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Of Fathers and Sons

Of Fathers and Sons

[…] Dass einem in Anbetracht der allgemeinen Situation in Syrien dieser vergleichsweise geringfügige Verstoss gegen die journalistische Ethik überhaupt auffällt und er erwähnenswert wird, spricht eher für als gegen Derkis Film, dem es hier gelingt, nebst aller Abscheu für die hasserfüllte Ideologie und die Gewaltbereitschaft, die Abu Osama seinen Kindern indoktriniert, doch so etwas wie Empathie aufkommen zu lassen.

[…] Das Böse ist hier (wie überall) gleichzeitig unglaublich banal und allgegenwärtig, aber trotzdem zu komplex, als dass es sich in Kindergesichtern und hasserfüllter Polemik von blossem Auge erkennen liesse. Eher erscheint es hier als eine Art Virus…

Der am Black-Movie-Festival in Genf soeben mit dem Kritikerpreis ausgezeichnete Of Fathers and Sons von Talal Derki zeigt wichtige, verstörende und notwendige Bilder. Bilder allerdings, die erst auf der Grundlage einer Täuschung überhaupt entstehen konnten und die in Zeiten, in denen sich der Journalismus und der Dokumentarfilm schlauen und weniger schlauen ethischen Bedenken ausgesetzt sehen, eine besondere Aura annehmen. Der ursprünglich auch Syrien stammende, in Berlin lebende Dokumentarfilmer Talal Derki reiste 2013 zurück in seine Heimat oder das, was von dieser übrig geblieben ist. Dort verschaffte er sich mit der Behauptung, ein mit dem Jihad sympathisierender Kriegsfotograf zu sein, Zugang zu der Familie von Abu Osama und dessen Söhnen. Zu seinem Schutz sei dies gewesen, um nicht entführt oder hingerichtet zu werden, was einerseits natürlich notgedrungen und nachvollziehbar ist, gleichzeitig aber die folgenden Bilder allesamt mit eben der zwiespältigen Eigenschaft versetzt, unter der Vortäuschung falscher Absichten und gegen den Willen seiner Protagonisten entstanden zu sein. Dass einem in Anbetracht der allgemeinen Situation in Syrien dieser vergleichsweise geringfügige Verstoss gegen die journalistische Ethik überhaupt auffällt und er erwähnenswert wird, spricht eher für als gegen Derkis Film, dem es hier gelingt, nebst aller Abscheu für die hasserfüllte Ideologie und die Gewaltbereitschaft, die Abu Osama seinen Kindern indoktriniert, doch so etwas wie Empathie aufkommen zu lassen. Erstaunlichster Beweis (und vielleicht auch Grund) dafür ist vielleicht, dass selbst Derkis Kameramann nicht in die wahren Absichten des Regisseurs für seinen Film eingeweiht gewesen sein soll und er sich, als ihm die Tendenz des Filmes klar wurde, radikalisiert und schliesslich in den islamistischen Untergrund abgesetzt hat.

Ein solcher mehrjähriger und (wenn auch nur vorgeblich) mitfühlender Zugang ist in seiner affektiven Wirkung natürlich grundverschieden etwa von einem journalistischen Beitrag, der das Thema islamistische Kindererziehung mittels einiger prägnanter Momente übermitteln möchte. Gerade die Alltäglichkeit und die buchstäblich familiäre Vertrautheit mit der Gewalt, ihrer Anwendung und Übermittlung sind hier das Schockierende. Einmal tötet der etwa sechsjährige Khatab zusammen mit seinen Brüdern einen kleinen Vogel und berichtet danach seinem Vater davon. Sie hätten ihn erst hinuntergedrückt und ihm dann den Kopf abgeschnitten – genauso, wie es der Vater neulich bei dem Mann gemacht habe. Abu Osama ist froh, dass die Al-Nusra-Front (der syrische Ableger von al-Qaida), der er angehört, keine Kinder als Kämpfer einsetzt. Sobald diese dann älter seien allerdings, da werde er sie auch selber losschicken und sich gewiss auch freuen, wenn sie zu Märtyrern würden. Mindestens einer seiner Söhne, lernen wir am Ende des Filmes, wird diesen «path of death» einschlagen. Davor sehen wir die beiden ältesten Söhne, Osama und Ayman, im Al-Qaida-Trainingslager mit Maschinengewehr und Sturmhaube bei verschiedenen Übungen zum islamistischen Widerstand. Ein Ausbildner schreitet an einer Reihe liegender Zwölfjähriger vorbei und schiesst ihnen zwischen die Füsse oder neben den Kopf, um ihnen auch die letzte Angst vor den Kugeln noch zu nehmen. Raketeneinschläge, Leichen und verlorene Gliedmassen sind zu diesem Zeitpunkt schon längst zum Alltag geworden und beeindrucken auch die Fünfjährigen kaum mehr.

Es ist ziemlich schwierig zu benennen, was Of Fathers and Sons in seiner Wirkung so besonders, ja einzigartig macht – wahrscheinlich gerade auch weil diese Besonderheit zu einem grossen Teil in seinen Widersprüchlichkeiten begründet ist. Eine mögliche Erklärung ist vielleicht, dass es sich hier um einen Film handelt, dem es gelingt, das Böse zu zeigen, ohne seine Protagonisten dessen direkt zu bezichtigen oder es konkret an diesen festzumachen. Wie anders wäre es auch möglich, mehr oder weniger freiwillig zwei Jahre in dessen Gegenwart zu verbringen, ohne wahnsinnig zu werden? Das Böse ist hier (wie überall) gleichzeitig unglaublich banal und allgegenwärtig, aber trotzdem zu komplex, als dass es sich in Kindergesichtern und hasserfüllter Polemik von blossem Auge erkennen liesse. Eher erscheint es hier als eine Art Virus, das an bestimmten Orten zu bestimmten Zeiten ausbricht und das vor allem jene ansteckt oder tötet, die noch über keine Antikörper verfügen. Zudem und perfiderweise erscheint es seinen Trägern als gutartig – als etwas, das es fortzutragen gilt, auch wenn der Vater und seine Mitstreiter längst bei Luftangriffen oder anderen Explosionen getötet worden sind. Dies ist die Grausamkeit, die Of Fathers and Sons auf fast unerträgliche Weise sichtbar macht: Kleine Kinder, benannt nach Massenmördern, im geografischen Zentrum des Hasses geboren und aufgewachsen, haben kaum eine Chance, diesem jemals zu entkommen – weil er auf fast untrennbare Weise mit der Liebe eines Vaters zu seinen Söhnen verknüpft ist.

First published: February 07, 2019

Of Fathers and Sons | Film | Talal Derki | DE-LEB-QAT-SYR 2017 | 99’ | Visions du Réel Nyon 2018, Black Movie Genève 2019

World Cinema Grand Jury Prize at Sundance Film Festival 2018 | Prix de la critique at Black Movie Genève 2019

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