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Not Me - A Journey with Not Vital

Not Me - A Journey with Not Vital

[…] Oder es liegt an dieser seltsamen Mischung aus Nähe und Distanz: auf der einen Seite der etwas egozentrische, auf seine Aussenwirkung bedachte Künstler, der zumindest im Film nur in seltenen Momenten die Kontrolle über seine Pose verliert; auf der anderen der Regisseur, der es wagt, statt sein Subjekt zu umkreisen, den Blick auf das gemeinsame Imaginäre zu richten.

[…] Dieses «irgendwie Passende», das sowohl zum Nomadenleben des Künstlers wie zum Filmemachen an sich gehört – «eine gemeinsame Reise ins Unbekannte» –, macht einen grossen Teil der Qualität von «Not Me» aus … Es macht «Not Me» zu einem überaus faszinierenden Dokument einer Annäherung, deren Objekt stets etwas im Dunkeln gelassen wird.

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Man solle dahin reisen, wo Farben und Licht verrückt spielen, nur da könne man schwarze Pferde im Dunkeln sehen, heisst es einmal. So kryptisch wie das klingt: Es ist keine schlechte Beschreibung des Vorhabens von Pascal Hofmanns Künstlerporträt. Wobei eine solche Benennung im Fall von Not Me bereits auf eine falsche Fährte führt, denn sollte man den Engadiner Bildhauer, Maler, Architekt und Weltenbummler Not Vital nicht bereits kennen, weiss man auch nach dem Film nicht sehr viel mehr. Die Betonung liegt dabei auf wissen, denn man erfährt durchaus etwas über den Mann mit schwarzem Anzug und schwarzem Hut, nur eben nicht all das, was man unter dem Begriff «Porträt» erwarten würde. Man kann zum Beispiel sehen, dass Not, wie ihn der Regisseur immer wieder vertraulich anspricht, kein guter Schauspieler ist, auch – oder gerade – wenn es darum geht, sich selber zu spielen. Und auch dass dieser Mann ziemlich viel Geld haben muss, wenn er sich nicht nur das scheinbar unaufhörliche Reisen leisten kann («Noch drei Kontinente in den zwei Wochen vor Weihnachen» oder so ähnlich beklagt er sich einmal), sondern auch eine ganze Insel in Patagonien, um von dieser aus den Sonnenuntergang betrachten zu können. Geld zu haben, ohne sich damit Träume zu verwirklichen, sei langweilig, und wenn die Träume gross sind – und immer grösser werden –, braucht es eben auch ein gewisses Einkommen. Wie er zu diesem kam, welche Bedeutung er als Künstler hat, wie erfolgreich er damals als junger Mann in New York war – nur wenig wird diesbezüglich angedeutet.

So untypisch wie dieser Film im Schweizer Dokumentarschaffen daherkommt – über Geld wird auch hier nicht gesprochen. Eigentlich auch nicht gross über die Kunst, zu der weder Künstler noch Regisseur und schon gar nicht irgendwelche Experten Kommentare abgeben. Schwarze Pferde im Dunkeln halt. Bei diesem Film komme ja keine Sau draus, meint Not Vital einmal zu Hofmann, was er aber mutmasslich nicht als Kritik verstanden haben will. Er ist es ja auch, der auf jedem Kontinent einen Turm baut – «to watch the sunset» – und in dem See vor seinem Bündner Schloss einen metallenen Mond treiben lässt, den Arbeiter in seinem chinesischen Atelier in Form gehämmert haben.

