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Nomadland

Nomadland

[…] Dies ist einer der schönsten und wichtigsten Filme des Jahres, weil er sich einerseits kaum von der Wirklichkeit entfernt, wie sie ist, und es andererseits auf fast magische Weise schafft, so etwas wie Hoffnung zu kreieren.

[…] «Nomadland» ist vieles, aber keine Romanze. Die Entscheidung zwischen dem Leben auf der Strasse und einem festen Zuhause fällt dann nicht so eindeutig aus, wie man das erwarten würde.

[…] Schon lange nicht mehr wurde die nordamerikanische Landschaft filmisch so beindruckend eingefangen, wie dies Joshua James Richard mit seinen Breitwandbildern vollbringt.

Auch wenn er sich zeitweise genauso anfühlt, ist Chloé Zhaos Nomadland kein postapokalyptischer Western, der in einer vom Kapitalismus zugrunde gerichteten Gesellschaft spielt. Wenn es aber einer wäre, so viel muss mit Emphase vorangestellt werden, dann einer von der optimistischen Sorte. Einer, der an das Gute im Menschen glaubt und daran, dass jener sich auch in den schlimmsten Zeiten immer mit seinesgleichen zusammenfinden wird, um in der Gemeinschaft allen Umständen zum Trotz ein wenig Licht zu schöpfen.

Nomadland ist auch kein Dokumentarfilm, obwohl so gut wie alles, was er zeigt, der zeitgenössischen US-amerikanischen Wirklichkeit entspricht. Und obwohl so gut wie alle Personen darin sich selbst oder eine Version davon verkörpern. Die von Frances McDormand phänomenal still und körperlich gespielte Fern weist sich einmal mit dem echten Führerschein der Schauspielerin aus, David Strathairns Figur heisst Dave, und bei allen Übrigen kann man davon ausgehen, dass zwischen Person und Figur keine grosse Distanz besteht.

Dies ist einer der schönsten und wichtigsten Filme des Jahres, weil er sich einerseits kaum von der Wirklichkeit entfernt, wie sie ist, und es andererseits auf fast magische Weise schafft, so etwas wie Hoffnung zu kreieren. Dass vieles von dem, was Sicherheit verspricht, verloren ist, setzt er voraus. Dass die Welt ein dreckiger Ort ist, rückt er auf fast schon repetitive Weise ins Bild – Kotze, Bratfett, Schmutz auf der Haut –, um diesen Dreck dann immer von Neuem wieder wegwischen zu lassen. Als ob auch die Überwindung der Verzweiflung bloss eine Frage eines penibel ausgeführten seelischen Putzplans wäre.

Der vom zweiten thermodynamischen Gesetz bedingte Grundsatz der ständigen Zunahme von Entropie gilt auch für soziale Systeme – mit dem Unterschied, dass diese Systeme, wie sämtliche lebenden Körper, dieser entgegenwirken können beziehungsweise müssen, um zu überleben. Die Gesellschaft ist insofern ein lebender Körper, als sie aufhört zu existieren, wenn sie aufhört zu arbeiten. An sich selbst, im Sinne einer Politik, die nicht unbedingt jener entsprechen muss, die heute praktiziert wird. Denn alles Zwischenmenschliche ist bereits Politik, Hobbes’ Leviathan ist eine vergleichsweise neuere Erfindung. «Learning to take care of your own shit», sagt jemand, sei der trade off, und meint es sowohl buchstäblich als auch als metaphorisch. Politik ist es in jedem Fall.

Die Arbeit aber, im Sinne einer Beschäftigung, die einem das Überleben sichert, steht im Zentrum von Nomadland. Und diese ist in der Gesellschaft, die der Film porträtiert, nun mal die Lohnarbeit. «I need work. I like to work», sagt Fern, obwohl man sie während des ganzen Films nur die eintönigste Niedriglohnarbeit verrichten sieht. Im Amazon-Lager – «it’s good money» –, bei der Hamburger-Kette, beim Kloputzen. Dabei lassen weder Regisseurin noch Schauspielerin je den Eindruck entstehen, dass es sich bei ihr um eine ungebildete oder sonstig eingeschränkte Person handeln würde, sondern dass einzig der biografische oder ökonomische Zufall es wollte, dass sie sich in der Situation befindet, in welcher der Film sie zeigt. Genauso gut hätte sie Frances McDormand, Königin des amerikanischen Independent-Kinos, sein können.

