Qui vit encore

[…] Es sind oft die Pausen, die Gesten, die körperlichen Reaktionen, die am stärksten wirken.

[…] Der Film ist ein Dokumentarfilm der Hybridität: zwischen Zeugnis und Inszenierung, zwischen politischem Dokument und existenzieller Meditation. Er ist zutiefst politisch, gerade weil er sich auf Aufmerksamkeit, Zuhören und die Würde des Erzählens konzentriert.

Text: Ruth Baettig

Qui vit encore von Nicolas Wadimoff ist ein radikal reduzierter, zugleich hochintensiver Film, der sich dem Unmöglichen annähert: dem Versuch, dem gelebten Albtraum des Krieges eine Form zu geben, ohne ihn zu bebildern. Die rigorose formale Setzung wird selbst zum Inhalt.

Der Film beginnt mit einer einfachen, beinahe meditativen Geste: weisse Farbe auf schwarzem Boden, ein abgedunkelter Raum. Eine Hand führt einen Pinsel, dessen hörbare Bewegung geometrische Formen auf den Boden malt. Linien entstehen, Flächen, Umrisse. Erst nach und nach wird deutlich, was hier kartografiert wird: Quartiere und Städte im Gazastreifen – Rafah, Khan Younis, Jabalia, das Zentrum, der Norden, Gaza. (Tat-)Orte, die weltweit durch Bilder des Grauens bekannt sind, erscheinen hier als abstrakte Formen, als fragile Erinnerungsfelder. Diese Entscheidung ist zentral: Wadimoff ersetzt das vertraute Nachrichtenbild durch eine körperliche Geste. Die Karte wird nicht gezeigt, sie wird hergestellt – im Akt des Aufmalens, im Kontakt zwischen Hand, Pinsel und Boden. Diese formale Strenge ist kein ästhetisches Experiment um seiner selbst willen, sondern eine bewusste Entscheidung. Während zweier Wochen entstand dieses Werk in einem konstruierten Raum, der mit künstlichem Licht spärlich und punktuell erleuchtet wird. Gaza wird evoziert, ohne es zu simulieren. Für die neun Protagonistinnen und Protagonisten wird dieser Raum zu einem Ort der Konzentration und der Konfrontation. Er erlaubt ein In-sich-Gehen, fast etwas Therapeutisches: eine Verbindung mit dem eigenen Erlebten und mit dem Leid der anderen. Gleichzeitig wirkt das Erzählen wie ein paradoxer, stiller Schrei nach aussen, ein Versuch, das Unsagbare in die Welt, vielleicht ins Universum hinauszutragen, um irgendwo gehört zu werden.

Die Protagonist:innen sind Palästinenser:innen aus Gaza, die es geschafft haben, zu fliehen. Sie haben einen Namen: Jawdat Khoudary, Mahmoud Jouda, Adel Altaweel, Haneen Harara, Malak Khadra, Hanaa Eleiwa, Feras Elshrafi, Eman Shannan, Ghada Alabadla. Ursprünglich sollte der Film in der Schweiz entstehen, doch die Beteiligten erhielten kein Visum. Das Setting wurde deshalb nach Südafrika verlegt – ein Umstand, der die politische Realität des Films bereits vor seiner ersten Einstellung einschreibt. Exil ist hier nicht nur Thema, sondern Produktionsbedingung. Wadimoff arbeitet mit Elementen des Reenactments. Innere Bilder formen Worte; diese Worte wiederum erzeugen im Kopf der Zuschauenden eigene, fiktionale Bilder. Der Film zwingt zur Imagination – und gerade dadurch entfaltet er seine Wucht. Die Erzählungen folgen keinem linearen, journalistischen Aufbau, keinem Storytelling. Der Rhythmus, die Sprünge, die Wiederholungen gehorchen einer inneren Logik: der Logik des Traumas und des Schmerzes. Hier hat die Montage von Jean Reusser zusammen mit dem Filmkonzept von Nicolas Wadimoff starke Arbeit geleistet. Erinnerungen brechen ab, setzen neu an, verdichten sich oder verlaufen ins Leere. Das Gesagte nähert sich immer wieder der Grenze des Nichtsagbaren. Es sind oft die Pausen, die Gesten, die körperlichen Reaktionen, die am stärksten wirken: eine Träne, die mit einem hörbaren Wisch von der Wange gestrichen wird; ein tiefer Atem, der das Wort ersetzt; ein hilfesuchender Blick, der in die Runde geworfen wird. In diesen Momenten gleichen die Erzählungen Albträumen. Nur im Traum – oder im Trauma – kann man einer Logik folgen, die der Realität widerspricht. Der eigentliche Schock des Films liegt darin, dass diese Albträume wahr sind. Die Wirklichkeit selbst ist zum Albtraum geworden.

Von hier aus öffnet sich der Film über den konkreten Kontext Gazas hinaus. Qui vit encore spricht von der Allgemeingültigkeit des Krieges, von einem Horror, von dem man glaubt, er dürfe nie geschehen – und der sich doch immer wieder ereignet. Gerade in der Gegenwart, in der weltweit die Maschinerie der militärischen Aufrüstung solche Realitäten hervorbringt. Absurd und zugleich wahr.

Der Film ist ein Dokumentarfilm der Hybridität: zwischen Zeugnis und Inszenierung, zwischen politischem Dokument und existenzieller Meditation. Er ist zutiefst politisch, gerade weil er sich auf Aufmerksamkeit, Zuhören und die Würde des Erzählens konzentriert. Trotz allem ist der Film nicht ganz hoffnungslos. Hoffnung wird thematisiert, vorsichtig, tastend – als etwas Fragiles, kaum Greifbares, indem man sie für einen kurzen Augenblick in den Aussenraum schafft, ans Tageslicht – ein möglicher Neuanfang? Am Ende erklingt Musik. Feras Elshrafi spielt sein geliebtes Qanun: ein arabisches Saiteninstrument, das mit den Händen gezupft und gestrichen wird. Dieser Klang öffnet einen Raum, in dem vielleicht die letzte Hoffnung schläft. Ein Raum für Stimmen, für Schweigen, für das Weiterleben im Erzählen und für den Neuanfang. Ein Raum für Kultur und Menschlichkeit.

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Screenings at the Solothurner Filmtage 2026

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Qui vit encore | Film | Nicolas Wadimoff | CH-FR-LEB 2025 | 115’ | Winner of the Giornate degli autori Competition at Biennale Venezia 2025, Solothurner Filmtage 2026 | CH-Distribution: First Hands

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First published: January 21, 2026