Vielleicht ist es gerade diese Abwesenheit – von sämtlichem Kontext, den einem andere Porträtfilme gerne um die Ohren schlagen –, die Not Me stärker nachwirken lässt als das meiste andere. Oder es liegt an dieser seltsamen Mischung aus Nähe und Distanz: auf der einen Seite der etwas egozentrische, auf seine Aussenwirkung bedachte Künstler, der zumindest im Film nur in seltenen Momenten die Kontrolle über seine Pose verliert; auf der anderen der Regisseur, der es wagt, statt sein Subjekt zu umkreisen, den Blick auf das gemeinsame Imaginäre zu richten. Das geht manchmal auch etwas schief – etwa wenn er immer wieder einen kleinen Jungen auftreten lässt, der eine Mischung aus Vitals Kindheitserinnerungen und -versprechungen und -ängsten verkörpern soll –, in der Regel aber ganz gut, etwa wenn zentrale Inspirationsmomente aus der Biografie des Künstlers filmisch nachempfunden werden.

Da ist zum Beispiel jener Fuchsgeist, der den eingangs zitierten Ratschlag gegeben haben soll, und da ist auch das geköpfte Kamel in Kairo, das Vital über Jahre inspiriert haben soll. Einmal sieht man kurz zwei Hunde, die von der Strasse aus in die Kamera blicken, ohne dass deren Präsenz irgendwie begründet würde: Ohne sie hätte dem Film etwas gefehlt. Er solle von Menschen erzählen und nicht in die Tierwelt flüchten, habe ihm einmal ein Dozent geraten, gesteht Hofmann. Doch, fügt er schelmisch an, zu Not würden diese irgendwie passen.

Dieses «irgendwie Passende», das sowohl zum Nomadenleben des Künstlers wie zum Filmemachen an sich gehört – «eine gemeinsame Reise ins Unbekannte» –, macht einen grossen Teil der Qualität von Not Me aus, der sich ja überdies bereits in seinem Titel von jeglichem epistemologischen Optimismus distanziert. Es macht Not Me zu einem überaus faszinierenden Dokument einer Annäherung, deren Objekt stets etwas im Dunkeln gelassen wird. Hofmann selbst scheint diese Düsterheit sehr bewusst zu sein; er bemerkt, dass Not manchmal wie fremd im eigenen Film wirke. Ob er ihn wohl mit seiner eigenen Dunkelheit zu sehr umhülle. Im oft zwischen poetischer Reflexion und fragendem Herantasten schwankenden Off-Kommentar erzählt er etwa vom Tod des eigenen Vaters während der Dreharbeiten zum Film. Not, als er einen Rohschnitt des Films sieht, stellt fest, dass «da auch viel von dir drin» ist. Es hätte sich falsch angefühlt, sagt Hofmann später im Filmgespräch, wenn er diese Dinge aussen vor gelassen hätte, denn sie seien Teil des Films und dessen Entstehungsprozesses. Man muss ihm zustimmen.

Am Ende wird weder Not Vital von dieser Düsterheit umhüllt – die er im Übrigen auch in sich selbst zu tragen scheint –, noch wird es der Film. Das liegt zu einem grossen Teil auch an den Bildern von Kameramann Benny Jaberg, der für seine Arbeit bereits mit dem Deutschen Kamerapreis ausgezeichnet wurde. Die Weise, wie er den Nebel einfängt, der durch die Bündner Kindheitswälder zieht, diverse tierische Phantomerscheinungen kreiert, ohne dass es je aufgesetzt wirkt, ist bemerkenswert. Wie Not Vitals Skulpturen lebt der Film von den Landschaften, in denen er stattfindet – von Vitals Heimatdorf Sent über die Aussenbezirke von Peking, die Wüste von Niger und die Insel in dem blauen patagonischen See, in die Vital einen Tunnel schlagen liess. Um den Sonnenuntergang zu betrachten, aus dem Mutterleib der Erde heraus, über einem See, «so blau, dass einem beinahe die Augen schmerzen». Ähnliches liesse sich über diesen Film sagen. Und das ist jetzt mit Nachdruck als Kompliment zu verstehen.

First published: January 29, 2021

Not Me – A Journey with Not Vital | Film | CH 2020 | 78’ | Pascal Hofmann | Zurich Film Festival 2020, Solothurner Filmtage 2021

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