Memory of Princess Mumbi
[…] Der Film funktioniert weniger als stringente politische oder technologische Analyse denn als fiebriger Traum über Kino, Verlust und Bilderproduktion.
Damien Hausers «Memory of Princess Mumbi» verbindet KI-Bilder, afrikanische Science-Fiction und persönliche Trauer zu einem wilden Kinoexperiment voller visueller Fantasie – bleibt politisch aber oft erstaunlich vage.
Text: Sarah Stutte
Die Bilder in Damien Hausers Memory of Princess Mumbi erzeugen einen Sog. Futuristische afrikanische Küstenstädte, schwebende Megastrukturen, künstliche Sonnenuntergänge und digitale Fantasiearchitekturen flimmern über die Leinwand, als hätte Georges Méliès plötzlich Zugang zu Midjourney und Blender erhalten. Der 24-jährige schweizerisch-kenianische Regisseur erschafft mit minimalen Mitteln ein Science-Fiction-Märchen, das vor visuellen Ghibli-Referenzen beinahe überquillt. Gerade im oft erstaunlich glatten Schweizer Filmschaffen wirkt diese wilde, improvisierte, manchmal chaotische No-Budget-Energie erfrischend. Memory of Princess Mumbi traut sich etwas.
Die Geschichte spielt in einem futuristischen Afrika nach einem globalen Krieg, in dem digitale Technologien verboten wurden. Warum es zu diesem Krieg kam, wer ihn führte und weshalb ausgerechnet traditionelle Monarchien daraus als Sieger hervorgehen, bleibt allerdings erstaunlich vage. Der Film nutzt diesen Hintergrund vor allem als ästhetisches Worldbuilding, weniger als politisch oder gesellschaftlich durchdachte Ausgangslage. Der europäische Filmemacher Kuve reist in den fiktiven Küstenstaat Umata, um einen Dokumentarfilm über Depression zu drehen. Dort begegnet er Mumbi, Schauspielerin und spätere Prinzessin, die seine Sicht auf Afrika zunehmend infrage stellt. Zwischen den beiden entwickelt sich eine Liebesgeschichte, während im Hintergrund Fragen nach Repräsentation, Macht und Bildproduktion verhandelt werden sollen.
Denn der Film im Film integriert die KI-Thematik bewusst. Mehrfach diskutieren die Figuren darüber, ob man Emotionen künstlich verstärken darf, ob automatisiertes Editing kreative Entscheidungen ersetzt oder ob Bilder manipuliert werden, damit sie besser zu einer gewünschten Aussage passen. Das Problem ist nur: Diese Fragen werden eher gestreift als ernsthaft durchdrungen. Zwei, drei Dialogzeilen über manipulierte Gesichtsausdrücke oder automatische Schnittprogramme ersetzen noch keine wirkliche Auseinandersetzung mit den politischen und ästhetischen Konsequenzen von KI im Kino.
Gerade weil Hauser selbst offensiv mit KI arbeitet, wäre eine tiefere Reflexion spannend gewesen. Nach eigenen Aussagen setzte er die Technologie vor allem ein, weil ihm das Budget für bestimmte Szenen fehlte. Das Resultat ist visuell oft beeindruckend und zeigt tatsächlich ein demokratisierendes Potenzial: Ein junger Filmemacher kann heute Bilder erschaffen, die früher nur grossen Studios möglich gewesen wären. Dass Hauser dafür beim Schweizer Filmpreis mit dem Spezialpreis der Akademie ausgezeichnet wurde, überrascht nicht.
Interessant ist dabei auch der Kontrast zur Debatte um Peter Luisis Film The Last Screenwriter (2024), der als angeblich erster vollständig von ChatGPT geschriebener Spielfilm massive Ablehnung auslöste – bis hin zur abgesagten Londoner Premiere nach Protesten in den sozialen Medien. Während Luisis Projekt die KI-Debatte offensiv suchte und schnell als Bedrohung menschlicher Kreativität gelesen wurde, wird Hausers Film auffallend wohlwollend aufgenommen. Vielleicht, weil Memory of Princess Mumbi KI sichtbar als Werkzeug menschlicher Imagination einsetzt und nicht als deren Ersatz. Vielleicht aber auch, weil die cinephile Begeisterung des Films vieles überstrahlt.
Denn diese Begeisterung ist ansteckend. Hauser liebt das Kino spürbar: seine künstlichen Welten, seine Illusionen, seine Übertreibungen. Immer wieder erfindet der Film fiktive Blockbuster, Poster oder Preisverleihungen und entwickelt dabei eine fast kindliche Freude am Medium selbst. In seinen stärksten Momenten erinnert Memory of Princess Mumbi weniger an dystopische Science-Fiction als an ein verspieltes Bastelkino, das seine Grenzen offen mitdenkt.
Umso auffälliger bleibt allerdings, wie wenig konsequent der Film seine anderen politischen Themen verfolgt. Zwar kritisiert Mumbi den eurozentrischen Blick des Dokumentarfilmers, doch die postkoloniale Perspektive bleibt letztlich eher Behauptung als wirkliche analytische Schärfe. Ähnlich verhält es sich mit dem Patriarchat: Die Figur des Königs verkörpert autoritäre männliche Macht zwar symbolisch deutlich, doch der Film wagt kaum, diese Struktur ernsthaft zu untersuchen oder Mumbi daraus eigene Handlungsmacht entwickeln zu lassen. Viele Konflikte werden eher märchenhaft umspielt als politisch zugespitzt.
Seine stärksten Momente erreicht der Film letztlich an einem anderen Punkt: als sehr persönliche Arbeit über Verlust und Erinnerung. Hauser widmet Memory of Princess Mumbi seinem 14-jährigen Bruder Charles, der vor Beginn der Dreharbeiten bei einem Motorradunfall ums Leben kam. Rückblickend erscheinen viele Szenen dadurch wie der Versuch, Menschen gegen das Verschwinden anzufilmen — sie in Bildern, Erzählungen und künstlich erschaffenen Welten festzuhalten. Gerade hier bekommt auch der KI-Einsatz eine zusätzliche Ebene: als Werkzeug gegen Vergänglichkeit, als Möglichkeit, Erinnerungen zu konservieren oder neu zu imaginieren. Als Reflexion darüber, wie wir uns an Menschen erinnern und wie Kino dabei funktioniert, entwickelt Memory of Princess Mumbi plötzlich eine emotionale Kraft, die den theoretischen Diskussionen über KI oft fehlt.
Vielleicht liegt gerade darin die eigentliche Ambivalenz des Films: Er funktioniert weniger als stringente politische oder technologische Analyse denn als fiebriger Traum über Kino, Verlust und Bilderproduktion. Formal ist das oft berauschend. Inhaltlich bleibt vieles Skizze. Doch selbst dort, wo Hauser scheitert, scheitert er produktiv — mit einer Neugier und einer Risikofreude, die man im gegenwärtigen europäischen Autorenkino selten sieht.
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Screenings in Swiss cinema theatres
Info
Memory of Princess Mumbi | Film | Damien Hauser | CH-KEN-SAU 2025 | Critics Award at Zurich Film Festival 2025, Solothurner Filmtage 2026 | CH-Distribution: Dschoint Ventschr Distribution
First published: May 18, 2026