Hier aber ist sie Fern, die ihr halbes Leben mit ihrem Mann in einer company town in Nevada verbracht hat. Nach dessen Tod und nach dem Zusammenbruch der Industrie, der die Heimat zur Geisterstadt hat werden lassen, wird sie zur Nomadin. Mit ihrem weissen Van durchquert sie die USA, von einem saisonalen Job zum anderen. Da dies ein Western, eine Dokumentation und auch ein Roadmovie ist, trifft sie unterwegs eine Vielzahl an Menschen, die sich in einer ähnlichen Situation befinden wie sie. Swankie, die unheilbar Krebs hat und davon träumt, in Alaska ein bestimmtes Schwalbennest wiederzusehen. Bob Wells, der alte, weise Mann der Nomaden, der hier wie auf seinem (realen) YouTube-Channel von den «10 commandments of stealth parking» erzählt und in den verschiedenen ephemeren Wohnmobilsiedlungen so etwas wie einen spirituellen Fixpunkt darstellt.

Und da ist Dave, der drahtig-attraktive 70-Jährige mit traurigem Blick, den Fern in den verschiedenen Siedlungen und in den Jobs immer wieder antrifft. Zufällig, aber vielleicht auch vorbestimmt. Seine Abschiedsfloskel – «see you down the road» – eben nicht nur eine Floskel, sondern auf jahrelanger Erfahrung in diesem Nomadenleben beruhend. Die gegenseitige Anziehung kommt schleichend und muss nicht zwingend etwas bedeuten. Nomadland ist vieles, aber keine Romanze. Die Entscheidung zwischen dem Leben auf der Strasse und einem festen Zuhause fällt dann nicht so eindeutig aus, wie man das erwarten würde. Die Gefahr, dass man so wird wie die Schwester, bei der man einmal Unterschlupf und ein wenig finanzielle Aushilfe findet, ist allzu real. Die Party in ihrem Garten mit Freunden, bei der über Immobilienpreise und Investitionen gesprochen wird, ist dann auch nicht nur für Fern der unangenehmste Moment im ganzen Film.

Davon abgesehen ist Nomadland, wie man es von einem Film, den man als einen der besten des Jahres bezeichnet, sowohl visuell wie auch auf der Tonspur eine Offenbarung. Schon lange nicht mehr wurde die nordamerikanische Landschaft filmisch so beindruckend eingefangen, wie dies Joshua James Richard mit seinen Breitwandbildern vollbringt. Diese sind zwar farblich den kalten Jahreszeiten entsprechend reduziert, stellen gleichzeitig aber einen fast metaphysisch anmutenden Kontrast zu den ökonomisch, aber keinesfalls seelisch verarmten Menschen im Bildvordergrund dar. Die sparsam eingesetzten Farben projizieren gleichsam das innerliche Feuer der Menschen in die Landschaft hinein. Die Musik von Ludovico Einaudi trägt das Übrige zu einer perfekt ausbalancierten, melancholisch-hoffnungsvollen Atmosphäre bei.

Die Geschichte der USA im 20. Jahrhundert lässt sich einigermassen genau anhand der filmischen Bilder nachvollziehen, die der Western für jedes Jahrzehnt neu entwirft. Keiner dürfte das gegenwärtige besser repräsentieren als Nomadland. Die Versprechungen des Glaubens und der Liebe, um das populärste aller Bibelzitate zu bemühen, wurden in der Geschichte dieses uramerikanischen Genres, dem es schon immer darum gegangen ist, Gemeinschaft auszuhandeln, bereits mehr als zur Genüge abgehandelt. Da trifft es sich nicht schlecht, dass Nomadland als letztes dieser drei die Hoffnung aufführt - das, was der Gesellschaft im Moment am meisten zu fehlen scheint. Man kann nur hoffen, dass es nicht bereits zu spät ist.

 

First published: October 10, 2020

Nomadland | Film | Chloé Zhao | USA 2020 | 108‘ | Zurich Film Festival 2020

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