die hier anhand moderner Medien wie Fotografie und Film mit wunderschönen lichtgetränkten digitalen Einstellungen vermittelt werden. Durch die Sentimentalitäten des Plots geraten zwar auch diese Bilder oft gefährlich in die Nähe des Kitsches; aber doch wirken diese Bilder fast nie selbstzweckhaft schön, indem sie ihren Reiz gerade aus der Tatsache ziehen, dass sie einer unvollkommenen Wahrnehmung entspringen. Kawase versucht insbesondere Nakamoris Wahrnehmung filmisch nachzuahmen, der nur noch Gegenstände in seiner unmittelbaren Nähe deutlich sehen kann, während der Rest seines Sichtfelds von verschiedenen diffusen Lichtintensitäten bestimmt ist. Mehr als einmal ahmt Kawase mit der Kamera genau diese Art zu Sehen nach; und obwohl der Informationsgehalt dieser Einstellungen gegen Null tendiert, gehören sie zu den schönsten im Film. Auch der Rest des Films ist von Nahaufnahmen, Uneindeutigkeiten und immer wieder bezaubernden Lichtstimmungen geprägt, die zusammen mit einer sehr sorgfältig konstruierten Tonspur, die immer wieder natürliche Umgebungsgeräusche in den Fokus rückt, eine äusserst sinnliche Kinoerfahrung schaffen, die für einmal nicht hauptsächlich vom Sehsinn abhängig ist. Dass dem reinen Genuss dieser Erfahrung die Sentimentalitäten des Plots immer wieder ein bisschen in die Quere kommen, ist dann vielleicht in einem Film, in dem es unter anderem genau um solche missglückten Balanceakte geht, vielleicht gar nicht so unpassend. Es gibt ja auch noch die Schönheit dessen, das fast geworden wäre.

First published: December 27, 2017

Radiance | Film | Naomi Kawase | JAP-FR 2017 | 101’

Ecumenic Jury Award at Festival de Cannes 2017

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